Die Eulenfängerin

Folgende Kurzgeschichte ist ein Märchen. Für Erwachsene, um genau zu sein. Die Idee dazu kam mir schon vor längerer Zeit, als ich meine beiden Nichten beim Spielen beobachtete. Die Mädchen lieben Rollenspiele über alles und an jenem Nachmittag war die Rolle der Großen eine ganz besondere: „Ich bin die Eulenfängerin!“, rief sie, „Kommt zu mir ihr Eulen!“ Und bam, da ging das Kopfkino schon los bei mir. Bilder und Ideen wirbelten in meinen Hirnwindungen herum und ich wusste: Eines meiner Entwürfe in naher oder ferner Zukunft wird diesen Titel tragen. Inhaltlich muss ich dazusagen, habe ich mich von einem Gefühl leiten lassen, das sich die letzten Monate immer weiter in mir hochgearbeitet hat. Ein Gefühl der Enttäuschung und der Hilflosigkeit darüber, dass die meisten Menschen der Gegenwart aus unserer Vergangenheit wohl gar nichts gelernt haben. Unzufriedenheit im eigenen Land scheint immer noch Dummheit und Menschenhass zu produzieren. Aber ich möchte hier auf keinen Fall politisch ausholen, vielleicht nur ein klein wenig gesellschaftskritisch ankratzen. Aber: Einen Funken Hoffnung gibt es ja bekanntlich in jedem düsteren Märchen. Und dies ist das Märchen der Eulenfängerin…

 

Dass die Welt manchmal dunkel und kalt ist, voller gefährlicher Orte, an denen der eine dem anderen nichts gönnt, Orte an denen unheimliche und hässliche Wesen lauern, solche die einander anschreien und zerfleischen, die einander regelrecht auflauern, um sich gegenseitig zu bekämpfen und zu besiegen, ja, dass es so eine Welt ist, in der sie lebte, das wusste die Eulenfängerin nur zu gut. Sie kannte sie alle, diese besagten Länder, die ständig mehr und mehr wurden auf dem Erdenball, denn sie hatte sie schon fast alle gesehen auf ihren Reisen. Schon viele hatte die Eulenfängerin angetreten, immerhin kann man in 183 Jahren Lebenszeit so einiges schaffen, wenn man die Mühen auf sich nehmen mag. In den letzten Jahren hatte es sich die Alte nicht mehr angetan, oder nur noch selten, wenn sie fürchtete, die Eulen gingen ihr aus. Zuviel graute sie sich vor  den Wesen und ihren Abarten, und zu viel fürchtete sie, diese Abarten könnten irgendwann auch sie befallen. Die anderen wenigen, die wie sie einen Unterschlupf fanden in dieser dunklen und kalten Welt, weil sie noch ein gutes und reines Herz besaßen- und es waren nur eine Hand voll solcher- sprachen von einer Seuche, die jeden einzelnen Ort, jede Stadt, jedes Land und deren Bewohner auffraß, und nur die weisesten und tugendhaftesten aller Geschöpfe waren vor ihr sicher. Deswegen kümmerten sich genau diese um die treuen und tüchtigen Tiere der Erde, sie fingen sie ein, um sie zu beschützen und Kraft aus ihnen zu schöpfen, die die Tage einem abverlangten.

Doch waren sie wirklich sicher vor den bösen Gedanken und Taten der anderen? Die Zweifel  der Eulenfängerin wuchsen und wuchsen in all den Jahren. Aus diesem Grund verkroch sie sich mit ihren Eulen, Uhus und Kauzen in ihrem Haus in Binkerling, einem Städtchen nahe am Waldesrand und einem reißenden Fluss, den man nur über eine alte hölzerne Brücke zu überqueren vermochte. Aber die war schon seit Jahren baufällig und niemand, dem sein eigenes Leben lieb war, war so närrisch, auch nur einen Fuß auf das klapprige Gerüst zu setzen.  So kam es, dass Binkerlings einzige Bewohner die Eulenfängerin Agaleeh und der junge, etwas verrückte  Ameisenfänger Ikredus waren. Die beiden hatten nicht viel gemeinsam, die eine war alt, ständig betrübt und voller Sorge, während der andere ein optimistischer, lebensfroher Geselle war. Und während Agaleeh in dem guterhaltenen altviktorianischen Haus in der Straße eines ehemaligen Nobelviertels wohnte und sie ihre 67 Eulen in den ebenso schicken, geräumigen Zimmern des dreistöckigen Gebäudes unterbrachte, hauste Ikredus mit seinen Abermillionen Ameisen in einer heruntergekommenen Blockhütte direkt dort, wo das Städtchen endete und die Kiefern und Tannen anfingen und seine Tierchen ein herrliches Dasein in Wald und Wiesen hatten. Die vielen vielen Häuser zwischen den Beiden standen allesamt leer und man möchte meinen, dass es traurig zuging an einem so verlassenen Ort, aber tatsächlich lebten die Eulenfängerin und der Ameisenfänger ein gutes und recht frohes Leben miteinander, trotz ihrer beider Eigenheiten. Sie akzeptierten sich und das war das Geheimnis ihres friedvollen Lebens.  Nicht-Akzeptieren der ehemaligen Bewohner von Bingerling war der Grund, warum die Seuche alle anderen dahinraffte oder sie zu den grausigen Wesen machte, von denen wir schon gehört haben.

Aber nun schauen wir auf das Leben der Eulenfängerin, das sich ausschließlich um ihre gefiederten Freunde drehte. Siebenundsechzig mag vielleicht viel klingen, aber früher, als Agaleeh noch mehr gereist war, waren mindestens doppelt so viele in ihrem Besitz. Sie besaß Eulen aus allen Ländern und Kontinenten, in denen sie beheimatet waren. Wie sie das Vogelvieh wohl einfing, mag man sich vielleicht fragen. Nun, Agaleeh reiste in das Land, in das ihr Bauchgefühl sie führte und hatte nichts weiter bei sich, als einen kleinen goldenen, schwebenden Vogelkäfig. Sie wanderte und wanderte durch das Land, was oft wochen- oder sogar monatelang dauern konnte. Und wenn sie nah genug an einer Eule dran war, dann kam diese von selbst angeflogen, der Käfig schien wie ein Magnet das Tier anzuziehen, es regelrecht zu hypnotisieren.  Es flog in ihn hinein und siehe da, der Käfig wurde mit einem Mal größer. Und war die Eulenfängerin wieder nah genug an einer dran, dann kam auch diese herbei und flog in den Käfig, der dann wiederum ein Stückchen geräumiger wurde. So ging das, und es ging so lange, bis Agaleeh alle umliegenden Eulen, Kauze und Uhus des Landes eingefangen hatte und sie am Ende eine riesige Voliere über sich schweben hatte, die sie mit nach Hause nehmen konnte. Vor der schweren Elfenbeintür ihres Heims öffnete sie das Türchen des Voliere und ein tosendes Flattern rauschte über ihren Kopf hinweg ins Haus. Ein prächtiges Gefühl, ein wahrlich prächtiges Gefühl für die Eulenfängerin! Und so trug es sich zu, dass in ihrem Zuhause mal mehr, mal weniger Eulen ihre Lebtage verbrachten, bis sie eines Tages der Tod zu sich winkte.

Es waren wahrhaftig faszinierende Tiere:  Manche waren braun gefiedert oder grau oder schneeweiß und hatten ein anmutiges Gesicht, beinah könighaft, manche waren in Wesen und Aussehen verschmitzt und drollig, und einige wirkten sogar gefährlich, doch Agaleeh wusste um das Naturell ihrer Federtiere. Sie waren Jäger, natürlich, um das eigene Überleben zu sichern, das war der pure Instinkt, das jedes Tier in sich trägt. Fressen und Gefressen werden, der Lauf der Natur. Aber die wesentliche Eigenschaft, die Kraft dieser faszinierenden Tiere war ihre Klugheit und Weisheit. Besonderheiten, die auf der Welt so selten geworden waren, und Agaleeh hatte die ehrenhafte Aufgabe, sich um sie zu kümmern.

Agaleehs Haus war ein magisches Fleckchen, denn sie machte es magisch, um das Grau vor der Haustüre zu vergessen. Bunte  Bordüren zierten die goldenen Wände im Inneren, und der Boden war mit weißem, kuscheligem Fell bedeckt. Von der Decke baumelten glänzende Vogelkäfige- natürlich waren die Türchen nicht versperrt, immerhin waren die Tiere der Eulenfängerin nicht wirkliche Gefangene, sondern Gäste- und zwischen den Käfigen hingen geflochtene Weidenstränge, die den einen mit den anderen verband. Möbel gab es kaum in Agaleehs Haus, im großen Wohnzimmer stand nur ein lederner Ohrensessel und in den oberen Gemächern ein großzügiges Bett; mehr brauchte und wollte die Alte nicht, sie lebte für ihre Aufgabe, die ihr vor vielen Jahren zuteilwurde. Die Fenster mit den bronzenen Rahmen standen weit geöffnet, damit die Eulen, Kauze und Uhus ihre täglichen Runden fliegen konnten. Das Leben unserer vergreisenden Eulenfängerin  war gut und beschaulich, sie war zufrieden, aber nichts desto trotz war tief in ihr diese Angst vor der Außenwelt, der dunklen Seuche, die so viel ausgemerzt hatte. Denn auch, wenn sie verschont geblieben war und sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, etwas hatte sich durch die Seuche auch in ihr geändert: Das bedingungslose Vertrauen, das Urvertrauen, das eine Gefühl, das uns in die Wiege gelegt wird, war fast zur Gänze verschwunden. Das stimmte Agaleeh unglaublich traurig.

Warum änderst du nichts an deiner Traurigkeit, fragte die Schneeeule Krim sie eines Abends, als draußen Sternschnuppen wie Regentropfen vom Himmel flogen. Agaleeh und Krim saßen am großen Fenster an der Südseite und betrachteten das Himmelsspektakel.

„Ach, meine liebe Krim“, antwortete Agaleeh tief seufzend, „was soll ich nur dagegen tun? Sie kommt von ganz innen, meine Traurigkeit, und etwas, das so tief im Herzen ist, kann man nicht ändern. Das ist wie mit der Liebe. Wenn sie da ist, ist sie da.“

Krim wurde ganz still, hob tief atmend ihre weiß gefiederte Brust und blickte in die Ferne.

„Du sprichst weise Worte, aber unterschätze nie die Macht der eigenen Träume. Denn sie sind es, die uns antreiben. Sag mir, liebste Agaleeh, sag mir, welches ist dein Traum?“

„Mein Traum? An den habe ich seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendet, was bringt das schon? Die Welt ist, wie sie ist.“

„Sag schon“, beharrte Krim.

Die Alte musste über die Hartnäckigkeit der Schneeeule schmunzeln. „Seit Kindertagen träume ich von einer Welt, in der alle Wesen leben können ohne überleben zu müssen, einer Welt ohne Abgestumpftheit.  Seit Kindertagen! Und was ist passiert? Es wurde von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer und heute ist es schlimmer denn je, die Bewohner dieser Erde sind dümmer und hasserfüllter als je zuvor. Also, sag mir, was bringt mir mein kindischer, naiver Traum schon?“

„Glaube an ihn und finde Gleichgesinnte. Es gibt sie da draußen. Du sitzt nur schon viel zu lange hinter verschlossenen Türen, meine liebe Agaleeh. Wer die Tür nicht öffnet, kann nicht sehen, was vor ihr geschieht. Finde Gleichgesinnte und redet. Redet miteinander, redet mit anderen. Sprecht so laut, dass euch auch jene hören, die euch nicht hören wollen. Vielleicht wird dein Traum nie die Wirklichkeit verdrängen, das mag stimmen, aber möglicherweise werden Wesen in der Wirklichkeit ein kleines bisschen von deinem Traum einfangen, weil sie wie Eulen sind. Dein Traum ist dein Käfig und wird die Erdenbewohner anziehen, die noch tief im Inneren ein gutes Herz haben, aber nur vergessen haben auf es zu hören. Vielleicht Agaleeh, vielleicht hören sie dich und deinen Traum. Geh fort und fange sie ein, wie du uns Federvieh einst gefangen und gerettet hast!

In dieser Nacht schlief Agaleeh kaum, die Gedanken schwirrten ihr wie wild um dem Kopf, und lange,  bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer von Bingerling warf, war die Eulenfängerin auf und davon. Die kräftigen Flügel der Schneeeule Krim trugen sie im Traume über das kleine Städtchen hinfort, weit weg von den ihr so vertrauten Bäumen und Steinen, fort von dem Alltag und der Sicherheit, die ihr ihre Eulen und ihre vier Wände schenkten. Als Agaleeh erwachte, fand sie sich in einem zauberhaften Wäldchen wieder, voll farbenprächtiger Frühlingsblumen und sattgrünem Klee, und fröhliches Vogelgezwitscher stimmte ihre aufschäumende Unsicherheit mit einem Mal um in Erleichterung. Die alte Krim hatte ihr die Entscheidung abgenommen und sie ins kalte Wasser geworfen. Agaleeh war nun hier, weg von ihrem Zuhause, um sich ihrer wichtigsten Aufgabe zu stellen: Sie würde auf dieser Reise keine Eulen fangen wie sie es das letzte Jahrhundert getan hatte, nein, sie würde MENSCHEN suchen. Die Eulenfängerin vergaß ihre Angst und machte sich voller Hoffnung auf dem Weg. Sie sog die frische Waldesluft auf und sah sich an den bunten Farben satt, die sich ihr boten. Nach einigen Stunden wurde der Wald lichter und sie gelang auf eine große Wiese. „Agaleeh,  warte, so warte doch!“, rief eine verschnaufte Stimme hinter ihr. Es war der Ameisenfänger, der ihr gefolgt war. Ikredus tauchte zwischen den dicken Stämmen der Tannen und Kiefern auf und lächelte sie an, freundlich und optimistisch wie immer.

„Ich hatte mir überlegt“, so sagte er, langsam wieder zu Atem kommend, „dass man für eine so gewaltige und wichtige Reise, so wie du sie antrittst, auf jeden Fall einen Gefährten an seiner Seite braucht.“

Die Alte lächelte zurück und war erleichtert, dass sie nicht mehr alleine war. Sie sah, dass sie hoch auf einen Hügel standen und von dort aus ins Tal blicken konnten.  In ihrem Herzen tat es einen dumpfen Schlag. So schnell, wie ihre Hoffnung in ihr aufgeschäumt war, so schnell verpuffte sie jetzt bei diesem grauenhaften Anblick. Das Tal war in ein Grau getaucht, so düster wie man es sich kaum vorzustellen mag. Dunkler Rauch stieg in den Himmel und mit ihm ein Wimmern und Weinen von Menschen. Der herrliche Blütenduft von eben verblasste und wurde von einer stinkenden und stickigen Luft verdrängt. Willkommen in der modernen Welt, flüsterte Agaleeh leise. Was sollte sie hier? Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum hatte sie sich diese offensichtlich völlig verrückten Idee von dieser dummen Krim aufschwatzen lassen? Schon wollte sie Ikredus sagen, dass das alles keinen Sinn mache und sie besser kehrt machen sollten, da hörten sie von weit oben den Schrei der Schneeeule. Agaleeh richtete ihren Blick nach oben und sah Krims Flügelschlag in den Wolken aufblitzen.

„Sieh nur“, rief Ikredus.

Durch den schwarzen Nebel tauchte plötzlich ein riesengroßer Vogelkäfig auf, er besaß ein kräftiges Seil gewoben aus unzähligen Schichten Seide und er war weiß und silbern und glänzend in all seiner Pracht. Der Käfig durchbrach die Farblosigkeit des Tales und erleuchtete den Himmel bis zu Horizont. Ehe sie ihr Staunen in einen klaren Gedanken verwandeln konnte, konnte sie Gestalten erkennen, die aus dem Grau zu ihr und dem silbernen Käfig emporstiegen. Es waren Menschen, deren Augen Hoffnung und Reinheit besaßen; sie kamen zu ihr mit einem Lachen und Jubeln, so wie sie es seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr vernommen hatte. Die Alte spürte eine Freude in ihrem Herzen aufflammen und vergaß alles, was sie einst gehindert hatte, diese Freude zu empfinden. Die Menschen kamen und umarmten die Eulenfängerin und seilten sich an dem Seidenstrang nach oben in den Käfig und nahmen Platz. Sie waren bereit für ihre Rettung und für ein neues Leben ohne Zerstörung und sie waren bereit, gemeinsam mit Agaleeh und Ikredus weiterzuziehen und noch mehr Menschen einzusammeln. Und die Eulenfängerin war es auch.

 

 

 

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