Kammerflüstern

Die Vorgeschichte zur eigentlichen Erzählung ist dieses Mal etwas länger, weil es im Grunde zwei sind und sie für die Handlung von Bedeutung, bzw. sie Teil davon sind. Denn das Kind, von dem ich euch gleich erzählen werde, ist die Verschmelzung zweier Jungen, die mir einmal begegnet sind. Den einen lernte ich vor ungefähr sieben Jahren bei meiner Arbeit im Kindergarten kennen. Er war auf den ersten Blick einer von vielen. Nicht besonders auffallend vom Aussehen, ein einfacher kleiner, fünfjähriger Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Ich kam neu dazu in den Kindergarten, lernte die Kindergruppe gerade erst kennen und knüpfte Kontakte mit den Mädchen und Jungen, auch mit dem besagten Jungen. Wir waren im Garten,  er spielte nicht mit den anderen, sondern saß alleine am Rand der Sandkiste und starrte auf das Nachbargebäude. Ich setzte mich zu ihm und sagte fröhlich: „Na? Alles ok bei dir? Was siehst du denn da Interessantes?“ „Weißt du“, erwiderte er mit einem ungewöhnlichen klaren Ausdruck und die Worte sehr langsam betonend, „da oben in dem Haus, da wohnen böse Menschen. Und wenn ich nicht brav bin, kommen mich die bösen Menschen holen.“ Einen Moment lang war ich sehr verdattert, denn eine jede andere Antwort hatte ich erwartet. Aber NICHT DIESE. Ich versuchte, den Jungen zu beruhigen. „Aber nein, keine Angst, da oben wohnen keine bösen Menschen.“ „Meine Oma hat mir das gesagt, die bösen Menschen kommen und holen mich.“

Das war meine Begegnung mit dem ersten Jungen. Den zweiten konnte ich nur einige Minuten beobachten, aber er löste in mir ungefähr dasselbe Gefühl aus, wie das Kind aus dem Kindergarten. Das war vor ungefähr zwei Wochen, als ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz war. Wir saßen gerade auf der Parkbank und aßen ein wenig Obst, da kam der Junge mit der blau karierten Schildkappe mit seinen Großeltern zum Holztor des Spielplatzes. Das Tor klemmte und ich fragte, ob ich denn helfen könne. Die Antwort der Oma ließ mich bedauern, höflich gewesen zu sein, denn zur Antwort bekam ich ein garstiges: „Besser, wenn sie bei ihrem eigenen Kind bleiben.“  Ich sagte nichts dazu, und widmete mich kopfschüttelnd wieder meinem Sohn zu. Die drei betraten den Spielplatz; Opa, Oma und an ihrer Hand der Junge. Die Atmosphäre war für die sonnigen Temperaturen plötzlich ziemlich fröstelnd geworden, ich kann es nicht genau erklären, warum ich das so empfand. Vielleicht war es die schroffe Antwort der Frau, vielleicht der unsichere Blick des Jungen oder der Umgang der Großeltern mit dem Kleinen. „Willst du auf die Schaukel?“, fragte die Frau ihren Enkel. Er nickte und lächelte schüchtern. Es war nicht wie sonst, wenn ein Kind auf den Spielplatz kommt, denn er rannte nicht los voller Spielbegierde, war nicht von Freude erfüllt. Die Großmutter geleitete ihn- immer noch seine Hand haltend wohlgemerkt- zur Schaukel und der Großvater hob ihn hoch. Ich schätze, der Junge musste ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein und doch wurde er auf die Schaukel gehoben und angeschubst. Nicht schnell, versteht sich. Der Junge schaute die fünf Minuten, die er maximal auf der Schaukel verbrachte, unentwegt zu uns. Lächelnd -und wie ich fand, ein wenig sehnsüchtig. Ich ließ meinen Kleinen alleine losmarschieren, obwohl er nicht mal halb so alt wie das andere Kind war- für mich selbstverständlich, meinem Kind etwas zuzutrauen. Nach, wie gesagt, ungefähr fünf Minuten hatte es sich ausgeschaukelt, der Junge wurde von seinen Großeltern wieder runtergehoben, die dauernd neben ihm gestanden hatten wie Bodyguards um einen Superstar, nahmen ihn wieder an die Hand und verließen den Spielplatz.

Unheimlich waren diese Situationen für mich, wirklich gruselig… Und so sehr Kinder der Sonnenschein im Leben sind, ich sie liebe und in meiner Rolle als Mama und als Kindergärtnerin aufgehe… Momente, wie die von mir erlebten, schaffen Bilder und Geschichten in meinem Kopf, die auch ein gottverlassener Spielplatz bei Nacht oder ein Clown außerhalb eines bunten Zirkuszeltes in einen auslösen…  Vor allem beschäftigt mich nach diesen Begegnungen aber die Frage: Kann in einem Kind schon das Böse stecken? Und wenn ja, wie bahnte es sich den Weg in die unschuldige Seele? Viel Spaß bei meinem kleinen Psychothriller 😉

„Es tut mir leid ihnen wieder sagen zu müssen, dass Danny andere Kinder wieder an den Haaren gezogen hat, er hat ihnen regelrecht welche ausgerissen. Ich sage Ihnen das nicht, damit sie ihn bestrafen oder so, wir haben das mit ihrem Enkel schon geregelt, aber sie müssen das wirklich ernsthaft mit ihm besprechen, so kann es nicht weitergehen. Außerdem müssen sie darauf vorbereitet sein, dass die Eltern der betroffenen Kinder sie darauf ansprechen werden. Vielleicht klären sie das untereinander dann noch mal. Schönen Tag trotzdem noch.“

Die Kindergärtnerin wandte sich einem Kind zu, das noch nicht abgeholt wurde ohne die Antwort von Ms. Connor abzuwarten, Dannys Großmutter. Somit sah sie nicht mehr den bösen Blick, die diese ihrem Enkel zuwarf. Sie setzte ihm seine blaue Mütze auf, nahm ihn an die Hand und zog ihn grob an sich heran.

„Gehen wir.“ Danny taumelte neben seiner Großmutter her, als sie die Straße hinuntergingen.  Er wollte nicht nach Hause gehen, zuhause war es dunkel und Oma machte es noch dunkler, wenn er nicht brav gewesen war. Die Hand tat ihm schon weh, so fest hielt sie ihn. Sie hielt ihn immer an der Hand. Wenn Danny nicht gerade im Kindergarten war, war er eigentlich nie ohne sie. Mama konnte sich nicht um ihn kümmern, darum war Oma zuhause, ging mit ihm einkaufen und ab und an auf den Spielplatz um die Ecke.

Als sie daheim ankamen, hatte es gerade angefangen zu regnen, ein leichter Nieselregen, der die ersten kühleren Herbsttage ankündigte. „Geh rein und zieh dir die Schuhe aus. Dann geh dir deine schmutzigen Hände und dein schmutziges Gesicht waschen. Schau doch nur, wie eklig du bist, Danny. Kein Wunder, dass sich deine Mutter immerzu in ihrem Zimmer einsperrt. Da bist du nur selber schuld. Wer will denn auch so ein schmutziges und dazu noch so böses Kind sehen, dass anderen die Haare ausreißt? Na los, mach schon!“ Der Junge schlenderte eingeschüchtert ins Badezimmer, während Ms. Connor sich mit ihrem Mann in der Küche unterhielt und sich ein Glas Saft aufschenkte. „Dieser kleine Satansbraten, ich hab dir schon damals gesagt, wir sollen uns diese Last nicht aufbürden. Nur weil deine Tochter wegen ihrer kindischen Drogenexperimente nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und zu dumm zu verhüten war, können wir uns jetzt mit diesem Rotzlöffel rumschlagen. Ich sage dir, der wird genauso enden wie deine missratene Tochter.“

Teilnahmslos wie immer, nickte Mr. Connor nur leicht und gab ein grummelndes „Mmh“ von sich.

„Ich bringe ihn in die Kammer, dann kann er nachdenken, was er getan hat“, fügte die alte Frau hinzu.

Es war ein kleines, etwas beengendes Zimmer, von dem sie da redete, das früher im Haus der Connors nur als Abstellkammer für Putzzeug und allen möglichen Krimskrams verwendet wurde, und erst mit Lynns Schwangerschaft als Kinderzimmer umfunktioniert worden war. Denn es war von vorherein klar, dass Lynn nicht für ihr Kind würde sorgen können, sie war zu krank und zu abhängig. Sie hatte zwar immer beteuert, während und nach der Schwangerschaft clean zu bleiben, aber weder während noch danach war ihr das gelungen. Danny musste nach seiner Geburt bereits einen Entzug durchleiden. Aus Mitleid mit dem Baby hatten Lynns Vater, Mr. Connor und seine zweite Ehefrau den Enkel und die Tochter zu sich geholt. Ms. Connor war allerdings von Anfang an nicht sehr begeistert von der Idee, eine Drogenabhängige, die seit einem ihrer Trips nicht mehr ganz bei Trost war, und einen Säugling bei sich im Haus aufzunehmen.

Das Kinderzimmer bot kaum genügend Platz für Danny, außer seinem Bett, einem Stuhl  und einer klitzekleinen Spieleecke war nichts darin zu finden. Es besaß außerdem nur ein kleines Fenster, das nur am frühen Morgen Sonnenstrahlen hereinscheinen ließ. Danny war nicht gerne in seinem Zimmer, er schlief nicht gerne darin und tagsüber wollte er auch nicht dort sein, dann lieber neben Oma und Opa auf dem Sofa oder in der Küche. Spielen durfte er hier allerdings nicht, das mochte Oma nicht. „Nur in deinem Zimmer“, sagte sie immer. Er weinte und schrie, als sie ihn in die Kammer  brachte und auf sein Bett setzte.

„Ich will nicht Oma, ich will bei euch bleiben!“ „Halt deinen vorlauten Schnabel.  Du warst heute ein sehr böser Junge! Und weißt du was mit kleinen, bösen Kindern wie dir passiert, wenn sie nicht endlich brav werden? Die bösen Menschen, die großen, bösen Menschen kommen sie holen. Und die sind wirklich schlecht, von ganz innen heraus. Mit denen hat man nichts mehr zu lachen.“ Danny schluchzte und rieb sich seine Nase. „Wieso, was machen die bösen Menschen denn?“ „Ha! Sie machen dir Angst, den ganzen langen Tag lang und prügeln dich windelweich. Deine Mama war früher auch ein böses Kind. Auch sie haben sie geholt. Und jetzt ist sie verrückt geworden und lebt nur noch in ihrem Zimmer…. Willst du auch so enden wie deine Mutter, willst du, dass sie dich holen kommen Danny? Willst du das?“ „Nein, Oma, ich will bei dir und Opa bleiben“, wimmerte der Junge und zupfte unsicher an den Bettlaken herum. „Na siehst du“, flüsterte Ms .Connor mit plötzlich ganz sanfter Stimme.

„Und genau deswegen musst du jetzt in deinem Zimmer bleiben, deswegen machen wir es dunkel hier drin, damit du von nichts abgelenkt wirst und du darüber nachdenken kannst, was du heute getan hast. Und wenn du wieder brav bist, hole ich dich.“

„Ich mag nicht hier im dunklen Zimmer sein, Oma! Ich bin schon brav versprochen!“ Aber diese stand schon auf, zog die Rollläden herunter, verließ die Kammer und zog die alte Holztür hinter sich zu.

„Oma! Oma! Ich bin brav! Oma!“ hörte man Danny noch dahinter rufen, aber Ms. Connor setzte sich neben ihren Mann auf die Terrasse, zündete sich eine Zigarette an und genoss ihr alltägliches und ruhiges Nachmittagspäuschen.

In der Kammer war es zappenduster. Nur ein hauchdünner Lichtstreif fiel durch die etwas verfallenen Rollläden auf den modrig riechenden Teppichboden. Es war totenstill, Danny hörte nur seinen eigenen Atem, der langsam wieder regelmäßiger wurde. Zwei Zimmer weiter hörte er das monotone Keuchen und Aufheulen seiner gestörten Mutter.

„Hörst du sie?“ flüsterte seine eigene Stimme auf einmal. „Du willst doch nicht so verrückt werden wie sie. Sie ist Abschaum, hörst du. Darum hasst du sie. Sie ist nicht deine Mama.“

„Ich weiß“, antwortete Danny. „Die bösen Menschen haben sie geholt.“

„Richtig, und sie werden auch dich holen kommen, wenn du dich nicht wehrst. Du hast das Mädchen heute nur an den Haaren gezogen, weil sie dich ausgelacht hat. Sie gehört zu DENEN.“

„Ich darf aber niemanden mehr an den Haaren ziehen, das war böse.“, widersprach Danny.

„Nein, nicht doch, deine Oma lügt dich nur an, merkst du das nicht? Das war mutig, das Mädchen zu bestrafen, denn sie gehört zu denen. Du musst sie beseitigen wie dreckigen Müll. Du weißt doch, was mit Müll passiert nicht wahr? Du bist doch ein kluger Junge.“

„Er kommt in die Müllverbrennungsanlage!“

„Richtig, Danny, wie schlau du bist! Und was machst du morgen mit dem bösen Mädchen, das dich ausgelacht hat?“

„Ich weiß es nicht…“

„Na klar weißt du das. Du steckst sie in die Müllverbrennungsanlage. Denn sie ist Müll, Abschaum. Und den muss man wegmachen. Verstehst du das, Danny?“

„Mhm, ich glaube schon. Ich muss mich vor den bösen Menschen wehren. Und sie wegmachen.“

„Gutes Kind“, wisperte seine Stimme lächelnd, „du bist wirklich ein gutes Kind!“

Die Stimme wurde still, sie flüsterte nicht mehr. Danny saß auf seinem Bett in der Dunkelheit, lauschte der Stille und dachte über die Stimme nach. Er spürte, wie sie in ihm war und sein Kopf von ihr erfüllt. Er spürte auch ein anderes Gefühl, das er schon kannte, es war die Wut. Sie stieg in ihm hoch, tief aus dem Herzen. Sie kam ungezügelt. Weil die Alte ihn hier in der Kammer eingesperrt hatte, weil die Kindergärtnerin ihn geschimpft hatte, weil das Mädchen über ihn gelacht hatte. Weil seine Mutter zu verrückt war, um ihn vor den bösen Menschen zu beschützen. Die Wut in seinem Körper und die Stimme in seinem Kopf flossen ineinander, und eine neue Kraft und Sicherheit baute sich in ihm auf. Die Angst vor der Dunkelheit und den bösen Menschen verschwand.

Als seine Großmutter die Kammer wieder aufsperrte, begann es draußen schon zu dämmern und Danny erwachte aus seinem bösen Alptraum.

„Na? Wirst du wieder ein braver Junge sein?“

„Ja Oma, das werde ich“, murmelte er verschlafen. Sie nahm Danny an die Hand und ging mit ihm nach draußen.  Es stand bereits das Abendessen auf dem Küchentisch. Er war artig während des Essens und half seinem Opa anschließend beim Abwasch. Er brachte seiner Mutter einen Teller Suppe und etwas Brot in ihr Zimmer und räumte ihren Müll weg, den sie dort herumliegen hatte. Und weil er so fleißig gewesen war, durfte Danny mit seinen Großeltern vor dem Zubettgehen noch die Nachrichten im Fernsehen schauen. Es gefiel ihm, was in den Nachrichten zu sehen war. Großmutter erklärte ihm, das seien die bösen Menschen, von denen sie gesprochen hatte, die, die da andere niederschossen und den kleinen Jungen aus Indiana verschleppt hatten. Danny war plötzlich beeindruckt und fürchtete sich kein kleines bisschen mehr.

„Warum lächelst du, du Idiot?“, herrschte Ms. Connor ihn von der Seite an. „Das ist doch nichts Tolles, sondern ganz ganz schlimm, kapierst du das nicht?“

„Doch Oma!“

„Ich denke, das ist genug für heute.“ Sie hob ihren Enkel vom Sofa und brachte ihn zum Zähneputzen ins Bad. Dann begleitete sie ihn in zurück in die Kammer, schaltete dieses Mal das Nachtlicht, einen kleinen, flackernden Mond, ein.

„Nein, Oma, den brauch ich nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr!“

Ms. Connor schaute ihn etwas verdutzt drein, machte das Licht wieder aus und schüttelte den Kopf.

„Du wirst noch genauso verrückt, wie deine Mutter. Soll euch irgendjemand auf der Welt verstehen. Schlaf jetzt. Ich will dich nicht mehr sehen heute.“

Sie machte die Tür hinter sich zu. Danny wartete einige Minuten, ehe er aus dem Bett kroch und auf den alten, klapprigen Stuhl kletterte, der unter dem kleinen Fenster stand. Die Rollläden waren nur zur Hälfte verschlossen, sodass er hinaus auf die Straße blicken konnte. Irgendwo da draußen waren sie. Und er wartete ab jetzt sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie ihn holen kommen wollten. Denen würde er es schon zeigen. Jedem einzelnen…

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