Die glückliche Wendung im Leben des Jesper Moeller

Habt ihr schon mal von Christiania gehört? Nein? Christiania ist in Kopenhagen eine Art Wohnsiedlung für Aussteiger, Hippies, Freidenker und alle anderen, die das „Außerhalb“ meiden, um in ihrer Freistadt ein alternatives Leben zu führen. Sie leben und arbeiten dort nach ihren eigenen Regeln und werden trotz umstrittenen Haschischkonsums innerhalb dieser ehemaligen Militärzone von der Hauptstadt geduldet. Bis 2016 gab es auch die sogenannte „Pusherstreet“, in der mehr oder weniger legal Cannabis verkauft wurde. Letztes Jahr im Sommer machten die Stände dicht, nachdem es zwischen einem Dealer und Polizisten zu einer tödlichen Schießerei kam.

Als wir vor zwei Jahren in Kopenhagen waren, stand Christiania, wie bei tausenden anderen Stadtbesuchern, auch auf unserer To- do- Liste. Ich erzähle euch, wie mein Eindruck von der umstrittenen Freistadt war. Am Eingang: Haufenweise Touristen vermischen sich mit dem Aussteigervolk. Ein Gewimmel von Leuten, bunten Farben und schräger Hippie- Straßenmusik von solchen Christianiten, die schon fast ihr ganzes Leben dort verbracht hatten und ganz offensichtlich den ein oder anderen Joint über den gelegentlichen Genuss geraucht hatten. Dann kommen die selbstgemalten Verbotsschilder (alles handgemacht in dieser autonomen Gemeinde): Fotografieren verboten. Denn dann betritt man die Pusherstreet. Links und rechts Haschischstände mit Tarnnetzen, die den Dealern Anonymität geben. Daneben weitere Männer mit Strumpfmasken über dem Kopf. (Unser Kopenhagener Gastgeber Tammy erzählte uns, dass die Pusherstreet  mit den Jahren gefährlicher wurde, darum die Tarnungen der Männer. Er sagte, Kameras und neugierige Blicke mögen sie nicht. Zu viele Polizisten.) Wir für unseren Teil durchquerten zügig und mit mulmigem Gefühl die Straße, um dann den anderen, für mich ziemlich gegenteiligen Teil Christianias zu betreten. Hier fühlte man die Freiheit ihrer Bewohner. Gelassenheit, entspannte Leute auf der Wiese (allesamt rauchend wohlbemerkt), kreative Werkstätte, in denen sie auf ganz ordentliche Art und Weise ihr Geld verdienten (mit Schmuck, Dekoartikeln, die berühmten Kopenhagener Fahrräder werden hier hergestellt und einiges mehr), ein See, haufenweise Bäume, verwinkelte Wege und bunte Bilder auf den ehemaligen Stadtmauern und Militärgebäuden. Und jetzt komme ich endlich auf den Punkt, nämlich auf den Mann, um dem es in meiner Geschichte geht, denn genau hier, an einer Kreuzung nahe dem Wäldchen, mitten in Christiania, da sah ich ihn:

Er sah aus, wie ein Woodstockveterane oder ein Überbleibsel einer Hippiekommune: Langes, blond gewelltes Haar, eine dünne Brille im Gesicht, das schon einige Falten hatte und eine helle, legere Kleidung bedeckte seinen sehr schlanken Körper. Und er war barfuß.

Ich nenne ihn Jesper. Jesper saß im Schneidersitz vor einem Laternenmast, bemalte diesen mit bunten Farben und verwandelte einen nicht erwähnenswerten Gegenstand in ein Kunstwerk, das dadurch mit Christiania eins wurde. Wie bei vielen anderen Christianiten fragte ich mich auch bei ihm, wie er wohl hierhergekommen war, wann er mit der Außenwelt gebrochen und sich für diese Alternative entschieden hatte.

Leider erinnere ich mich nicht mehr daran, was er malte, ich habe nur diesen malenden Hippie im Kopf, denn nicht oft trifft man auf Menschen, die so augenscheinlich zufrieden sind und so leidenschaftlich und glücklich im Moment leben, wie es dieser Mann getan hat. Und genau darum habe ich Jesper nicht vergessen.

Nachdem Jesper Moeller gekündigt wurde, stand er an der Ampel der Kreuzung neben seiner Schule. Ehemaligen Schule besser gesagt. Neun Jahre hatte er hier Kinder der Mittelschicht Kopenhagens in Mathematik unterrichtet und er sah es lange Zeit nicht nur als eine Arbeit, sondern als Berufung. Jesper konnte von sich selbst behaupten, dass er Lehrer mit Leidenschaft war und war überzeugt, etwas mit wirklichem Sinn zu tun. Die letzten Monate hatte sich an dieser Einstellung allerdings etwas geändert. Das positive Gefühl war irgendwie verschwunden. Vielleicht lag es daran, dass die Anforderungen immer größer wurden, die Kinder schwieriger zu begeistern von Zahlen und dem Addieren oder der bürokratischen Kram mehr und mehr wurde. Es genügte ihm schon alles irgendwie, aber war er auch wirklich glücklich? Er war sich nicht mehr sicher. Er wusste lediglich, dass das morgendliche Aufstehen und der Gang zur Arbeit reine Routine geworden war. Gekündigt wurde ihm an dem heutigen Tag mit der nüchternen Begründung der Sparmaßnahmen und dem daraus resultierenden Stellenabbau. Warum gerade er? Weil es noch zwei andere Mathematiklehrer an der Schule gab, die noch dazu jünger und motivierter waren als Jesper. Also musste der 49- Jährige seine Sachen packen.

Die Ampel schaltete auf Grün. Aber Jesper, der mit seiner Ledertasche und einem Karton seiner schulischen Habseligkeiten an der Straße stand, blieb stehen und ließ die anderen Passanten, die neben und hinter ihm warteten, an sich vorbeigehen. Interessanterweise, das wurde ihm in dem Moment klar, war ihm die Kündigung völlig egal. Er war beinahe… ja, erleichtert. Ganz unverhofft fühlte sich Jesper Moeller wieder frei. Er lächelte und überquerte die Straße nicht, sondern stellte seinen Karton neben die überquellende Mülltonne, die dort stand, drehte sich einfach nach links und ging los. Wohin, wusste er selbst nicht so genau, aber er hatte das Bedürfnis zu gehen. Schlendern, Kopenhagen auf sich wirken lassen. So lange hatte er das nicht mehr getan. Wäre sein Tag wie gewöhnlich abgelaufen, dann wäre er nach der Arbeit direkt nach Hause gegangen, um Hausaufgaben zu korrigieren und die nächsten Unterrichtseinheiten zu planen. Dann hätte er sich vermutlich aufs Ohr gelegt, um dann noch mal raus zu gehen, kurz in den Lebensmittelladen und dann wieder nach Hause zum Kochen. Jesper lebte seit drei Jahren alleine, seit seine letzte Beziehung in die Brüche gegangen war. Dieser weinte er nicht besonders hinterher und er suchte auch nicht aktiv nach einer neuen Frau, warum auch? Alleine lebte es sich auch ganz gut und um einiges unkomplizierter. Er war ein Einzelgänger, das war er schon immer gewesen, ein wenig eigenbrötlerisch und introvertiert. Manche hielten ihn für eine Art Mathematik- Nerd, aber in Wahrheit war die Welt der Logik nur sein Job, den er liebte und mit Fleiß ausübte, aber dennoch sein Job. In seinen vier Wänden, da malte er. Das wusste keiner, weil es wahrscheinlich auch niemanden richtig interessierte, aber er malte leidenschaftlich gern und zumindest Jesper selbst fand seine Werke gar nicht so schlecht. Er malte, nur für sich selbst, abends vor dem zu Bett gehen. Fernseher besaß Jesper keinen und er hatte auch nicht die Intension sich einen zuzulegen. Er hantierte lieber mit seinen Acrylfarben und Pinseln auf den Leinwänden herum, das entspannte ihn und war der perfekte Kontrast zu seiner Arbeit. Von seinem Hobby hatte er nie wirklich jemandem erzählt. Außer Marta, dieser Frau, der er vor einem Jahr zufällig in einer Bäckerei in Christianshavn, ganz in der Nähe der Erlöserkirche begegnet war. Normalerweise hatte er es nicht so mit fremden Leuten, aber diese Powerfrau mit den kurzgeschnittenen dunkelbraunen Haaren und der fröhlichen und natürlichen Ausstrahlung hatte ihn von der ersten Minute an in ihren Bann gezogen. Ihm blieb auch fast keine andere Wahl, denn sie plauderte einfach darauf los, als sie zufällig nebeneinander an der Brottheke gestanden hatten. Dass er sich auf diese Direktheit so einlassen konnte, war für ihn überraschend, denn normalerweise war so was gar nicht seine Art. Aber bei Marta war das anders. Drei oder vier Stunden hatten sie sich an dem kleinen Tisch in der Bäckerei noch unterhalten. Jesper erzählte ihr von seinem Dasein als Lehrer und wie er seine Kindheit auf einem Bauernhof in einem kleinen dänischen Dorf in der Nähe der Hauptstadt mit drei Geschwistern verbracht und wie er schon bald mit der Familie gebrochen hatte, um in die Stadt zu ziehen. Dass sie ihn finanziell dabei nicht unterstützten, weil er planmäßig den Hof des Vaters übernehmen sollte. Dass er das Abenteuer Großstadtleben und die Suche nach dem Glück der Verantwortung  vorgezogen hatte und später- die Ruhe vom Land doch vermisste. Dass er die Stille nur beim Malen finden konnte. Und Marta erzählte, dass sie aus der Ukraine vor fünfzehn Jahren nach Kopenhagen gekommen war, um zu arbeiten und vielleicht mal zu studieren, dann aber in Christiania sozusagen hängengeblieben war, weil sie dort, so formulierte sie es, „ihre Freiheit und absolute Selbstbestimmung in einer wunderbaren Gemeinschaft leben kann“. Damals war sie gerade dabei, ihre Wohnung aufzulösen und ihre Habseligkeiten allesamt zu verkaufen, um ganz nach Christiania zu ziehen. Er müsse sie unbedingt mal besuchen kommen in ein paar Wochen, hatte sie ihn aufgefordert, es würde ihm da auch gefallen.

Jesper sah Marta seit jenem Tag nicht wieder. Er besuchte sie nie, und ehrlich gesagt, hatte er auch nicht oft an sie gedacht, ab und zu mal, wenn der Tag so mühsam war, dass er sogar zum Malen zu müde war. Als er nun durch die Stadt schlenderte, erinnerte er sich aber an die Begegnung mit Marta mit Herzklopfen.  Nicht, weil er verliebt war, das war es nicht, aber Marta stand für etwas. Mut vielleicht. Freiheit? Er wusste lediglich, dass er in einer halben Stunde oder weniger die alten Gemäuer der Freistadt Christiania betreten würde. Bisher war er nur zwei oder dreimal dort gewesen und er konnte nie wirklich sagen, mit welchem Gefühl er dort verweilte. Außer dass er angenehm high gewesen war und gemütlich in der Sonne gelegen hatte, war nicht sonderlich viel von dieser Welt an ihm hängengeblieben.

Heute waren die Emotionen schon beim Hineingehen anders. Der Tag war anders, die Umstände waren andere, Jesper war anders. Er hoffte, auf Marta zu treffen, aber es war nicht sie alleine, die er finden wollte.

Er durchquerte den Eingang und die Pusherstreet, ohne sonderlich auf seine Umgebung zu achten. Er blendete all die Schaulustigen aus, die Haschischtouristen und die Dealer mit ihren bedeckten Gesichtern. Er erinnerte sich daran, dass Marta von einer Künstlerwerkstatt gesprochen hatte, in der sie vielleicht arbeiten konnte, aber davon gab es hier nicht bloß eine. Überall suchte und fragte er nach ihr. Aber seltsamerweise schien niemand die Frau zu kennen oder gar von ihr gehört zu haben. Nach anstrengenden zwei Stunden ergebnislosem Suchen setzte er sich ans Wasser und zweifelte kurz an seinem Unterfangen, von dem er eigentlich gar nicht so recht wusste, was er sich davon erhoffte. Selbst, wenn er Marta finden würde: Was wäre dann? Was genau erwartete sich Jesper von seinem Ausflug hierher?

Ein blonder, junger Mann  im adretten Anzug, hockte neben ihm, und ließ seinen Feierabend hier bei einem gemütlichen Joint ausklingen. Er schien zu Jespers Verzweiflung zu merken und ließ ihn ein paar Mal ziehen. Dieser bedankte sich und legte sich für einige Minuten mit dem Rücken ins Gras und schloss die Augen. Ließ das Cannabis auf sich wirken. Seine Zweifel und die Unruhe lösten sich im behaglichen Rausch auf.

Als er etwas später den See verließ und durch das Wäldchen zurückspazierte, sah er dort zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, die mit ihren Wachsmalstiften die größeren Steine und Felsen des Weges bemalten. Das Herz ging ihm auf, als er sah, mit welcher Intensität die Kleinen ihre Tätigkeit ausführten. Instinktiv setzte er sich zu dazu, lächelte sie an und griff nach ein paar Malstiften. Die Kinder lächelten zurück und beobachteten fasziniert, wie Jesper mit den Farben eine Landschaft auf einen wuchtigen, runden Stein zauberte. Mit Ruhe und Besonnenheit verwandelte er den gewöhnlichen Stein in ein Kunstwerk, das sich ins Bild Christianias einbettete und dort auf dem Weg liegen blieb und schlief, eben so lange, wie die Farben auf dem Stein hafteten. Jetzt spürte Jesper den Geist von Christiania, von dem Marta vor einem Jahr gesprochen hatte und er merkte auch, und zwar zum ersten Mal in seinem Leben, das sich etwas zu 100% richtig anfühlte. Er hatte etwas gefunden, wonach er eigentlich gar nicht gesucht hatte. Und das auch noch an einem Ort, den er nie wirklich gesucht hatte. Äußerst skurril, dieses Glück. Und wo es manchmal versteckt auf einen wartet, schon komisch. Jespers schien es hier, auf den kleinen Wegen und in der Natur Christianias zu finden.

Als er an diesem Tag nach Hause ging, hatte er Marta zwar nicht gefunden, dafür aber etwas für ihn weitaus Größeres. Auch wenn er Marta nicht wiedersehen würde, sie war sein Pfeil, der ihn in die richtige Richtung geleitet hatte. Er wusste, dass er wiederkehren würde, dann aber nicht als Gast für einen Tag. Er würde bleiben, denn er empfand diese Stadt als Gesamtkunstwerk und Jesper Moeller, der keine größere Leidenschaft als das Malen besaß, wollte das Kunstwerk erweitern, um einen jeden Stein, eine jede trostlose Mauer und eine jede kahle Straßenlaterne.

3 Gedanken zu „Die glückliche Wendung im Leben des Jesper Moeller

  1. Alexandra Wendt

    Ich war auch vor circa zwei Jahren in Kopenhagen und habe zusammen mit einer Freundin Christiania aufgesucht. Da es schon abends war, waren wenig Touristen da und fast nur „Einheimische“. Wir haben uns nicht lange aufgehalten, der Ort war ein wenig beklemmend für uns. Besonders wegen der Pusherstreet.
    Ich finde es toll, wie du diesen einen Menschen zu Anlass genommen hast, selbst etwas kreatives zu schaffen. Es fängt auch auf besondere Weise das Wesen dieses Ortes ein. Echt klasse!
    Etwas inkonsistent erscheint mir, dass Jesper noch vor einem halben Jahr sehr erfolgreich und glücklich in seinem Job gewesen sein soll. Entscheidet man innerhalb so kurzer Zeit, dass das jetzige Leben schlecht ist? Und dass man dann gleich aussteigen muss? Bei dem, wie du ihn anschließend beschreibst, als Einzelgänger, introvertiert, würde ich davon ausgehen, dass er nicht der beste Lehrer ist. Das ist ein wenig unvereinbar. Aber ansonsten eine tolle Geschichte 🙂
    LG, Alex

    Gefällt mir

    1. Geschichtensammlerin

      Hallo Alexandra!! Schön, dass du dir Zeit zum Lesen und für ein Feedback genommen hast, danke!!!
      Sehr erfolgreich, sehr glücklich war Jesper schon länger nicht mehr, ich habe beschrieben, wie ihm die letzten Monate etwas fehlte und dass ihm alles zur Routine wurde. Vielleicht zu wenig beschrieben? Dass er ganz plötzlich ausgestiegen ist, war ja auch irgendwo der Kernpunkt, nämlich, dass er unerwartet, unverhofft etwas gefunden hat, wonach er eigentlich gar nicht gesucht hatte. Ist das im Leben nicht oft so? Dass man seinen Alltag lebt, auch irgendwo zufrieden ist damit, aber das eigentliche Glück woanders liegt? Jesper hat es zufällig gefunden und eine Wendung im Leben geschieht ja meist schnell 😉 und ob Jesper ein guter Lehrer war oder nicht, wissen wir nicht, ist für mich persönlich auch nicht relevant für die Geschichte. Jedenfaaaalls: ich danke dir sehr für dein Feedback!!! Und vielleicht hast du ja nochmal die Chance nach Kopenhagen zu kommen, dann solltest du dir Christiania auf jeden Fall tagsüber ansehen, da ist es bei Weitem nicht so schlimm und die Werkstätten der Christianiten sind auf jeden Fall einen Besuch wert 😉 LG Sarah

      Gefällt 1 Person

      1. Alexandra Wendt

        Hallo Sarah, danke für dein ausführliches Statement 🙂 irgendwie hat es beim Lesen so auf mich gewirkt, als sei er gerade noch der tolle Lehrer gewesen gewesen und plötzlich nicht mehr… Aber halt nur mein Eindruck. Ansonsten kann ich deine Argumentation voll nachvollziehen.
        Liebe Grüße, Alex 🙂

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s