Das andere Leben (Teil 2)

Natürlich sah Danny die Sorokins beim Abendessen wieder. So gut es ging, versuchte Danny nicht an den Vorfall zu denken und auch nicht zu ihnen rüber zu schauen. Als der Kellner eine teure Weinflasche brachte, die die russische Familie ihnen hat rüberbringen lassen, bestand Rose darauf, sich zu bedanken und wollte schon aufstehen.

„Ich mach das schon“, intervenierte Danny. Unter keinen Umständen sollte seine Frau mit den Beiden sprechen. Wer weiß, was sie ihr erzählen würden! Also ging er selbst hinüber.

„Danny, mein Freund,“ lächelte Nikolaj freundlich, „Ich hoffe sehr, mein Wein kann ein wenig besänftigen. Haben Sie geredet mit Rose, was ist mit meinem Angebot?“

„Ich habe mit Rose nicht gesprochen, kann Ihnen jedoch versichern, dass ich meine Meinung nicht ändern werde. Und ich möchte Ihnen sagen, dass Sie uns von jetzt an bitte in Ruhe lassen sollen. Sie beide.“ Er schaute auch Oksana mit ernstem Blick an. „Kommen Sie uns nicht mehr zu nahe.“

Auf einmal tauchte Rose auf und bedankte sich doch noch persönlich. „Möchten Sie sich nachher noch mit uns auf ein Digestif an die Bar setzen?“ fragte sie herzlich.

Danny unterbrach sie, indem er sagte, dass die Sorokins schon anderweitige Pläne hätten. „Geh doch schon mal mit Sam voraus und suche uns einen schönen Platz auf der Terrasse, ich komme gleich nach.“

„Aber…“

„Geh Rose, ich komme nach!“

Nachdem Rose weg war, flüsterte Nikolaj mit ernster Miene: „Danny, Danny, Danny… Sie haben eine schlechte Entscheidung getroffen, eine sehr schlechte.“ Finster war sein Gesichtsausdruck, vom freundlichen und geselligen Mann war nicht mehr viel übrig. Es war eindeutig etwas Böses in seinem Blut.

„Jedenfalls ist es meine, ob schlecht oder nicht. Schönen Abend noch.“

Danny konnte sein Zittern nicht länger verbergen, darum drehte er sich schnell um und entfernte sich vom Tisch der russischen Familie. Er glaubte, seine Angst und sein ungutes Gefühl halbwegs abgeschüttelt zu haben, als er in die Bar zu Rose und Sam kam.

„Schätzchen, frag doch mal den Mann an der Bar, ob er noch eine Scheibe Zitrone für mein Getränk hat, machst du das bitte?“ fragte Rose den Kleinen, der hellauf begeistert war, etwas so Wichtiges erledigen zu dürfen. Danny setzte sich ohne ein Wort zu sagen hin.

„So, erzähle mir jetzt was los ist, Danny! Das war doch komisch gerade, die Situation bei den Sorokins. Ist etwas passiert?“

„Es ist alles in bester Ordnung, ich wollte nur, dass sie uns etwas mehr Ruhe als Familie gönnen.“ Was ja an sich nicht gelogen war.

„Auf einmal…? Wir sind seit neun Jahren zusammen und du bist bleicher als die Wand, vor der du sitzt. Da ist doch irgendwas vorgefallen… Du musst wirklich mit mir darüber reden, es ist absolut wichtig, dass wir uns die Wahrheit sagen!“

Danny kratzte sich nervös am Handrücken. Er konnte es ihr nicht sagen.

„Hör zu, ja, es ist etwas vorgefallen. Aber es ist nichts, was dich beunruhigen sollte oder sonst was. Ich bin auch dafür, ehrlich zu sein. Aber in dieser einen Sache, Rose, bitte ich dich, dass du nicht weiterhakst, weil es absolut nicht von Belang für uns ist. Aber es würde deine Laune wahrscheinlich trüben und ich wünsche mir so sehr, dass wir die restliche Zeit hier in Frankreich gut verbringen. Bitte vertrau mir einfach, dass es nicht die Wichtigkeit hat, um uns den Urlaub verderben zu lassen, in Ordnung?“

Eigentlich hätte Danny nun ein: „Lass mich entscheiden, was von Belang ist!“ oder ein „Was hast du nur wieder angestellt?“ von seiner Frau erwartet, stattdessen sagte sie:

„Okay!“

Sam kam mit der Zitrone für seine Mama zurück und Rose sprach darüber, dass es schön wäre, am nächsten Tag eine der nahe gelegenen Städte zu besichtigen.

„Wenn wir schon mal hier sind“, meinte sie.

Die letzten Tage verliefen erstaunlich ruhig und Dannys Befürchtungen, dass die Geschichte mit seinem Abgang im Restaurant noch nicht gegessen war, schienen sich langsam in Rauch aufzulösen. Es lief gut zwischen ihm und Rose und Sam und sie konnten die Zeit tatsächlich noch genießen. Am letzten Abend ihrer Ferien saßen sie noch lange auf dem Balkon des Hotelzimmers und gönnten sich zu zweit eine Flasche Rotwein, während Sam schon lange schlief. Später genoss es Danny, seiner Frau beim Schlafen zuzusehen, bevor er selbst mit einer Glückseligkeit einschlief, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ja, er war glücklich, nur hatte er es vergessen. Das wollte er nie mehr zulassen.

Am nächsten Morgen wurde Danny von Zärtlichkeiten seiner Frau geweckt, die sie ihm schon lange nicht mehr geschenkt hatte. Er spürte ihre Hände unter seiner Bettdecke und genoss es, so aus dem Schlaf geholt zu werden. Sie setzte sich auf ihn. „Ein einfaches Guten Morgen hätte auch genügt, aber das ist auch nicht schlecht“, flüsterte er.

„Das ist die beste Art aufzuwachen,“ wisperte eine Stimme zurück, die nicht die von Rose war. Er schreckte hoch und riss die Augen weit auf. Es war Oksana, die auf ihm saß, in einem Bett, das nicht seines war. Wie konnte das sein? Wie war Danny hier gelandet? Im Bett der Sorokins, in deren Zimmer, mit der falschen Frau? Oksana war nur mit dem Hemd bekleidet, das er selbst am Abend vorher noch getragen und neben seinem Bett auf den Stuhl geworfen hatte.

„Oh Scheiße, was mache ich hier?? Wie bin ich hierhergekommen?“ Er warf Oksana von sich runter und zog sich seine Hose an. „Herrgott nochmal, was soll das? Wo sind mein Sohn und meine Frau?“ Oksana lachte und meinte trocken: „Jetzt können wir es auch beenden, wir waren ja schon mittendrin.“

„Ich. Will. Nicht. Sie. Ich will meine Frau. Wo ist sie?“ schrie er nun.

„Da hatte ich vor ein paar Tagen aber noch einen ganz anderen Eindruck. Außerdem würde ich dir raten, nicht zu viel Aufsehen zu erregen,“ sprach Oksana ruhig und mit einwandfreiem Englisch, wie Danny nun auffiel. Oksana war keine Russin.

„Wer sind Sie? Und was wollen Sie und ihr Mann von mir? Haben sie diese reiche Russen- Nummer nur gespielt?“

„Mein Mann Nikolaj ist sehr wohl Russe, ich nicht wirklich, aber das tut auch nichts zur Sache. Ich bin ab heute deine Frau, und Ivan dein Sohn. Nikolaj ist mit deiner Familie abgereist. Schon vorhin, vor Sonnenaufgang.“

„Was… was heißt, sie sind abgereist? Wo ist er hin…?“

„Du erinnerst dich an den Deal, den du nicht eingehen wolltest? Die 250.000 kriegst du wohl nicht mehr. Wenn du Glück hast, kriegst du Rose und Sam zurück. Und ab diesem Moment bist du Nikolaj Sorokin und wir sind deine Familie. Keine Fragen, kein Auffallen, kein Hilfe holen. Dir wird sowieso keiner glauben, dafür hat mein Mann… Danny hat dafür gesorgt.“

Danny schossen die Tränen in die Augen, vor Wut, vor Verzweiflung, vor Angst um seine Familie. Er stürmte auf Oksana zu und packte sie grob am Hals.

„Miststück, wo ist meine Familie? Rede!!!“

Oksana, die Mühe hatte zu sprechen, keuchte hervor: „Er… er wird sie umbringen, wenn du nicht nach Plan handelst.“

Sofort ließ Danny von ihr ab. „Keine Fragen ab diesem Augenblick“ erklärte sie weiter und rieb sich ihren Hals. „Hast du mich verstanden? Schauspielere so gut du kannst, je besser du deine Rolle als Nikolaj spielst, desto größer stehen die Chancen, deine richtige Familie lebend wieder zu sehen. Und bis dahin…“ Oksana gab ihm einen Kuss auf die Wange, als wäre es das Normalste auf der Welt, wandte sich ab, zog sich ein Kleid an und fing an, die Koffer zu packen.

„Dein Koffer ist so gut wie fertig, Schatz. Nur dein Badeetui fehlt noch, bringst du es mir bitte?“

Danny setzte sich aufs Bett und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Das war ein Alptraum, ein schlechter Witz. Wie war er nur da reingeraten? Warum er? Warum seine Familie? Ivan kam ins Schlafzimmer und brachte seinem „Vater“ das Modellauto, das er einige Tage zuvor bekommen hatte. „Kannst du es mir reparieren, Papa? Der Reifen ist abgegangen.“

Ungläubig starrte Danny den Jungen an. Was haben Sie dem Kleinen erzählt, dass er das Ganze derart mitspielte? War es überhaupt ihr richtiger Sohn? Er wollte fragen, traute sich aber nicht. Wahrscheinlich wurde er beobachtet von Kameras oder er wurde verwanzt. Oder Oksana war die, die auf ihn aufpassen sollte. Die, die Situation unter Kontrolle halten sollte. Auf jeden Fall musste er irgendwie beobachtet werden, damit  Nikolaj sichergehen konnte, dass Danny den Zirkus auch wirklich mitspielte. Keine Fragen mehr. Er wird sie umbringen

Danny schluckte seinen Zorn und seine Tränen hinunter, atmete tief durch und versicherte dem Kleinen:

„Das bekommen wir schon wieder hin, Ivan. Komm her, gib mir dein Auto.“ Es dauerte nur zwei Minuten, bis der Reifen wieder am Wagen war. „Super, danke Papa!“ rief der Junge fröhlich und drückte ihn. Sollte Danny ihn doch fragen?

Er sah zu Oksana, die ihrem Sohn den Rucksack brachte. Allem Anschein nach bemerkte sie seine Unsicherheit und sein Vorhaben, fixierte ihn mit festem Blick und hielt den Zeigefinger vor ihre vollen, roten Lippen.

Keine Fragen mehr.

Fortsetzung folgt…

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