Die andere Frau

Vor einigen Jahren machte ich mit einer Freundin einen Backpacker-  Urlaub in den USA. Wir statteten während unseres Abenteuers auch der Hippie- Metropole einen Besuch ab und ich kann euch sagen: San Francisco ist wunderwunderschön, but there`s a lot of crazy People… really crazy People!!!

Ich erinnere mich an eine Frau- wir begegneten ihr auf dem Bürgersteig auf dem Weg zur Bushaltestelle- sie war nicht besonders alt, aber sie wirkte verbraucht, erschöpft und fern der Realität. Sie redete und schimpfte mit jemanden, der gar nicht da war und wirkte in ihrer imaginären Konversation sehr aufgelöst. „Shut up!“, rief sie, „shut the fuck up!“ Ihren wirklichen Namen kenne ich natürlich nicht, aber ich nenne sie Elli, weil  San Francisco`s Straße mit den unzähligen verrückten und bedauernswerten Gestalten eben die Ellis street ist. Und dies ist Ellis Geschichte…

Elli hatte einen harten Start in diesen Morgen, weil die Tabletten, die sie am Tag zuvor genommen hatte, wie so oft, nicht anschlugen. Sie wachte früh auf, mit einem hämmernden Kopf und schwitzend auf dem Sofa liegend. Die Stimmen hatten sie aufgeweckt. Die Stimmen, die mit ihr sprechen, wenn die Tabletten nicht ihre Wirkung zeigen. Ruckartig erhob sich die dünne Frau mit den zitternden Händen und dem für ihr Alter schon sehr eingefallenen Gesicht, zog sich an und ging ins Badezimmer um sich das Gesicht zu waschen. Das eiskalte Wasser auf der Haut fühlte sich gut an und für den Moment waren die Stimmen verschwunden. Mit Kopf und Armen ins Waschbecken gebeugt verharrte sie in der Position und ließ das Nass an sich heruntertropfen. Als sie sich anschließend im Spiegel betrachtete, sah sie auch die Person hinter sich. Sie erschrak nicht, denn diese Frau, die hinter ihr im Spiegelbild zu sehen war, kam jeden Morgen zu ihr. „Was willst du hier schon wieder?“ fuhr Elli sie fauchend an. „Dasselbe wie immer,“ antwortete die Frau, die beinahe genauso aussah wie Elli. Etwas jünger, mit einem strahlenderem Gesicht vielleicht, vitaler wenn man so will und die kastanienbraunen Haare gewaschen und gepflegt. „Ich leiste dir Gesellschaft und will dir helfen, dass du wieder du selbst wirst.“ „Dazu brauche ich dich nicht, das schaffe ich ganz gut alleine, also mach, dass du hier verschwindest!“ Elli drehte sich um und tatsächlich war die andere verschwunden. Na also, dachte sie bei sich und machte sich auf den Weg in die Küche, um Kaffee zu kochen, guter Dinge, dass der heutige Tag besser werden würde, als die letzten. Doch sie täuschte sich. Die andere Frau stand an ihrem Herd und hatte den Kaffee aufgesetzt, und den Tisch reizend für das Frühstück gedeckt. Dieser hübsche, perfekt anmutende Frühstückstisch mit den penibel gefalteten Servietten, dem guten Hochzeitsgeschirr und den orangen Tulpen passte nicht in diese Wohnung. Nicht mehr. Es war hier mal nett und ordentlich gewesen, doch das ist schon lange vorbei, Elli schaffte es ja kaum, saubere Kleidung in den Räumen zu finden,  geschweige denn, die Fenster zu putzen oder frische Blumen in eine Vase zu geben.

„Schau nur, früher hat es an deinem Tisch immer so nett ausgesehen, als du noch für deine Familie zu sorgen hattest.“ „Halt den Mund! Ich dachte, du wolltest gehen!“ „Aber nein, Elli, ich verlasse dich nicht wie dein Ehemann, immerhin hast du einen Verlust zu verarbeiten. Ich bin stark genug, um dir über den Verlust von…“ „Sei still, hab ich gesagt! Sei still und verschwinde!!“ brüllte Elli sie explosionsartig  an und schlug die Tassen und Teller vom Tisch. „Nanana, jetzt trinkst du erst mal deinen Kaffee und nimmst deine Tabletten und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ beruhigte sie die Andere mit ruhiger Stimme.

Jetzt wurde es Elli zu viel. Sie spürte wie sich der Raum vor ihren Augen weitete und wieder zusammenzog und wie die Stimme der anderen Frau leiser wurde und die Stimmen in ihrem Kopf wieder lauter. Sie hörte das Klopfen an der Haustür und das Rufen der besorgten Nachbarin wie so oft nicht, sondern bohrte ihre Fingernägel durch das Haar in die Kopfhaut und schloss die Augen, was aber alles noch verschlimmerte. Die Andere kam nun auf sie zu und wollte sie festhalten, aber Elli schrie, fing an zu heulen und stürmte aus ihrer eigenen Wohnung. Sie schubste Mrs. Averton aus der Nachbarwohnung, die vor der Tür wartete und helfen wollte, zur Seite und rannte den langen Flur und die Treppen hinunter auf die Straße. Die andere Frau folgte ihr und versuchte immer wieder auf sie einzureden, aber Elli war so in Rage, dass sie beinahe von einem Auto angefahren wurde. „Elli, wenn du dich nur zusammenreißen würdest.. die Leute starren dich schon an!“ hörte sie die andere sagen. Sie drehte sich um und brüllte: „Halt dein Maul, halt dein verdammtes Maul!!“

Aber die andere Frau hatte wohl recht. Alle starrten sie an. Auch wir, meine Freundin und ich konnten nicht wegschauen, wir wollten zwar, konnten aber nicht. Ich dachte nur: Was musste dieser armen Frau nur widerfahren sein, dass sie weinend und wütend auf der Straße steht und jemanden anschreit, der gar nicht vor ihr steht…

4 Gedanken zu „Die andere Frau

  1. gloriamonique

    Eine sehr interessante Geschichte, die du zu der Frau entworfen hast! Ich gehe davon aus, dass die Begegnung mit dieser Frau wirklich stattgefunden hat? Besonders spannend finde ich den Teil über ihren Verlust – die ungelöste Frage, was sie noch außer ihren Ehemann verloren hat.
    Ein bisschen die Spannung genommen hat gleich zu Beginn der Erzählung die Aussage, dass Elli ihre Tabletten vergessen hat. Sofort weiß man, woher die Stimmen kommen und was ihr „Problem“ ist. Würde das zweite Ich einfach so auftauchen, ohne die Erwähnung der Pillen (die klar machen, dass es sich um Ellis Einbildung handeln muss), könnte der Leser hingehalten werden und sich fragen: Wer ist diese zweite Frau? Ist sie echt oder ein Traum?

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    1. Geschichtensammlerin

      Hallo gloriamonique, ja, die Begegnung mit „Elli“ hat tatsächlich stattgefunden! Da ich am Anfang ja schon erwähnt habe, dass sie sich auf der Straße mit jemandem auseinandersetzte, der gar nicht wirklich da war, wollte ich auch gar nicht darauf den Schwerpunkt legen, ob es Die andere Frau im Vorfeld der Geschichte wirklich gibt oder nicht, sondern eher darauf, was Elli an diesem Morgen auf die Straße getrieben und sie so aufgebracht hat. Aber kann sein, dass es für den ein oder anderen Leser so wie du sagtest, ein bisschen den Nervenkitzel genommen hat, aber wollte wie gesagt, das war im Grunde nicht meine Absicht dahinter, sondern eben einfach Ellis Geschichte zu erzählen, warum sie so ist, wie ich sie damals auf der Straße erlebt habe. Vielen Dank für deine Kritik!! Freue mich immer über Feedback und über die Sichtweise der Leser 🙂 LG die Geschichtensammlerin

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  2. Marina

    Und auf einmal war ich Mitten drin, „sah“ Elli schon vor mir und lebe einige Minuten meiner Zeit in Ihrer Welt . Fesselnd geschrieben – toll gemacht 👍🏻 *DaumenHoch!

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