Keine Turbulenzen

Manche Medienberichte- ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes- beeindrucken einen Leser bzw. Zuschauer stärker als andere. Woran das genau liegt hängt wahrscheinlich von persönlichen Interessen, Erfahrungen und auch Ängsten zusammen. Eine Story, die mich in den letzten Jahren zum Grübeln gebracht hat, war das Verschwinden der Boeing 777 in Asien. Warum genau diese Geschichte? Weil ich nicht daran glaube, dass ein Flugzeug in der heutigen Zeit einfach verschwinden und es anschließend nicht mehr aufgespürt werden kann. Ein jeder Mensch auf der Welt kann ausfindig gemacht und ein jedes Handy, ein jeder Laptop, eine jede Blackbox kann geortet werden. Wie kann also ein ganzes Flugzeug einfach so vom Radar verschwinden?

Ich bin überzeugt, dass Medienberichte frei nach Lust und Laune und vor allem nach Willen von Regierungen zusammengebastelt werden, um zu verschleiern, zu verschönern, um die Gemüter bei Laune zu halten und die Gedanken der Menschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Es ist zudem keine überraschende Neuigkeit, dass in unserer schönen Welt unzählige, unvorstellbare Dinge getan werden, die die Würde und den Wert eines Menschenlebens für Profit untergraben. Menschen ausbeuten, egal wofür, egal wie und egal wo- Das ist die grausame Realität und der Preis für Macht und Geld. Nur muss es nicht unbedingt jeder auf dem Silbertablett serviert bekommen.

Der Flug MH370 diente mir als Inspirationsquelle für meine neue Kurzgeschichte. Weil ich glaube, dass alles möglich ist an menschlichen Grausamkeiten. Weil es immer schon so war, heute so ist und immer so sein wird.

 

Als ich aus meinem Nickerchen erwache, höre ich, wie einer der Passagiere hinter mir seinem Sitznachbar zuflüstert, dass die Flugrichtung der Boeing schon seit mehr als zwei Stunden von der eigentlichen Route abweiche.

„Das ist doch nicht normal, finden Sie nicht auch?“ höre ich den Mann leise sagen. „Normalerweise gibt der Pilot den Passagieren doch Bescheid, wenn das der Fall ist, aus welchem Grund auch immer.“

„Hmm, weiß nicht“, gibt ein zweiter, deutlich älterer Herr zurück, „ich bin in meinem Leben erst drei Mal geflogen, aber ich denke, die werden schon wissen, was sie tun. Vielleicht umfliegen sie nur Luftlöcher oder etwas in der Art.“

Der andere grummelt etwas undeutlich vor sich hin, offensichtlich nicht zufrieden mit der Reaktion des Alten. Ich für meinen Teil runzle die Stirn, schnaufe einmal tief durch und schließe wieder meine Augen. Was sich manche für einen Kopf machen wegen eines solchen Fluges… Die Medien machen die Leute völlig verrückt mit ihren Schauergeschichten. Klar, es kann immer was passieren, aber beim Autofahren kann man schließlich auch draufgehen und das mit Abstand größerer Wahrscheinlichkeit. Ebenso kann mich nachts nach dem Weggehen irgendein Verrückter verschleppen. Manche Menschen sollten sich einfach zuhause einsperren. Aber wahrscheinlich hat der Kerl hinter mir nur zu viele Bloody Marys intus, bestellt hat er jedenfalls genug und seine Fahne reicht  fast bis nach vorne in die First Class. Oh Gott, noch fast fünfeinhalb Stunden Flugzeit… Im Sitzen zu schlafen ist der Horror, mir tut jetzt schon alles weh. Gibt’s nicht bald Abendessen? Hoffentlich nicht so was furchtbar Abscheuliches wie auf dem Hinflug nach Peking. Igitt, bloß nicht daran denken… Das klebrig süße Begrüßungssäftchen von vorhin war auch nicht grad der Hammer. Regelrecht kotzen musste ich davon. Jetzt geht’s wieder, Gott sei Dank, ich dachte zuerst schon, ich hätte mir einen Magen-Darm- Virus eingefangen. Aber mein Bauch scheint Hunger zu haben, alles ok also. Und auf die Toilette muss ich auch. Gut, ich gebe zu, meine Laune ist nicht unbedingt auf dem Höhepunkt meiner Reise. Zum Glück sitze ich am Gang, dann muss ich das Mädchen und ihre Mutter, die neben mir sitzen, nicht beim UNO spielen stören. Als ich aufstehe merke ich, wie sich meine Gelenke und Muskeln bei mir bedanken. Aus der Tasche im Handgepäckfach krame ich mein Schminktäschchen, als der dicke Bloody Mary- Typ, der ein schwarzes ACDC- Shirt trägt und seine langen Haare zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden hat, eine Stewardess zu sich winkt. „Can you tell me, why the airplane goes this way and not the other? What`s going on? Why doesn`t say the pilot something about this change?” fragt er mit grottenschlechtem Englisch. Red doch einfach auf Deutsch, das  verstehen die genauso gut, denk ich. Schmunzelnd schaue ich mir die Reaktion der Stewardess an, deren Gesichtsausdruck irgendwie gefasst, aber freundlich lächelnd wie immer ist und dem Mann erwidert, dass sie sofort nachfragen werde. Als sie sich von ihm weg- und zu mir hindreht, spüre ich ein seltsames Unbehagen, als sie so direkt vor mir steht und mir ins Gesicht blickt. Ich weiß nicht, warum, ab er ich stelle mich blöd und frage: „Toiletten gibt es vorne und hinten oder? Gibt es irgendwo weniger Andrang? Ich muss wirklich ganz dringend!“ Ich lache vermeintlich beschämt und sie beantwortet mir höflich meine Frage, bevor sie sich an mir vorbeidrängt und schnellen Schrittes nach vorne Richtung Cockpit und First Class geht. Hmm, das war ja wirklich komisch. Aber naja. Nach dem Toilettengang wasche ich meine Hände und mein Gesicht, ziehe meinen Eyeliner nach und lege ein bisschen Puder auf, um mich zumindest äußerlich nicht mehr ganz so erschöpft und ausgekotzt zu fühlen. Meinen Zopf neu zu binden habe ich keine Lust. Wenige Minuten später bin ich wieder bei meinem Sitzplatz, der Bloody-Mary Typ aber nicht mehr auf seinem. Das kommt mir kurz sonderbar vor, aber ich mache mir keine weiteren Gedanken. Er wird vielleicht auch auf die Toilette sein. Wo denn sonst? Also ich brauche jetzt erstmal ganz dringend was zum Essen, vielleicht geht es mir dann besser. Ich verstaue mein Schminktäschchen und setze mich wieder hin. Die Mutter und ihre Tochter starren aus dem Fenster, der Geschäftsreisende rechts von mir im Mittelgang blättert bereits zum x-ten Mal das Flugmagazin durch. Endlich kommen die Stewards und Stewardessen mit den Essenswagen angerollt. Meine Vorfreude wird zunichte gemacht, als ich den ersten Bissen meines vegetarischen Reises zu mir nehme. Keine Ahnung, welches Gewürz da drin ist, aber es widersteht mir äußerst. Meine Sitznachbarinnen scheinen hingegen gar nicht genug zu bekommen, sodass sie auch noch meines verputzen, als ich es ihnen anbiete. Ich knabbere an meinen Brotstäbchen, von denen ich noch einige in meiner Tasche verstaut habe. Besser als nichts. Mir fällt auf, dass der Bloody- Mary- Typ noch immer nicht von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht ist er ohnmächtig geworden? Plötzlich mache ich mir Sorgen. Ich stehe erneut auf und schaue nach vorne und hinten. Seine Platznachbarn, ein lesender, älterer Herr mit dicken Augengläsern und weißem schütteren Haar und ein Teenager, der sich Stöpsel in die Ohren gesteckt hat und bei lauter Metalmusik tief und fest schläft, scheinen den dicken Mann nicht besonders zu vermissen. Vorne bei der Toilette wartet eine Frau. Nach  nur einigen Sekunden öffnet sich die Tür und eine weitere Frau kommt heraus. Die hintere Toilette wird nach ungefähr zwei Minuten frei. Heraus kommt auch hier nicht der Bloody- Mary- Typ, sondern ein junges Mädchen. Hä? Wo ist der Kerl? Irgendetwas sagt mir, dass ich mich besser nicht an die Belegschaft wenden soll. „Entschuldigen Sie“, erkundige ich mich mit gedämpfter Stimme stattdessen beim  älteren Herr mit der Brille. „Wissen Sie zufällig, wo ihr Sitznachbar hin ist?“ Mit etwas verwirrtem Blick entgegnet mir dieser: „Jaja, er wollte nach vorne etwas fragen, den Piloten wollte er etwas fragen. Jaja!“ Der Mann schien mir etwas durcheinander. Zerstreut  irgendwie. Vorhin hatte er dem Bloody- Mary- Typen noch eine ganz klare Antwort gegeben. Jetzt hingegen… „Kann ich Ihnen helfen, Miss?“ die Stewardess von vorhin stand plötzlich hinter mir und sammelte die Reste des Abendessens ein. „Alles in Ordnung. Ich wollte nur…“ „Sie sollten sich jetzt setzen, Miss, wir geraten gleich in ein paar Gewitterwolken, dann kann es ein bisschen wackelig werden“, unterbricht mich die junge Dame lächelnd. Nette, einstudierte Worte, aber ein recht zickiger Ton für eine Flugbegleiterin. Leise grummle ich ein „Alles klar“ und setze mich wieder hin. Nach etwa zehn Minuten ist der Bloody-Mary Kerl noch immer nicht zurück. Irgendetwas ist hier merkwürdig, und nicht nur deshalb. Etwas ist an diesem Flug anders, aber ich komme einfach nicht drauf, was. Eine weitere Viertelstunde vergeht. Wo sind denn diese Gewitterwolken, von dem diese blöde Kuh vorhin gesprochen hat? Alles was ich von meinen Blickwinkel und vom Fenster aus erkennen kann, ist ein dämmernder, aber keineswegs ein sonderlich bewölkter Himmel. Hat sie mich angelogen? Damit ich mich setze und Ruhe gebe? Ruhe. Das ist das Stichwort. Es ist außergewöhnlich ruhig hier im Flugzeug. Die Frau und das Mädchen neben mir sind fast gleichzeitig eingeschlafen. Die Leute vor mir scheinen ebenso sehr tiefenentspannt zu sein und der Typ rechts von mir hat die Zeitung auch endlich weggelegt und scheint nur noch nach vorne zu starren. Es unterhält sich auch keiner. Nicht mal die junge Reisegruppe ein paar Sitzreihen weiter vorne, die vorhin beim Einsteigen noch ziemlich Krawall gemacht haben. Keiner liest oder hört Musik oder macht sonst was, zumindest nicht die, die ich von hier aus sehen kann. Ich lehne mich unauffällig ein wenig Richtung Gang. Weiter vorne dasselbe Bild: Alles untätige oder schlafende Menschen. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade mal kurz vor acht Uhr ist. Hier können doch unmöglich um diese frühe Abendstunde alle Passagiere so müde sein. Um die 220 Menschen sind glaub ich an Bord. Das ist doch merkwürdig. Und wo verdammt noch Mal ist der Bloody-Mary Typ?

Nach einigen Minuten kommen auf beiden Flugzeugseiten zeitgleich jeweils zwei Flugbegleiter von vorne aus der ersten Klasse. Sie gehen langsam durch den Flur und schauen sich in Ruhe alle Reisegäste an. Was machen die da nur? Mein Magen verklumpt sich und instinktiv stelle ich mich schlafend. Ich weiß nicht genau, warum ich das tue, aber dieser Flug ist definitiv nicht so, wie er sein sollte und diese Leute sind alles andere als normale Flugangestellte. Ich höre das dumpfe, monotone Surren des Fliegers und die Schritte der Stewards und Stewardessen. Ansonsten völlige Stille. Dann sind sie neben mir, ich kann ihre Körperwärme spüren und rieche das viel zu aufdringliche Parfum. Ich glaube zu spüren, dass sie neben mir länger verharren. Mein Herz klopft schneller, und ich fürchte aufzufliegen. Bemerken sie, dass ich nicht wirklich schlafe? Sie gehen weiter und ich kann mich zumindest etwas beruhigen. Dennoch traue ich mich nicht, die Augen wieder aufzumachen oder mich zu bewegen. Es ist beklemmend still. Ich versuche, Geräusche zu erfassen, die mir Auskunft geben von der Situation, von der ich selber nicht so genau weiß, welche es ist. Alles was ich weiß, ist, dass die Atmosphäre in der Maschine innerhalb einer Stunde umgeschlagen hat und zu einer Falle geworden ist für alle, die ein teures Ticket nach Hause bezahlt haben.

„Everyone is sleeping!“ sagt plötzlich einer der männlichen „Flugbegleiter“.

Eilige Schritte, unverständliche Worte, leises Lachen. Ich merke, wie sie wieder an mir vorbeigehen, nach vorne. Ich wage es, meine Augenlider ein wenig zu öffnen. Sie sind hinter dem Vorhang zur First Class verschwunden, auf der Heckseite, so scheint es mir, ist niemand mehr. Mir fallen die Worte des Bloody Mary- Kerls ein. Einen kurzen Moment zögere ich, dann betätige ich den Bordcomputer vor mir und tippe auf die Funktion „Fluginformationen“.  Der Kerl hatte Recht, die Route weicht vollkommen von unserem Zielort ab. Nicht Europa wird angepeilt, nein, wir befinden uns mitten über dem Indischen Ozean und eine kleine Inselgruppe, auf der Karte ohne Namen betitelt, wird angeflogen. Abwechselnd rast mein Blick zwischen dem Monitor und dem Vorhang zur ersten Klasse hin und her. Wohin bringt uns dieses Flugzeug? Schnell mache ich den Bildschirm aus und hoffe inständig, dass niemand etwas gemerkt hat. Es ist noch immer ruhig. Meine Sitznachbarn sind wie alle hier drin vollkommen weggetreten. Der Kopf der Frau neben mir lehnt seitlich am Kopfteil des Sitzes. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, sie schläft also tatsächlich nur. Oder ist bewusstlos. Sanft rüttle ich ihre Hand. Nichts. Ich zwicke sie in die Haut. Keine Reaktion. Warum sind alle weggetreten? Und warum ich nicht? Der Saft. Das Abendessen. Das eine habe ich nicht drin behalten und das andere habe ich erst gar nicht zu mir genommen. Und da die Frau und das Mädchen meine Sachen verputzt haben, haben die „Flugbegleiter“, es gar nicht bemerkt, dass ich darauf verzichtet habe. Sie wissen also definitiv nicht, dass ich noch wach bin. Ist das mein Vorteil oder mein Nachteil? Und in Bezug auf was? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was hier los ist. Ok, Ruhe bewahren! Was weiß ich? Das Flugzeug steuert eine unbekannte Insel an. Alle Passagiere bis auf mich sind durch irgendetwas im Essen außer Gefecht gesetzt worden. Der Bloody Mary- Kerl, der den Braten offensichtlich gerochen hat, ist plötzlich verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Die gesamte Besatzung scheint zusammenzuarbeiten. Mein Blick konzentriert sich auf den Vorhang und mein Gehör auf das, was dahinter geschieht. Aber ich vernehme gar nichts.

Mein Handy! Langsam und möglichst geräuschlos öffne ich den Reißverschluss meiner Handtasche, die ich vor mir auf dem Boden liegen habe, mein Blick immer noch fest nach vorne gerichtet. Ich bekomme es zu fassen, als ich Stimmen und Schritte vernehme. Ich lehne mich wieder zurück, verschließe meine Augen und schiebe das Mobiltelefon unauffällig in den linken Ärmel meines Pullis. Sie kommen zurück. Ich höre das Rollen des Speisewagens. Wozu dieser? Einen kurzen Moment blinzle ich und beobachte, wie eine Frau Spritzen in die Arme der Passagiere sticht, einer der Männer bereitet die nächsten Injektionen auf dem Wagen vor, der andere notiert etwas auf einem Block. Was zur Hölle… WAS IN ALLER WELT GEHT HIER VOR SICH? Was mache ich nur? Wenn ich mich bemerkbar mache, was haben sie dann mit mir vor? Und was passiert mit mir, wenn ich die Spritze über mich ergehen lasse? Noch sind sie in den vorderen Reihen, es dauert seine Zeit, jedem eine Injektion in den Körper zu jagen. Innerlich schreiend und zitternd hole ich das Handy hervor und beginne eine SMS zu schreiben. Nichts an meinen Körper darf sich bewegen, und es ist schwierig ,nur ab und zu zu blinzeln. „Fliegr enftührt, Insel Ind Meer, Hilfe“ schreibe ich so gut es eben geht. Senden an… Daniel. Meinem Bruder. Den klügsten Menschen, den ich kenne. Er wird wissen, was zu tun ist. Wenn ihn die Mitteilung erreicht. Das zu kontrollieren, dafür fehlt mir die Zeit, denn sie sind wenige Reihen vor mir. Das Handy lasse ich völlig geräuschlos in meinen Schoß fallen.

Dann bin ich an der Reihe. Ich spüre wie sie mir meinen Ärmel hochschieben, ihn nach einer kräftigen Vene absuchen und die Spritze ansetzen. In meinem Inneren breiten sich Angst und Unwissenheit aus, wie das Zeug sich ausbreitet, das sie mir in die Blutbahn jagen. Ich habe Mühe, meine Tränen und mein Zittern zurückzuhalten, als sich die Frau über mich beugt und bei meinen Sitznachbarinnen dieselbe Prozedur vornimmt. Erst als sie weiter nach hinten gehen, fließt mir dann doch eine Träne aus dem Augenwinkel. Was passiert jetzt mit mir? Ich kann nur hoffen, dass sich die Wirkung dieser Injektion, egal, welche es sein mag, in Grenzen hält. Immerhin fehlen bei mir ja die ersten beiden Mittel, vielleicht wirkt dieses nur gering. Welche Chancen habe ich? Werde ich sterben? Noch nie im Leben hatte ich solche Angst. Noch nie zuvor habe ich mich mehr nach Hause gewünscht, als in diesen Moment. Ich will zuhause auf dem Sofa liegen und mir eine langweilige Doku ansehen, die Marc so sehr liebt. Mich an ihn schmiegen. An nichts denken. Einschlafen und im Morgengrauen aufwachen und mit dem Hund spazieren gehen. Wie ich die kleine Töle auf meiner Chinareise vermisst habe… Und meiner Mutter habe ich versprochen, mit ihr ein Brautkleid kaufen zu gehen für ihre zweite Hochzeit… Sie wollte das schon vor meinen Ferien erledigen, aber ich hatte so sehr meine Reise im Kopf, dass ich sie andauernd vertröstet habe. Und jetzt? Ich werde nicht mehr heim kommen, soviel ist mir klar. Ich wünschte, ich hätte mein Versprechen schon vorher eingehalten. Nun wird es nicht mehr dazu kommen. Plötzlich hoffe ich, dass mit dem Flugzeug irgendetwas passiert, dass es abstürzt, dass es einfach nur schnell vorbei ist. Weil ich ahne, dass der Tod nicht das Schlimmste sein wird, was uns hier passieren wird. Aber das Flugzeug scheint im Landeanflug zu sein. Auf einmal merke ich, wie sich eine Schwere in mir ausbreitet, mein Körper fühlt sich bleiern an. Meine Schläfen pochen. Aber meine Gedanken von eben sind fort. Eigentlich ist es ganz egal, was jetzt kommen mag. Eigentlich möchte ich nur schlafen. Und ich schlafe.

Die anderen Passagiere und ich stehen auf dem Flur der Boeing und warten. Keiner redet. Alle schauen nach vorne. Die Türen öffnen sich. Die männlichen Stewards schleppen als erstes einen dicken Mann mit einem schwarzen Shirt nach draußen. Ein Blitz ist auf dem Shirt zu sehen. Er blutet aus den Ohren, scheint tot zu sein. Dann gehen alle nach der Reihe raus. Meine Tasche ist noch auf meinem Platz. Die brauche ich nicht mehr, haben sie zu mir gesagt. Heiße und feuchte Abendluft schlägt uns auf der kleinen Rollbahn entgegen. Von weitem höre ich das Meer rauschen und Palmen rascheln. Scheint schön hier zu sein. Unten warten Leute mit weißen Anzügen. Und Busse. Männer mit Waffen. Die Leute mit weißen Anzügen schauen sich alle Passagiere kurz an und hören sie mit einem Stethoskop ab. Sie weisen sie den Bussen zu. Ich komme in den ersten und bekomme wie die anderen Menschen in diesem Bus, eine weitere Spritze. Die alten Leute kommen in keinen Bus. Sie werden vor dem Flugzeug erschossen und auf einen Gepäckwagen geladen. Ich fühle nichts, als ich den Mann sehe, mit dem ich mich vorhin noch unterhalten habe. Er liegt leblos mit geöffneten Augen dort auf diesem Gepäckwagen und starrt mich an. Ich beneide ihn. Denn ich weiß, der Tod wird nicht das Schlimmste sein, was uns hier auf dieser Insel passieren wird.

4 Gedanken zu „Keine Turbulenzen

  1. Alexandra Wendt

    Eine sehr beeindruckende Geschichte. Spannendes Thema, dass du da aufgegriffen hast. Am Anfang sind für eine Kurzgeschichte die Beschreibungen vielleicht etwas zu detailliert. Ob sie den Eyeliner nachzieht oder nicht – ist das relevant für die Geschichte? Lässt sich dennoch sehr gut lesen 😉
    Liebe Grüße, Alex

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    1. Geschichtensammlerin

      Relevant bestimmt nicht 😅 aber in meinem begrenzten Rahmen der Kurzgeschichte möchte ich dem Leser meine Protagonisten möglichst nahe bringen und ihm ein gutes Bild dieser verschaffen -auch wenn das für shortstories auch nicht üblich ist. Aber ich schreibe ja vor allem unter dem Motto: „Jeder Mensch ist eine Geschichte“… darum umgehe ich manche „Schreibrichtlinien“ eben 😉

      Gefällt 1 Person

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