Heldenerinnerungen

Ich kannte einen Mann und eine Frau, die hatten ein Herz aus Gold. Als ich sie kennenlernte, waren sie schon älter und man kann sagen, dass sie das Leben von seinen guten, aber auch weniger guten Seiten kennenlernten. Ihre Geschichte ist ein ständiger Wechsel dieser Seiten, vielleicht mehr als bei anderen. Das Leben zweier Menschen in so wenigen Zeilen hineinzupacken, ist schier unmöglich und auch gar nicht meine Absicht; deswegen werfe ich euch, liebe Leser, einfach inmitten hinein, in die Geschichte von Josef und Anna.

Josefs prägende Jahre begannen wohl, als er als junger Mann in den Krieg zog. Um zu überleben musste er – wie tausende andere Soldaten – Dinge tun und Dinge mitansehen, die man sich nicht im schlimmsten Traum vorstellen mag. Denn – und das vergisst man oft – nicht ein jeder Soldat, ist oder war ein freiwilliger Soldat. Damals hatte man keine Wahl, denn es war keine Zeit der Kompromisse. Man tötete oder wurde getötet. Man hielt seinen Mund oder wurde getötet. Man gehorchte oder wurde getötet.

Josef war ein besonders gutmütiger Mensch und diese schrecklichen Erfahrungen zerrissen ihn innerlich. Einen Teil von sich ließ er im Krieg zurück. Jahre später sagte er zu seiner Frau und seinen Kindern, wenn sie ihn nach Geschichten aus dem Krieg fragten, es gäbe nichts Schönes über ihn zu erzählen. Und er schwieg darüber, fast sein ganzes Leben lang.

Anna wuchs im Gegensatz zu Josef, der ein Einzelkind war und von seiner Mutter alleine großgezogen wurde, in einer Großfamilie mit insgesamt fünfzehn Kindern auf. Auch sie wurde früh mit dem Tod konfrontiert, denn sie verlor zwei ihrer Brüder – einer fiel im Krieg, der zweite stürzte aus einem Sessellift. Wie es früher in Großfamilien üblich gewesen war, reichte das Geld kaum aus. Ihren Wunsch Lehrerin zu werden musste Anna bald aufgeben, weil schon ihr Bruder diesen Weg einschlug, und für zwei Kinder reichte das Geld für die Ausbildung nicht aus. Lesen und Schreiben lernte sie in nur einer Katakombenschule.

Irgendwann führte das Leben Anna und Josef zusammen. Sie verliebten sich ineinander und gründeten eine Familie. Leider meinte es das Schicksal immer noch nicht gut mit den beiden. Sie verloren zwei ihrer Kinder, eines sofort nach der Geburt, das andere wurde nur zehn Tage alt. Nichts desto trotz: drei Söhne und zwei Töchter wurden ihnen dann doch geschenkt und später eine ganze Schar Enkel dazu, die sie allesamt vergötterten … aber dazu später.

Mit fünf Kindern war es nicht immer einfach. Anna hatte alle Hände voll zu tun, aber sie war eine starke Frau, hielt die Familie zusammen, schmiss den Haushalt und traf alle wichtigen Entscheidungen. Josef und sie arbeiteten hart, um sich über Wasser zu halten, doch es gab unzählige Nächte, in denen Anna sich hungrig ins Bett legte, damit ihr Mann und ihre Kinder genug zu essen hatten. „Ich habe keinen Hunger“, behauptete sie, als das Abendbrot wieder mal nicht ausreichte; sie tat eben alles für die Familie und Josef wäre ohne seine Anna wohl verloren gewesen. Er unterstützte sie, wo er nur konnte, auch an seinen freien Wochenenden half er ihr bei der Hausarbeit und in der Küche, denn er war der Meinung: „Mama hat schon genug um die Ohren.“ Josef und Anna ließen ihren Kindern viele Freiheiten, hatten Vertrauen in sie und waren offen und locker in ihrer Erziehung. Trotzdem waren manche Tage als Eltern hart, aber die Mühen der beiden zahlten sich aus.

Ihre Kinder wuchsen zu vernünftigen Erwachsenen heran, gingen zur Arbeit und bekamen eigene Kinder. In diesem neuen Lebensabschnitt kamen fast alle Familienmitglieder in den vier Wänden von Oma Anna und Opa Josef zusammen – und das fast täglich! Die Nachmittage wurden dort verbracht, Sommer wie Winter. Die Enkelkinder spielten Verstecken im Hof, rannten um die Wette oder gingen auf Schatzsuche, während Anna mit ihren Töchtern und Schwiegertöchtern Karten spielte oder einen Kaffeeklatsch hielt. Die Väter arbeiteten meist, ebenso Josef, der immer noch in der Landwirtschaft beschäftigt war. Als er abends mit seiner hellblauen Vespa in den Hof gefahren kam, begrüßten ihn seine Enkelkinder voller Freude. Manchmal brachte er ihnen ein Eis mit – dann strahlten deren Augen natürlich ganz besonders.

Die Großeltern brachten ihren Enkeln den achtsamen Umgang mit Pflanzen und Tieren bei, selbst den m toten Insekten, die die Kleinen immer wieder mal einsammelten, schenkten sie ihre Aufmerksamkeit. Die Kinder bastelten kleine Kruzifixe aus Zweigen und begruben zusammen mit Opa die Tierchen in der Wiese hinter dem Haus. Kelly, die Cockerspanieldame, war stets mit von der Partie und sorgte für so manch‘ lustige Momente, wenn sie wie eine Verrückte in der Wiese herumsprang oder ihren treuseligen Blick aufsetzte, wenn jemand vor ihren Augen ein Brot vertilgte.

In der Wohnung gab es einen besonderen Raum, früher das Kinderzimmer der beiden Töchter. Josef und Anna päppelten in jenem Raum verwundete und verletzte Vögel auf und sorgten sich um sie. Ging es einem Vogel wieder gut, brachten sie ihn raus ins Freie und warfen ihn hoch in die Luft, um ihm wieder die Freiheit zu schenken. Das waren besondere Momente für die Kinder, Momente für die Ewigkeit.

Im Zuhause der Großeltern verbrachten die Enkelkinder eine wunderschöne Kindheit, voller Leichtigkeit und Zauber. Es war das Zuhause der gesamten Familie. Aber weil das Leben nun mal einen Haken hat und nach Höhen auch seine Tiefen,  wurde Josef eines Tages plötzlich schwer krank und alles ging ganz schnell. Nach nur kurzer Zeit verlor er seine Kräfte, seine gutmütige Stimme und schließlich sein Leben. Seine Enkel erlebten das alles wie einen bösen Traum und seine Kinder verloren ihren vielleicht größten Halt. Vor allem seine Töchter fielen in ein tiefes Loch. Bloß Anna war wie versteinert und sie vergoss seltsamerweise nicht eine einzige Träne – zumindest nicht vor den anderen. In den Augen der Enkelkinder passte das nicht zum Bild ihrer lieben Oma. „Sie sei schon immer so stark gewesen“,erzählten Annas Töchter, „sodass es oft auch schon den Eindruck von Distanziertheit machte.“ Schwach zu sein, so glaubte Anna, könne sie sich nicht leisten. Die Enkelkinder nahmen es ihr nicht übel. Sie waren Großmutter für so Vieles dankbar, sie waren Großvater für so Vieles dankbar. Mit ihrem Dasein war das Zusammenkommen der Familie ein regelmäßiges, es war ein Zusammenhalt da, eine wunderbare Gemeinschaft.

Ich kannte zwei Menschen, die hatten ein Herz aus Gold. Sie waren meine Oma und mein Opa und ich deren damals zweitjüngstes Enkelkind. Als Opa starb, war ich noch nicht mal fünf Jahre alt und doch erinnere ich mich noch zu gut an seine feinfühlige und ruhige Art, an sein Lachen und seinen sanften Blick. Ich erinnere mich daran, wie seine Stimme plötzlich nur noch ein Flüstern war und wie meine Mama in einer Julinacht weinend vom Krankenhaus nach Hause kam. Welche Leere er in ihr und in unserer gesamten Familie hinterließ.

Meiner Oma verdanke ich so einiges. Sie hat mich Vieles gelehrt, mir reichlich Zeit geschenkt und mir das älteste Buch, das ich heute besitze, ihren Sturkopf und ihre Hände vererbt. Als sie starb war ich schon um einiges älter, aber auch mit sechzehn versteht man den Tod noch nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihn jetzt, in diesem Moment verstehe. Ich benutze noch heute dieselbe Handcreme, die auch Oma ständig benutzt hat und jedes Mal, wenn ich den Duft der Creme einatme, denke ich wieder einige Sekunden an sie. Omas schwarzen Saphir habe ich mir zum Ring machen lassen. So sind meine Großeltern bei mir.


Mit Wehmut und gleichzeitig großer Freude blicke ich an die Zeit zurück, in der beide, Anna und Josef, vereint am Küchentisch saßen, ihre Kinder und Enkelkinder um sie versammelt, in der wohlig warmen Küche. Drei Generationen. Ob es ihnen damals bewusst war, dass sie ihre schicksalhaften Jahre nicht umsonst gelebt hatten, dass sie Helden für uns alle, Kinder wie Enkelkinder waren, ob sie wussten, dass sie uns nicht nur das Leben, sondern uns auch die schönsten Jahre schenkten, dessen bin ich mir nicht sicher. Es war auf jeden Fall die unbeschwerteste  Zeit meines Lebens, denn sie stand für mich in dem magischen Licht der Kindheit und der Sorglosigkeit; es ist die Zeit, die mir bis heute die kostbarste Erinnerung ist.

 

Danke Oma, danke Opa, ihr bleibt unvergessen! Und diese Zeilen sind für euch ❤

2 Gedanken zu „Heldenerinnerungen

  1. Daniele

    Das ist ein sehr schöngeschrieben Text. Berührend ist er zudem auch noch, da er dazu bewegt, selbst an seine Großeltern zu denken, die etwas hinterlassen haben, was vorerst unsichtbar wirkt, aber dennoch wahrlich etwas Großes ist.
    Verwetten könnte ich, dass du so viele Gleichheiten in ihnen siehst, die dich in deiner Persönlichkeit bestimmen. Wenn dem so ist, halte daran fest!
    Es ist kein Zufall, dass du in deiner Familie jemanden hast, der Lehrer geworden ist. Lehrer und Autoren sind Vermittler bzw. Botschafter. Sowas wird im seelischen Erbgut weitergegeben.

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    1. GeschichtenimKopf

      Hallo Daniele, ja das stimmt wohl, obwohl mir leider nicht so viel Zeit mit ihnen vergönnt war (v.a. mit meinem Großvater), haben sie wesentlich dazu beigetragen, wer ich heute bin. Das beweist wiederum, welch starke Persönlichkeiten die beiden waren… und sia haben uns so soviel mitgegeben! Ich hoffe und wünsche dir, dass du auch ein bisschen vom Geist deiner Großeltern in dir trägst, aber da bin ich mir ganz ganz sicher ☺️

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