Auf dem Bootssteg

Eine junge Frau sitzt alleine auf dem Bootssteg, fernab der anderen Gäste, fernab des Trubels, fernab der Hektik. Sie sitzt lesend mit einem Bein angewinkelt auf ihrem gelb-orangen Handtuch, ihre Sneakers liegen daneben. Sie trägt ein hellblaues T- Shirt und hat ihre Haare locker und schnell zu einem Dutt zusammengebunden.

Dieses Bild fing ich neulich am See im örtlichen Lido für mich ein. Man kannte der Frau an: Sie ist weder an den See gekommen, um andere Leute zu treffen, noch großartig ihre Haut zu bräunen oder Längen im Wasser zu schwimmen. Vermutlich kam sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad, um abzuschalten, den Alltag zu vergessen und sich in ein Buch zu vertiefen, das unter der Woche unberührt auf dem Sofa herumliegt, weil die junge Frau einfach nicht die Zeit dafür aufbringen kann. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich nicht sonderlich zurecht gemacht hat (aber wer macht das schon, wenn er zum Baden an den See geht?), aber die junge Frau wirkte auf mich etwas abgekämpft und erschöpft. Ich glaube, es lag an ihrem Gesichtsausdruck, denn sie hatte zumindest in diesem Moment kein besonderes Strahlen für irgendjemanden. Für mich sah sie nach einer jungen Frau aus, die sieben Tage die Woche kaum Momente für sich selbst fand und es nicht immer leicht hatte. Aber ich konnte auch erkennen, dass sie genau in diesem Moment zur Ruhe kam.

Es war schön, sie dort mit diesem Buch in der Hand sitzen zu sehen. Dabei dachte ich zur Abwechslung mal an keine spezielle Geschichte, sondern vielmehr daran, dass jeder von uns ab und zu mal genau das für sich tun sollte: Alleine auf dem Bootssteg sitzen und lesen. Oder alleine im Wald spazieren gehen. Sport machen. Oder für sich selbst etwas Schönes kochen. Oder- das ist meine persönliche Auszeit vom Alltag- einfach mal am Laptop oder über einem Notizheft sitzen und Gedanken loswerden. Sich für niemanden zurechtmachen, für niemanden strahlen müssen, für keinen anderen da sein, außer für sich selbst. Ein egoistischer Gedanke? Absolut nicht. Wir sind ständig für alle und alles in Bereitschaft, da bleibt man selbst oft auf dem Trockenen sitzen und das tut der Seele nicht gut. Wir lieben unsere Familien, unsere Freunde und (hoffentlich) unsere Jobs, ohne sie würde nichts gehen. Sie halten uns aufrecht, motivieren uns, schenken uns Kraft und Liebe, ja, sie sind das- kurz und knapp ausgedrückt- Essentielle. Aber im Eifer des Alltags, von Konflikten und Hektik, die all diese eigentlich so wichtigen Dinge leider ebenso mit sich bringen, braucht man Atempausen, Zeit zum Abschalten, Zeit für sich, Zeit auf Null zurückzufahren. Weil wir alle mal erschöpft sind, ausgepowert und vielleicht auch mal abgekämpft. Aus welchem Grund auch immer das passieren mag, das ist einfach nur menschlich. Und ob es jemand ist, dem die Arbeit oder die Partnerschaft über den Kopf wächst, oder eine Mutter, die an ihre Grenzen stößt oder ein Mensch, der einen Schicksalsschlag erleidet: Es gehört nun mal alles zum Leben dazu. Sich dann mal Zeit für sich zu nehmen ist nicht egoistisch, sondern schlichtweg gesund.

Darum applaudierte ich damals im Stillen der jungen Frau auf dem Bootssteg: Wie Recht du hast, dachte ich, wie vollkommen Recht du hast.

2 Gedanken zu „Auf dem Bootssteg

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