Mona

AUS DER REIHE:

Kennt ihr auch diese Häuser, die auf euch eine Faszination ausüben- aus welchem Grund auch immer? Ich liebe es, beim Spazieren oder als Beifahrer im Auto mich von der Umgebung inspirieren zu lassen. Immer wieder entdecke ich dabei das ein oder andere Haus, bei dem meine kindliche Neugierde zum Leben erwacht. Wie ein kleines Mädchen, das unter allen Umständen in eine glitzernde Schatztruhe gucken will, so möchte ich eben in diesem Moment unbedingt, die Tür zum besagten Haus öffnen und einfach reinspazieren. Oder zumindest durch das Fenster kurz mal hineinspähen. Nachsehen, wie es darin ausschaut, wer darin lebt und vor allem, welche Geschichten darin zu finden wären. Aber das macht man nun mal nicht, eigentlich schon schade, denn ich bin überzeugt: Hinter jeder verschlossenen Haustür gibt es sie, erzählenswerte Geschichten.

Die erste Kurzgeschichte aus meiner neuen Reihe „Hinter verschlossenen Türen“ ist ein Zusammentreffen zwei ungleicher Komponenten: Einer einst schönen, mittlerweile etwas vernachlässigten Haustür, die mich positiv angesprochen, mich zum Fotografieren und Schreiben angeregt hat und einer Begegnung mit einem Menschen, der mir so gar nicht gefallen hat. Es war eine alte Frau. Als ich sie sah, beschimpfte sie eine junge Mutter, deren kleine Tochter wohl gerade einen bockigen Moment hatte, denn diese heulte und schrie und schimpfte wild um sich herum. Leute, die selber Kinder haben, viel Zeit mit ihnen verbringen oder einfach einen gesunden Menschenverstand haben, wissen: Solche Momente gibt es eben, sie sind unangenehm und anstrengend, aber sie gehen wieder vorbei und gehören zur normalen Entwicklung eines Kindes dazu. Manche Leute scheinen das leider nicht zu wissen, wie diese Frau, die zur Mutter sagte: „Besser keine Kinder machen, wenn man sie nicht erziehen kann.“ Ich war total schockiert über die echt heftige Aussage, dann aber -ich gebe es zu- ein klein wenig schadenfroh, als die betroffene Mutter wie aus der Pistole geschossen konterte: „Dann ist es besser, wenn sie sich zuhause einsperren, wenn sie Kindergeschrei nicht ertragen können.“ Peng. Und die Frau war still.

Ich schämte mich für die alte Frau und dachte, dass man sich gerade von einem Menschen mit einer gewissen Lebenserfahrung mehr erwartet, aber Anstand hat- das habe ich mittlerweile gelernt- nichts, aber rein gar nichts mit dem Alter zu tun. Und ich begann über die unsympathische Frau nachzudenken, warum sie wohl so ist, und warum sie so auf das Szenario reagierte… Was macht sie zu dem Menschen, der sie ist? Und wie sieht ihr Leben aus, hinter verschlossener Tür?

Der Wein schmeckt an diesem Abend besonders gut, fand die 83- Jährige Mona. Wie immer war sie erleichtert, als sie nach Hause kam, die weiße Haustür mit dem halbrunden Fensterglas hinter sich zu machen und sich ein Gläschen Rotwein einschenken konnte. Und heute freute sie sich umso mehr darauf, denn die Begegnung mit der unfreundlichen jungen Frau und ihrer furchtbar quengelnden Tochter setzte ihr zu. Sie solle sich doch zuhause einsperren, hatte die Frau zu ihr gesagt, wenn sie das Weinen von Kindern nicht ertrug. Eine bodenlose Frechheit war die Aussage gewesen, wirklich eine Frechheit. Mona nippte an ihrem Glas und schüttelte jetzt noch darüber den Kopf. Wie die Kleine rumgebockt hat, das war doch nicht normal. Und dann ertragen es die Eltern nicht, wenn man ihnen die Meinung sagt. Lächerlich fand Mona das. Demonstrativ kippte sie den teuren Wein mit einem Zug leer und schenkte sich nach. Der Alkohol beruhigte sie. Aber mehr als zwei Gläser Wein am Tag gönnte sie sich nicht. Ihr Ehemann hatte genug für sie beide getrunken, als er noch am Leben war. Nur an seinem Todestag, da war es auch bei Mona manchmal eine ganze Flasche oder noch ein bisschen mehr. Irgendwie fühlte sie sich ihrem Mann dann näher. So betrunken zu sein, wie er es immer gewesen war. Eigentlich vermisste sie den Mistkerl gar nicht. Weil er nie besonders gut zu ihr gewesen war. Nicht, dass er sie geschlagen hätte, nein, dazu wäre er viel zu faul gewesen, der fette Mistkerl.  Aber provozieren und rumnörgeln und ihr das Gefühl geben, dass sie der dümmste Mensch auf der Welt war, das konnte er hervorragend. Seit mittlerweile zwölf Jahren war es vorbei damit, der Mistkerl hatte sich zu Tode gesoffen. Und trotzdem hatte sie oft noch das Gefühl, alles genau so tun zu müssen, wie er es ihr eingetrichtert hatte: Das Parfüm im Schrank links oben aufzubewahren, nicht auf der offenen Ablage. An Sonntagen das gute Geschirr zu decken, nicht das billige. Und die Haare offen zu tragen, weil sie „sonst wie ein Mann aussähe“. Vor drei Jahren hatte sich Mona eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen. Aus Trotz. Ihrem toten Ehemann gegenüber.

So wie immer, setzte sie sich auch an diesem noch frühen Abend auf ihr großes Sofa, schaltete ihre Lieblings- Quizsendung ein und genoss ihren Alkohol. Mona liebte es in dem geräumigen, Wohnzimmer mit dem alten, aber teuren Perserteppich zu fernsehen. Sie liebte es, ihre Ruhe zu haben, und mit niemandem reden zu müssen. Besuch bekam Mona fast nie, ihre beiden Söhne hatten den Kontakt zu ihr schon lange abgebrochen. Sie waren die gleichen Versager wie ihr Vater. Naja, sie bekamen ihr Leben finanziell halbwegs auf die Reihe, aber ihre Jobauswahl war einfach miserabel. Staplerfahrer und Kfz- Mechaniker. Und das, obwohl sie das Geld und die Möglichkeit hatten zu studieren und etwas Anständiges aus ihrem Leben zu machen. Und dafür wollten sie auch noch Anerkennung. Dass sie mit solch einer Arbeit überhaupt eine Frau gefunden haben, grenzt an ein Wunder, wobei Mona ihre zwei Schwiegertöchter ganz schrecklich fand. Die eine war eine auf Sparflamme lebende Weltverbesserin und Vegetarierin und die andere eine Neunmalkluge. Die alte Frau wusste nicht, was sie schlimmer fand, sie wusste nur, dass sie bei ihren Söhnen wohl alles falsch gemacht hatte. „Wir werden dir und deinen Ansprüchen niemals genügen“, warfen sie ihr vor, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Das lag auch schon vier Jahre zurück. Oder waren es schon fünf? Vielleicht gehörte sie ja auch zu den Frauen, die besser keine Kinder bekommen hätten. Mona merkte, wie sie gedankenversunken zum Fenster starrte und an ihre Söhne dachte. Es waren Augenblicke, in denen Mona den Schmerz in ihrem Inneren zuließ. Seltene Sekunden. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich über andere Leute aufzuregen. Das tat ihr gut, glaubte sie und es lenkte sie vom Eigentlichen ab und das war die Hauptsache. Wie sonst auch, waren die raren Sekunden der Selbstreflexion auch an diesem Abend vorbei und Mona widmete sich wieder ihrer Quizsendung. „Wo finden die bloß immer solche Idioten? Antwort B natürlich! Herrgott nochmal, das weiß doch jeder normale Mensch!“ Sie stellte ihr Glas auf das Mahagonitischchen und ging rüber ans Fenster, weil sie Musik und lautes Gelächter vernahm. Sie konnte von hier aus genau in den Nachbargarten sehen. Das junge Paar von nebenan schien eine Grillparty zu schmeißen. Na toll, auch das noch. Hinter dem schweren Vorhang spähte sie nach nebenan um das Treiben zu beobachten und sie sah ein weiteres Paar, das sie schwerer atmen ließ. Denn der junge Mann, der seine Freundin gerade auf die Stirn küsste, erinnerte sie an jemanden, den Mona vor vielen vielen Jahren kannte. Er sah beinah genauso aus: Dunkelblondes kurzes Haar, südländisch braune Haut, dieselben Gesichtszüge und mindestens 1,85 groß. Wie Gerry. Sogar die Art sich zu bewegen. Mona war wie hypnotisiert von dem jungen Mann, denn er erweckte die Gefühle in ihr, die sie für begraben hielt. Gerry… das war der einfache, sympathische Kerl, den sie vor zweiundsechzig Jahren hatte gehen lassen, weil ihr ein anderer, ihr zukünftiger Ehemann, dieser Mistkerl, -bildhaft gesehen- mit einem Bündel Geld wedelnd das Blaue vom Himmel versprochen hatte. Wie dumm war sie gewesen und wie geblendet vom Reichtum! Gerry war ein einfacher Handwerker gewesen und hätte ihr nie das Leben bieten können, das ihr ihr Ehemann bot. Finanziell gesehen. Alles andere… Kaum war die Hochzeit über die Bühne gegangen, fing der Mistkerl an zu trinken und das, von dem sie glaubte, dass es noch Liebe werden könnte, war endgültig ausgelöscht. Mona war zu diesem Zeitpunkt schon schwanger, Gerry war schon fort und alles war zu spät. Die größte Fehlentscheidung wurde zu ihrem Leben und alles verlief in die vollkommen verkehrte Richtung. Alles, was nach Gerry kam, fühlte sich falsch an und war es vermutlich auch. Vielleicht war die Beziehung zu ihren beiden Kindern deswegen so verquer. Weil sie eben nicht Gerrys Söhne waren.

Plötzlich merkte Mona, dass die jungen Leute im Nachbargarten zu ihr herüberblickten und den Kopf schüttelten und offensichtlich belustigt waren über die neugierigen Blicke einer alten Verrückten. So sahen die Menschen Mona, und das wusste sie. Es war ihr egal. Ihr waren die Leute auch egal. Trotzdem fühlte sie sich ertappt und zog schnell den Vorhang zu. Etwas wackelig auf den Beinen, ging sie zurück zum Sofa und lehnte sich zurück. Sie atmete tief durch, schüttelte die sentimentalen Erinnerungen aus ihrem Kopf und trank einen kräftigen Schluck.

Das Abendessen ließ Mona heute aus, der Wein und der Schockmoment vorhin am Fenster genügten ihr vollkommen. Schon um halb 10 schlief Mona vor dem Fernseher auf dem grünen, mit olivfarbenen Blumenranken bestickten Sofa ein, sitzend, alleine und mit dem leeren Weinglas in ihrer Hand.

4 Gedanken zu „Mona

  1. danyalacarte

    Bei der Geschichte muss ich an einen Mann aus dem Altenheim denken wo ich einige Zeit gearbeitet hab. Mürrisch, misstrauisch und gekränkt. Nach ein paar Tagen habe ich ihm ein Lächeln und ein Danke abringen können. Und das alles nur weil ich ihm Respekt gegenüber gebracht habe. Keiner konnte das, aber für mich gab es einen Grund das er so war wie er war.

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    1. GeschichtenimKopf

      Ich kenne auch jemanden in meinem nahen Umfeld, der auch solche Charakterzüge aufweist wie Mona. Es ist nicht immer leicht freundlich zu sein, wenn nicht viel zurückkommt, aber als außenstehende, neutrale Person ist es meist leichter und ich habe auch gute Erfahrungen mit der Person gemacht. ☺️

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