Kalter Sand

IMG_1601

Die Küstenlandschaft auf dem Bild habe ich an einem windigen und recht kühlen Julitag von einem grasbewachsenen Hügel aus, auf Sylt geschossen. Wir liehen uns an jenem Tag Fahrräder von unserem Hotel im verschlafenen Örtchen Hörnum aus und erkundeten die Südseite der Insel aus. Wir, das waren mein Freund, meine beste Freundin, deren Freund und ich nebenbei bemerkt. Eine kleine feine Truppe in einem kleinen feinen Örtchen auf einer kleinen feinen Insel- ein Urlaubswochenende definitiv mal anders, aber durchaus empfehlenswert.

Zurück zu dem Foto, zur rauen See und der Unendlichkeit, die ein Horizont am Meer mit sich bringt. (Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber am Meer spüre ich immer einen Hauch von Freiheit in mir. Das liebe ich) Aber weiter im Text…  Alles ist ein wenig in dieses düstere, jedoch harmonische Grau getaucht, die der Himmel an diesem Tag herbeigetragen hatte. Das Meer, dazu diese wilde, unberührte Natur, vom Nordwind nach unten gebogene Grasbüschel und der menschenleere Strand… Einfach ein herrlicher Anblick. Menschenleer? Nicht ganz. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir zwei einsame Gestalten, nebeneinander gehend, auf diesem weiß-beigen Strandabschnitt. Damals, als ich auf diesem Hügel stand und hinunterblickte, beneidete ich die zwei um diesen einzigartigen Moment, denn wann hat man denn schon einen ganzen Strand für sich alleine? Es war zweifelsohne wunderschön dieses Bild, das sich uns bot und trotzdem barg der Anblick der zwei Menschen ein Krümelchen von Melancholie in sich. Worüber mochten die Beiden reden? Was hat die zwei dazu bewogen, diesen einsamen Spaziergang anzutreten?

„Willst du nicht lieber auf dem trockenen Sand laufen?“ fragte Marleen ihren jüngeren Bruder. „Du wirst dir noch zusätzlich eine Erkältung holen!“ „Was macht das schon. Vielleicht beschleunige ich die ganze Angelegenheit, dann hat sich die Sache bald gegessen.“, erwiderte Paul schroffer als beabsichtigt. Dabei ging es dem 32-Jährigen nur darum, den nassen, kalten Sand unter seinen Fußsohlen zu spüren. Weil es das letzte Mal sein könnte. Das war alles, was er in den letzten Wochen denken konnte: Das ist wahrscheinlich mein letztes Mal. Ein letztes Mal am Strand spazieren, ein letztes Mal einen Familienurlaub genießen… selbst bei banalen Sachen war die Frage immer dieselbe: Ist das meine letzte Fahrt mit dem Bus, ist das mein letzter Einkauf im Supermarkt, ist das meine letzte Dusche? Es war schrecklich und Paul wusste nicht, ob es normal war, einer jeden Handlung solch eine große Bedeutung zu legen, aber er tat es. Taten das alle sterbenden Menschen? Er hatte für sich die Theorie aufgestellt, dass es nur diejenigen taten, die noch nicht bereit waren zu sterben. Leute wie er, die eigentlich noch zu jung waren, die, die ihre Kinder noch nicht aufwachsen haben sehen, die, die noch ihr Motorrad nach Jahren aus der Garage holen und aufmotzen und diese klebrig süßen Makronen in Paris essen wollten, die noch die unzähligen Geschenksgutscheine für alle möglichen Aktivitäten  einlösen wollten. Die Leute, die noch leben wollten. Aber das Schicksal meint es nicht gut mit manchen Menschen. Paul traf es gleich doppelt hart. Vor zwei Jahren hatte ein besoffener Autofahrer seine Frau niedergefahren, und dann musste man noch von Glück reden, wenn man bedenkt, dass sein damals  drei Monate alter Sohn in dem Kinderwagen völlig unversehrt geblieben war. Wie er es geschafft hatte, seinen Kleinen durch diese 24 Monate zu bringen ohne ernstere Zwischenfälle, wusste er bis heute nicht. Klar, Marleen und seine Mutter halfen ihm durch die schwere Zeit und gaben ihm Sicherheit, wo sie nur konnten, aber all die Nächte, in denen der Kleine zahnte oder fieberte, all die zehrenden Tage, in denen es Tränen und Geschrei gab, und Paul nicht wusste, warum, all diese schwierigen Momente hatte er alleine gemeistert. Das machte ihn irgendwie stolz und er genoss es, Papa zu sein von einem schlauen, kleinen Kerl. Nun aber stand ihm die schwierigste Prüfung bevor: Wie sollte er seinem Sohn sagen, dass sein Papa auch bald nicht mehr da sein würde, um mit ihm zu spielen, ihn zu füttern und ihm zu helfen, wenn es beim Jacke anziehen mal wieder zu schwierig wird? Wie sollte er ihm sagen, dass er ganz bald nicht mehr zuhause leben würde, sondern bei seiner Tante und seinen zwei Cousins? Das war nicht fair. Paul hatte zwei Jahre alles gegeben, und nun würde er sein Kind nicht mehr durchs Leben begleiten können. Der aggressive Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse ließ das nicht mehr zu. Noch maximal zwei Monate, sagte man ihm vor vier Wochen. Halbzeit. Wenn überhaupt. Kurz nach der ernüchternden Diagnose hatte Paul mit seiner Familie samt Kind und Kegel diese letzten Ferien auf Sylt gebucht, er wollte sich, aber vor allem dem Kleinen noch ein Stückchen Unbeschwertheit schenken. Außerdem wollte er mit Marleen alles klären. Für den schlimmsten Fall, der nun mal unweigerlich eintreten würde.

Und hier waren sie nun, an diesem kühlen, verwehten Tag. Sie vereinbarten, dass Paul mit dem Kleinen auf jeden Fall nach ihrem Aufenthalt hier auf der Insel schon zu Marleen, ihrem Mann und deren Kinder ziehen würde, damit sich für den Kleinen nach Pauls Tod nicht alles auf einmal veränderte und er sich schon einleben kann. Damit sich alle aneinander gewöhnen können, damit jeder den anderen noch mal intensiver kennenlernt. Es war für Paul ein Trost zu wissen, dass sein Sohn bei Marleen aufwachsen werden würde. Sie war ihm immer eine tolle Schwester gewesen  und war eine gute Mutter für ihre Kinder. Gleichzeitig tat es ihm im Herzen weh, den Kleinen irgendwo „abzugeben“. Der Junge konnte das doch nicht verstehen. Er war zu klein. Paul stellte sich außerdem die Frage, ob sich der Kleine später an ihn erinnern würde? Auch das wird nicht der realistische Fall sein. Die Ereignisse, die sich so früh in der Kindheit abspielen, waren später nicht mehr in den Köpfen der Menschen, sondern lediglich auf Erinnerungsfotos Teil ihrer Geschichte. Dieses Wissen, dass sein eigenes Kind ihn vergessen würde, tat ihm dermaßen einen Stich ins Herz, dass Paul beschloss, zumindest noch eine Handvoll Erinnerungen zu schaffen und festzuhalten, die Marleen später dem Kleinen immer wieder zeigen und von denen sie ihm erzählen konnte.

„Ich habe Briefe, die ich Nils geschrieben habe, ich möchte, dass du ihm jedes Jahr an seinem Geburtstag einen gibst. Ich habe sie beschriftet, sie reichen bis zu seinem 18. Geburtstag, dann sind mir die Ideen ausgegangen, was ich denn schreiben könnte“, sagte Paul mit einem unsicheren, ein wenig gekünstelten Lachen, „außerdem habe ich mir immer ausgemalt, wie aufregend es wäre, wenn wir zusammen mal ins Legoland fahren, wenn er endlich alt genug dafür ist. Daraus wird ja leider nichts mehr… Übernehmt ihr das für mich bitte?“

„Aber natürlich“, erwiderte Marleen leise, „das macht ihm sicher riesigen Spaß.“

„Ansonsten haben wir im Großen und Ganzen alles besprochen, wegen Kita, Schule usw. Und den Rest… ach ihr werdet das schon schaukeln.“ Kurz herrschte eine Stille zwischen den Beiden, als sie nebeneinander am Strand entlangliefen. Marleen blickte auf die hohen Grashügel links von ihnen, Paul schaute aufs Meer hinaus. Wie gut dieser Anblick tut, dachte er und wandte sich wieder Marleen zu. „Ich bin noch nicht dazugekommen, aber du sollst wissen, dass ich dir wirklich wirklich dankbar bin, dass du das für uns tust. Es lässt mich zumindest ein bisschen leichter von dieser Welt gehen. Ich weiß, Nils wird es gut bei euch haben. Danke.“

Marleen war die letzten Wochen immer sehr stark gewesen, jetzt flossen die Tränen nur so über ihre Wangen. „Wir versuchen unser Bestes, und wir werden die Erinnerung an dich wahren“, schluchzte sie, „du warst ein super Papa und hast das alles alleine so gut gemeistert… Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann!“

„Ach komm her, du…“ Paul nahm seine weinende Schwester in den Arm und so standen sie da. Minutenlang. Minuten, in denen Paul in Gedanken und emotional seinen Sohn seiner Schwester gewissermaßen schon überreichte. Von einer Seele zur anderen. Mit dem Rauschen der Wellen und dem Wind um ihre Köpfe nahmen sie schon Abschied voneinander, denn vielleicht war es ja das letzte Mal, dass sie nur zu zweit miteinander verweilen konnten.

„Noch um einen kleinen Gefallen möchte ich dich bitten, bevor wir zu den anderen zurückspazieren.“

„Alles was du willst, Paul!“

Dieser zog sein Handy aus der Jackentasche und drückte es Marleen in die Hand.

„Ich möchte für den Kleinen noch ein Video machen. Es soll kein Abschiedsvideo sein oder so, ich möchte ihm einfach nur noch ein paar Sachen sagen und mitgeben, die er jetzt noch nicht verstehen kann, aber irgendwann.“

„Alles klar, einfach hier vor dem Meer? So richtig kitschig?“ scherzte Marleen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.

„Wenn schon, denn schon!“  schmunzelte nun auch Paul.

„Und wann soll ich ihm das Video zeigen?“ Marleen schaltete auf Kamerafunktion, suchte die günstigste Position und richtete das Handy auf ihren Bruder.

„Wenn du es für den richtigen Moment hältst“, Paul schloss die Augen und atmete tief durch. „Also los…“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s