Einer unter Tausenden oder: wenn Träume nicht (so richtig) wahr werden

In der New Yorker U- Bahn sah ich vor sieben Jahren einen Mann, der sang um seine Existenz. Er war gewiss nicht der Einzige, der mit Straßenmusik sein Geld verdiente, aber dieser schon etwas ältere Afroamerikaner mit dem hellbraunen Trenchcoat brachte so viel Gefühl in die hektische, abgedroschene und unpersönliche Bahn, dass er mir in Erinnerung blieb. Ich hoffe, es gibt ihn auch heute noch und er erfüllt mit seiner Black- Soul- Stimme die U- Bahnen und Herzen des Big Apples.

 

Victor sang „Stand by me“ gerade zu Ende, als ein paar junge Leute ihm applaudierten. Das erste Mal heute und in den letzten drei Tagen. So oft bekam  man nicht Applaus hier unten, hier war die Luft zu heiß, der Bahnverkehr zu hektisch, die Leute zu reserviert und müde. Er kannte die New Yorker Menschen zu gut und er teilte sie gerne in zwei Kategorien für sich ein: Auf der einen Seite waren da die begeisterungsfähigen, offenen und ungezwungenen Großstädter und auf der anderen Seite die Stadtmenschen, die in der Anonymität New Yorks ihr Dasein drucksten, die von der Frau in der Nachbarswohnung oder dem unbekannten, schwarzen Sänger in der U- Bahn nichts wissen wollten.

Als er vor zweiunddreißig Jahren von Philadelphia in die Ostküstenmetropole gezogen war, um hier sein Glück mit der Musik zu machen, war Victor einer von Tausenden. Die jungen Leute strömten in den 70ern von überall her: Europa, Kanada, Mexiko und –so wie Victor- aus anderen Teilen des Landes. Amerika, insbesondere Los Angeles und New York hatten den Ruf, Träume wahr werden zu lassen und vielleicht fanden einige auch ihr Glück. Aber Victor lernte damals unzählige Leute kennen, die die bittere Wahrheit, die Überbewertung des „American way of life“ irgendwann erkannten und damit nicht umgehen konnten. Die abstürzten, dem Alkohol oder Drogen verfielen, kriminell wurden oder die sogar Selbstmord begingen.  Oder- und diejenigen wählten die für sie vielleicht einfachste, aber wahrscheinlich demütigendste Lösung- die nach Hause zurückkehrten und sich somit nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Familien und Freunden die Niederlage eingestehen mussten. Victor gehörte weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern, wurde weder erfolgreich mit seiner Musik, noch verfiel er dem Rausch, noch kehrte er in seine Heimat zurück. Er kam mit dem Singen auf der Straße und in den U-Bahn Stationen grade so über die Runden, aber was war das schon? Was war er in den Augen der anderen Menschen? Ein begnadeter Sänger? Einer der seinen amerikanischen Traum lebte? Sicherlich nicht. So sah er sich nicht einmal selbst. Ein Bettler war er, der Glück hatte, eine gute Stimme zu haben und somit nicht ganz das Gefühl haben musste, um Geld zu bitten. Vielleicht gaben ihm trotzdem viele Leute nur aus Mitleid etwas und nicht deswegen, weil er talentiert war. Am Ende des Tages lief es auf dasselbe hinaus. Er konnte in seine kleine Wohnung in Harlem und hatte warmes Essen auf dem Tisch. Die Bestätigung, die Anerkennung für seinen Gesang, die fehlte meist. Aber Victor konnte es sich nicht leisten, daran zu verzweifeln. Eine andere Arbeit gab es für ihn nicht, wegen seiner Invalidität stellte ihn niemand ein. Zudem war er schwarz. Victor hatte schlechte Karten. Sein einziges Ass war seine Stimme und die hörte leider nie die richtige Person. Victor dachte immer: Wenn Gott es für mich vorgesehen hat, dann spaziert irgendwann ein Musikproduzent an mir vorbei und erkennt mein Potenzial!

Mittlerweile, fast dreißig Jahre später dachte Victor, dass Gott ein Arschloch sei. Über acht Millionen Leute in dieser verdammten Stadt und keiner, aber auch gar keiner, der ihm das Gegenteil beweisen konnte. Aber was soll`s, Victor hatte sich damit abgefunden. Er war auch nicht wirklich unzufrieden, das konnte er nun wirklich nicht behaupten. Immerhin verdiente er mit dem, was er liebte, seinen Lebensunterhalt. Wie viele Menschen können das von sich behaupten? Das war es auch, was seine Frau immer zu ihm sagte. Die Tatsache, dass sie selbst sechs Tage die Woche fast zehn Stunden täglich in der Wäscherei zubrachte, damit das Geld auch für sie beide reichte, erwähnte sie nie. Und dafür liebte er seine Brianne. Weil sie alles so nahm, wie es war, zufrieden damit war und Victor nahm wie er war, und auch damit zufrieden war. Genügsamkeit. Das war Briannes Stärke und Victors Anker im hektischen Alltag. Das wiederum machte ihn dankbar. Dass auch sie ihn genügsam machte und nicht vergessen ließ, wie wertvoll das ist, was man besitzt. Träumen hinterherjagen kann sehr anstrengend sein… Wie schön war es da, einen sicheren Hafen zu besitzen, der Victor runterkommen ließ, auch wenn der Tag noch so anstrengend, niederschmetternd oder belanglos gewesen war!

Es waren die ersten kühlen Herbsttage in New York, und Victor hatte seit Wochen das erste Mal wieder das Gefühl, im Underground nicht zu ersticken. Der Sommer war fast unerträglich da unten, aber die U-Bahn rentierte sich für ihn am meisten. Da konnten die Leute sich nicht so schnell abwenden oder gar weglaufen.  Also biss er sich durch, von Wagon zu Wagon. Einige Dollar wanderten an diesem Morgen in Victors Mütze, mit der er nach seiner Performance durch das Abteil ging. Viele New Yorker kannten den Soulsänger schon seit den Anfängen seiner Musik hier in der Stadt der Städte. Und fast alle liebten ihn und seine Musik. Seine Fans. Manche fanden ihn toll, vor allem die Touristen, weil sie überrascht vom plötzlichen Gesang in einem öffentlichen Transportmittel waren. Andere wiederum würdigten ihn nicht mal eines Blickes und verzogen eher entnervt das Gesicht, wenn er in der Bahn zu singen anfing. Es gab eben diese und jene Menschen. Gute Tage und weniger gute Tage. Das eine reihte sich an das andere; so war das Leben in New York.

Aber immerhin hatte Victor eine Konstante. Es war die Liebe und war es am Ende nicht das, worauf es ankam?

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