Das andere Leben (Teil 3)

Niemand in der Ferienanlage, gar niemand schien sich zu wundern, dass Danny mit der falschen Familie dort war. Als wäre alles ganz normal, als wäre nichts geschehen. Um ihn herum hatte sich nichts verändert. Die Leute waren dieselben und ihr Umgang mit ihm war derselbe. Außer der Tatsache, dass er die Tageszeitung an den Tisch gebracht bekam, er mit Herr Sorokin angesprochen wurde, und er nicht seine eigene Familie an der Hand hielt. Die lächerlich hohe Rechnung später an der Rezeption ließ ihn überrascht losprusten, aber Oksana stieß sofort ihren Ellenbogen in seine Rippengegend. Stillschweigend bezahlte Danny die enorme Summe mit einer Karte, die nicht seine war und einem Namen, den er vor ein paar Tagen zum ersten Mal gehört hatte. Er dachte an die Begegnung mit Nikolaj am Pool zurück und dass es besser gewesen wäre, hätte er den Mojito dankend abgelehnt. Noch immer stellte sich ihm die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass er in seinem Bett einschlafen und am nächsten Morgen in einem fremden aufwachen konnte. Nikolaj musste es irgendwie geschafft haben, ihm unauffällig etwas zu verabreichen, das ihn vollkommen wegtreten ließ. Was vermutlich nicht schwierig gewesen war; er besaß Geld. Damit war alles möglich.

„Ich hoffe sehr, der Urlaub bei uns war wieder zufriedenstellend für Sie und ihre bezaubernde Frau, Herr Sorokin?“, erkundigte sich der Hotelmanager persönlich. „Schön zu sehen, wie Ivan von Jahr zu Jahr größer wird. Und hoffentlich hat es dem jungen Mann auch gefallen?“
„Ja, es alles gewesen in bester Ordnung, wie immer. Vielen Dan“, Danny hatte große Schwierigkeiten so gebrochen zu sprechen und noch viel größere, nicht laut loszuschreien. Wie viel Geld hatte dieser russische Mistkerl den Leuten hier bezahlt, damit sie das Theater mitspielten? Damit sie ihr schlechtes Gewissen verdrängen konnten? Immerhin hatten sie alle seine Frau und seinen Sohn mit einem fremden, offensichtlich gefährlichen Mann hier rausgehen sehen- und es zugelassen! Am liebsten hätte Danny dem schnöseligen Hotelmanager eine mitten ins Gesicht geboxt. Korruptes Pack, dachte er wütend und schluckte seine gefühlsbeladenen Worte hinunter.

„Es war wirklich schön“, fügte er stattdessen noch hinzu und verabschiedete sich. Er nahm seinen „Sohn“ Huckepack auf die Schultern und spazierte mit ihm und Oksana hinaus, wo bereits ihr Privatauto samt Fahrer auf sie wartete. Als dieser die Koffer vom Gepäckwagen in den Kofferraum lud, bemerkte Danny einen ihn musternden, aber sehr kurzen Blick desjenigen. Was hatte das zu bedeuten? Wohin er die Sorokins bringen würde, wusste Danny ebenso wenig, und er wagte es auch nicht zu fragen. Er tat das, wie ihm geheißen und war ansonsten still. Sie fuhren etwa eine halbe Stunde und Danny überlegte, wie er sich aus dieser Situation retten und er herausfinden konnte, wo seine Familie war. Wen er ins Vertrauen ziehen konnte. Oksana und Ivan sollte er auf jeden Fall streichen. Die Leute vom Hotel nochmal kontaktieren in einem unbeobachteten Moment? Konnte schwierig werden und war vermutlich umsonst, immerhin haben die Leute mit dazu beigetragen, dass er als jemand anderes aus dem Urlaub zurückkehrte. Was war mit dem Fahrer? Was konnte er dem Blick vorhin entnehmen? Der Mann schien sich den falschen Nikolaj Sorokin jedenfalls gut anzuschauen. Aber er war nicht verwundert. Es war eher ein „Wer ist das arme Schwein“- Gaffen.

In seiner Hosentasche erfühlte Danny den Hotelbeleg und in dem teuren Jackett von Armani war in der Innentasche ein goldener Kugelschreiber, der Danny beim Anziehen vorhin aufgefallen war, weil er die Initialen N.S. eingraviert hatte. Sein Herz pumpte schneller. Sollte er oder sollte er nicht? Er musste sich schnell entscheiden, Ivan war gerade auf seinem Tablet beschäftigt und Oksana nickte vor ein paar Minuten ein. Beide saßen ihm gegenüber. So geräuschlos wie möglich, holte Danny den Zettel heraus und legte ihn auf seinen Oberschenkel. Mit dem Kugelschreiber schrieb er die Worte „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“ auf den Zahlungsbeleg. In diesem Moment hielt der Wagen an. Danny ließ den Zettel unter dem Jackett verschwinden, der Kugelschreiber fiel zwischen seine Füße. Oksana wachte auf und ermahnte Ivan, er solle endlich das Tablet in seinen Rucksack packen.

„Sind wir da?“ fragte sie und lehnte sich nach vorne, um Danny einen Kuss zu geben.

„Sag du es mir“, erwiderte Danny patzig.

„Na, da ist heute aber einer launisch, gut dass wir in ein paar Stunden wieder zuhause sind.“

„Wir fliegen also nicht nach Miami?“

„Wir fliegen heim Darling. Komm schon, unsere Maschine wartet. Ivan, pack das Tablet weg. Sofort!“

Die drei stiegen aus und warteten darauf, dass der Fahrer ihre Koffer auf den Gepäckwagen umlud. Danny holte hundert Euro aus seinem Portemonnaie, ging zu ihm hin und drückte ihm das Geld und gleichzeitig unbemerkt den Hotelbeleg in die Hand.

„Vielen Dank“, sprach er mit seinem neuen russischen Dialekt und drehte sich um. „Weiter geht`s“, rief er.

Am Aéroport Nice Côte d’Azur wartete auf die Sorokins ein Privatjet- natürlich, das überraschte Danny nicht. Die knapp dreieinhalb Stunden Flug vergingen schnell und in Dannys Bauchgegend hatte sich ein mulmiges Gefühl breitgemacht. Gut, sie waren nun in Petersburg gelandet und offensichtlich auf dem Weg ins Haus der Sorokins. Und dann? Was erwartete ihn dort? Doch bevor Danny weitergrübeln und sich weitersorgen konnte, noch bevor er das Flugzeug verlassen konnte, kamen drei Männer hereingestürmt, warfen ihn auf den Boden und hielten ihn fest. Er bekam eine Faust mitten ins Gesicht geschmettert. Ein schmerzhaftes Dröhnen durchzuckte seinen Kopf, warmes Blut rann aus seiner Nase und über den Mund. Er sah noch, wie Ivan von seiner Mutter aus dem Flieger geschoben wurde und Danny einen besorgten Blick rüber warf, dann bekam er schon die nächste verpasst. Alles um ihn wurde schwarz.

Das Pochen, das von seiner Nase ausging und ihm das Gefühl gab, jemand hämmerte kontinuierlich auf seinen Schädel, bereitete Danny beim Öffnen der Augen Schwierigkeiten. Sofort füllten sich diese mit Tränen, als er es versuchte. Er sah nur verschwommen den Raum, in dem er wieder zur Besinnung kam. Es musste ein Café oder eine Bar sein, Danny glaubte irgendwoher das Geräusch einer Kaffeemaschine zu vernehmen und das Geklirr von Geschirr. Stimmen… Zeitungsrascheln. Langsam erkannte er, dass er an einem Tisch saß, und spürte, dass seine Hände hinter dem Stuhl, auf dem er saß, zusammengebunden waren. Plötzlich tauchten die drei Männer auf, die Danny im Flugzeug niedergestreckt hatten, und ein vierter Mann. Es war Nikolaj, der sich rechts von ihm an den Tisch setzte und ihn lächelnd anschaute.

„Ich denke, Oksana dir hat gut erklärt, was du hast zu tun, nicht wahr Danny? Du musst Spielregeln einhalten, sonst es geht nicht gut aus für dich, mein Freund.“ Er legte den Beleg vom Hotel auf den Tisch. „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“, las Danny.

Danny krächzte unter Schmerzen hervor: „Wo ist meine Familie? Bitte, Nicolaj, ich will doch nur, dass Rose und Sam nichts passiert…“

„Dann du hast nicht verstanden. Du keine Fragen stellen, keine Hilfe holen, du das machen, was wir verlangen. Dann alles ist gut. Dieses Mal es hat erwischt nur dich. Nicht schlimm. Nächstes Mal deine Nase bleibt ganz.“ Nicolaj zündete sich eine Zigarre an und blies Danny den Qualm ins Gesicht.

„Was wollen Sie von mir?“

Ganz nahe kam Nicolaj an Danny heran und flüsterte langsam: „Keine Fragen mehr. Sonst ich bringe zuerst deinen Sohn um, dann Rose. Aber sie ich behalte noch ein wenig. Gefällt mir gut. Gefällt mir sehr gut sogar.“

Ein selbstgefälliges Grinsen lag in Nikolajs Gesicht, sodass Danny am liebsten aufgesprungen und ihn verprügelt hätte.

„Fass sie bloß nicht an…“

„Wer sagt, Rose würde es nicht gefallen?“ lachte Nicolaj und entfernte sich vom Tisch.

„Du Mistkerl“, Danny versuchte sich hysterisch vom Stuhl zu befreien, was ihm natürlich nicht gelang. Was er erreichte, war, dass Nicolajs Begleiter ihm zweimal in den Bauch schlugen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Leute im Café ignorierten den Tumult, offensichtlich kannten sie solche Szenarien hier schon. Halb weggetreten kriegte Danny es gerade noch so mit, wie er hinaus und in ein Auto verfrachtet wurde. Dann gab er sich seinen Schmerzen, seinem Kummer und der Wut hin.

Er wurde von sanften Klängen der klassischen Musik und dem angenehmen Duft von Kuchen geweckt, dieses Mal war es Danny allerdings sofort klar, wo er sich befand: Im Hause der Sorokins. In seinem Arm lag die wunderschöne Oksana, bekleidet mit einem weißen Negligé, die gleichzeitig aufwachte.

„Guten Morgen mein Schatz, ich habe mich nochmal zu dir ins Bett gelegt. Ivan ist schon zur Schule gebracht worden, und du hast so schön geschlafen, dass ich mich noch kurz an dich kuscheln wollte“, schwärmte sie noch schlaftrunken. „Dabei bin ich wohl selbst noch mal eingenickt…“

Danny setzte sich auf und schaute aus dem großen Fenster, das das riesige helle Schlafzimmer mit Sonnenlicht regelrecht durchflutete.

„Wir haben es wirklich schön hier“, sagte er leise und wünschte sich weit weg. In diesem Moment brachen die Tränen aus ihm heraus- er erinnerte sich nicht mehr, wann er das letzte Mal geweint hatte. Er hatte alles verloren. Alles was ihm wichtig war. Er hatte sein Leben verloren. Und er wusste nicht einmal, warum.

Oksana umarmte ihn von hinten und schien aufrichtig Mitleid mit Danny zu haben. Es überraschte ihn, dass er sie nicht wegstieß, im Gegenteil, er nahm den ehrlich gemeinten Trost an.

„Sei nicht auf die falschen Menschen wütend“, flüsterte sie kaum hörbar in sein Ohr. Dann stand sie auf und ging aus dem Zimmer. „Carina, unsere neue Hausfee, hat uns Kaffee gekocht und uns einen Kuchen im Backofen gelassen, komm nach, wenn du soweit bist.“

Schweren Schrittes schleppte sich Danny ins anliegende Badezimmer um sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Oksana war kein schlechter Mensch. Sie war vielleicht nur an den falschen geraten. Und irgendwie stand sie unter Nikolajs Fuchtel. Als Frau, Marionette, als was auch immer. Sie hatte keine Wahl. Vielleicht brachte Danny auch sie in Gefahr, wenn er das Ganze nicht mitspielte. Vermutlich sollte er einfach auf sie hören und abwarten. Früher oder später würde er den Grund herausfinden, warum er hier war und er würde seine Familie unversehrt wiederbekommen. Er sah sich sein zerschundetes, blutunterlaufenes Auge und seine zerschmetterte Nase an, die in allen Blau- und Violett- Tönen leuchtete. Welche andere Option hatte er denn?

Die Wochen vergingen und Danny lebte das Leben des russischen Millionärs. Er ging zu Nicolajs Arbeit, die seiner eigenen in England sehr ähnlich war, nämlich der Koordination für verschiedene Bauprojekte- nur hier spielte er in einer ganz anderen Liga. Es ging um Summen, von denen er noch nie zu träumen gewagt hätte. Außerdem wurde Danny dermaßen viel von der Arbeit abgenommen, dass er nicht sonderlich zu tun hatte. Alle wussten, dass er nicht Nicolaj war, daher muteten ihm seine Kollegen nicht viel zu. Aber alle spielten das Spiel mit.

Genauso war es, als er heimkam. Die Bediensteten in dem großen Anwesen waren Teil des großen Ganzen, von dem Danny auch nach knapp vier Wochen noch nicht den Kern gefunden hatte. Im Grunde wartete er darauf, dass er eine Lösegeldforderung oder etwas in der Art erhielt. Doch es passierte nichts. Manchmal ertappte sich Danny dabei, wie er gewisse Annehmlichkeiten als plötzlich wohlhabender Mann als schön empfand und er bestrafte sich mit schlaflosen Nachtstunden, in denen er sich immer und immer wieder dieselben Vorwürfe machte. Er vermisste seinen Sohn und seine Frau in jeder einzelnen Minute, aber oft tat es zu sehr weh, also versuchte er nicht an sie zu denken. Oksana und Ivan waren alles andere als schlechte Menschen, im Gegenteil, sie machten seinen unfreiwilligen Aufenthalt annehmbar und trösteten Danny insgeheim. Vor allem akzeptierten sie, wenn Danny alleine in seinem Zimmer sein wollte, um seinen Gedanken nachzugehen. Es war die merkwürdigste Situation, die er sich jemals vorstellen konnte: Er glaubte in einem Alptraum zu landen und dann war irgendwie alles ganz okay, obwohl es das nicht sein sollte. Aber alle waren freundlich zu ihm und machten es ihm damit umso schwieriger; er war hin und her gerissen vom schlechten Gewissen und der unheimlichen Natürlichkeit, täglich in einem fremden Haus aufzuwachen und das Leben eines anderen zu leben.

Danny versuchte Tag für Tag hinter sich zu bringen, in der Hoffnung, dass er eines Morgens wieder zuhause in seinem Bett aufwachen würde. Dass alles beim Alten sein würde. Aber es passierte nicht. Und irgendwann zählte Danny bereits die siebte anbrechende Woche als Nikolaj Sorokin.

Eines späten Abends schließlich ein Anruf.

„Danny, ich bin`s…“, weinte eine Stimme in den Hörer.

„Rose? Schatz, alles in Ordnung? Es ist alles gut, bitte hör auf zu weinen! Es wird alles wieder gut, versprochen! Wo seid ihr?“

„Wir sind zuhause… Aber nein, nein, das wird es nicht. Danny, wir sollen uns verabschieden. Du kommst nicht wieder, hat er gesagt.“ Er vernahm dem Schluchzen einen vorwurfsvollen Unterton.

„Natürlich komme ich wieder. Ich weiß nur nicht, was er von mir verlangt, Rose. Ich weiß es nicht.“

„Was meinst du damit? Du bist doch bei ihr, stimmt`s? Mit diesem russischen Model.“

„Ich bin in deren Haus, ja, aber das doch nicht freiwillig. Wie geht es Sam? Ist er bei dir?“

„Nicht freiwillig? Du hast mich in Frankreich schon angelogen, du sagtest, es sei nicht von Belang, was geschehen ist… Ich habe die Fotos gesehen, Danny. Wie ihr euch geküsst habt. Nikolaj hat mir von dem Deal erzählt. Du hast uns eingetauscht. Mich und Sam, gegen ein russisches Supermodel und 250.000 Euro.“

Was hatte dieser Mistkerl seiner Frau da nur eingebläut?

„Nein, nein, nein, was erzählst du da? Ich habe gar nichts. Ich habe den Deal abgelehnt. Ich liebe euch und würde niemals… Ich haue hier ab und komme nach Hause. Irgendwie… “

„Du kommst nirgendwo hin, mein Freund“, plötzlich ertönte Nicolajs Stimme. „Du hast keine Identität mehr als Daniel Westwood. Dein Gesicht ist nicht mehr dein Name. Versuch erst gar nicht bei Polizei…. Alle sind auf meiner Seite. Das was du hast jetzt, du kannst nicht darüber bestimmen. Du bist nichts.“

Danny konnte es nicht glauben. „Warum? Warum bin ich hier und Sie sind dort… Wieso haben Sie mir meine Identität gestohlen? Was haben Sie meiner Frau erzählt? Wo ist Sam… Bitte ich…“

Wie ein Hund ließ Nicolaj ihn betteln, aber Danny war es egal. Seine Hoffnung, dass er sein Leben zurückbekam, erstarb gänzlich. Er redete auf den Telefonhörer ein, obwohl das Freizeichen schon längst ertönt war.

Daher merkte er nicht, dass Carina einen Mann ins Haus ließ, der eine Eiseskälte verbreitete. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass dieser Mann im heruntergekommenen Aufzug und dem zornigen Funkeln in den Augen nicht gekommen war, um eine Tasse Tee zu trinken. Danny war so fertig von dem Telefongespräch, dass er nicht den geringsten Anflug von Angst oder Unruhe verspürte.

„Und sie sind jetzt wohl mein Todesengel, oder wie“, sagte er schon beinahe verächtlich und wartete nur darauf, dass er eine Kugel in die Brust gejagt bekam.

Der Fremde fing an, hektisch auf Russisch zu reden, sodass Danny kein Wort kapierte. Aber dem wütenden Gesichtsausdruck zufolge und dem wild gestikulierenden Körper nach war der Mann auf Danny nicht gut zu sprechen. Oder besser gesagt auf Nicolaj.

„Hören Sie, ich bin nicht Nicolaj“, Danny war es plötzlich völlig egal, dass er gegen die Regeln verstieß, „und ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen.“

Der Fremde war völlig außer sich, stürzte auf ihn los, schubste ihn grob nach hinten und drückte ihn gegen die Wand, die Hände umklammerten fest seinen Hals. Der schmächtige Mann war kräftiger als er aussah und Danny ihm hilflos ausgeliefert. Es ging dermaßen schnell, und die Würgattacke raubte ihm so abrupt den Atem, dass es beinahe zu spät für ihn gewesen wäre. Aus dem Nichts tauchte Oksana mit einer Messingstatue in der Hand auf und schlug den Angreifer damit zu Boden. Regungslos blieb der Kerl liegen und das saubere Weiß des Teppichs wich einem dunklen Rot.

„Ich habe ihn getötet…“, stotterte Oksana kaum hörbar und brach in Tränen aus.

„Du hast mir das Leben gerettet.“ Danny nahm sie in den Arm und da standen sie nun. Der Mann, der um seine Existenz betrogen wurde tröstete die Frau, die wesentlich dazu beigetragen hatte. Nach einigen Minuten beruhigte sich Oksana wieder etwas und schaute Danny an:

„Es tut mir ja alles so leid!“

„Erzähl mir alles. Wer war der Kerl?“

Leise, aber mit klarer Stimme erzählte die junge Frau.

„Nicolaj hat nicht nur aufgrund seines Jobs das viele Geld. Er lebt von Erpressungen und dem Identitätsklau anderer Leute. Das, was er mit dir abgezogen hat… du bist einer von vielen. Und der Kerl da…“ Sie warf einen kurzen Blick zu dem Toten auf dem Boden „er war auch einer von ihnen. Und er dachte, du seist Nicolaj, weil er ihn nie persönlich getroffen hat. Es ist nie die gleiche Masche, die er abzieht, er überlegt sich ständig was Neues. Das Prinzip ist allerdings immer dasselbe: Er bietet einen Tausch, lebt eine Zeit lang das Leben desjenigen und verlangt anschließend eine Stange Lösegeld. Viele wollen sich an ihm rächen und meistens geht es nicht gut aus für sie. Es ist auch nicht nur des Geldes wegen, Nicolaj macht es auch einfach als Zeitvertreib. Es macht ihm Spaß, Leute auf ihr Verhalten zu testen. Wie sie auf sein Angebot reagieren, ob und wie sie seine Person anschließend verkörpern… Es ist sein kleines Hobby sozusagen.“ Sie schnaubte verächtlich.

„Ist jemand schon mal auf einen Deal, wie er ihn mir angeboten hat, eingegangen?“

Oksana wandte ihren Blick beschämt ab. „Einmal. Mein Mann Ed war ein gewalttätiges und geldgeiles Arschloch. Wir haben ihm nichts bedeutet. Im Grunde hat Nicolaj Ivan und mich aus der Hölle gerettet. Und dafür bin ich ihm dankbar.“

Danny war sprachlos. Nicolaj besaß eine Familie, die er im Grunde gestohlen hatte und nutzte diese für seine schamlosen und kriminellen Absichten aus. Wer weiß, was Oksana für den Mistkerl alles tun musste! Und wie hatte er nur den armen Jungen dazu gebracht, einen jeden fremden Mann „Papa“ zu nennen?

„Deswegen spiele ich seine Femme Fatale, wenn man es so will. In Wirklichkeit bin ich eine ganz normale, junge Mutter, die einfach an die falschen Leute geraten ist. Bis jetzt.“ Oksana fixierte Danny. An ihrem Verhalten hatte Danny ihre Zuneigung schon längst bemerkt, nun spürte er auch ihre Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Er konnte es nicht leugnen, dass er Oksana mochte und sich zu ihr hingezogen fühlte, aber er würde seiner Frau niemals wehtun. Das was sie hatten… Wie sehr wünschte er sich genau das zurück. Aber er würde Oksana hier raus helfen.

„Ich verspreche dir, dass wir drei von hier wegkommen. Du hast ein besseres Leben verdient. Nicht nur eines, in der du eine Rolle spielen musst. Und ich kehre zurück zu meiner Familie. Wir schaffen das.“

„Aber dieses Mal ist es anders.“

„Was meinst du?“

„Das ganze dauert schon viel zu lange… Normalerweise ist nach zwei Wochen Schluss… und dass wir jetzt so offen darüber reden… Er überwacht uns doch.“

Ohne lange zu überlegen bestimmte Danny, dass sie abhauen würden. „Wir fahren jetzt los. Hol Ivan und das Wichtigste, was wir die nächsten Tage brauchen. Und Bargeld. Jede Menge davon.“

So fuhren die drei fort von dem Anwesen, das etwas außerhalb von St. Petersburg auf einer kleinen Anhöhe lag, runter in die Stadt. Die Nacht war angebrochen und Danny fand es am besten, in keinem Hotel einzuchecken, wo man nach ihren Personalien fragen würde.

„Wir schlafen heute Nacht im Auto, morgen sehen wir weiter.“

Der Morgen kam schnell und Danny hatte keine Ahnung, ob sein Vorhaben, zurück nach England zu fliegen, umsetzbar war, in Anbetracht der Tatsache, dass er identitätslos herumlief. Wenn Nicolaj Wind davon bekommen hatte, dass sie abgehauen waren- und davon hatte er sicherlich Wind bekommen, dann hatte er bestimmt schon dafür gesorgt, dass er auch den Namen Nicolaj Sorokin verloren hatte.

„Ich gehe zum Tabakladen und kaufe uns etwas zum Essen“, sagte er zu Oksana und stieg aus dem Auto. Der Parkplatz war schon recht belegt und auch auf den umliegenden Straßen war der morgendliche Frühverkehr schon im Gange. Danny ging in den kleinen Tabakladen, kaufte etwas Brot, Crossaints und Saft und schaute sich alle Leute hier genau an. Wo waren Nicolajs Männer? Es war doch seltsam, dass nicht schon längst etwas passiert war… Das mit dem Zettel, dem er dem Fahrer zugesteckt hatte… Nach kürzester Zeit wurde er dafür verprügelt und jetzt, wo er alle Regeln brach, die er nur brechen konnte, passierte gar nichts? Etwas war doch faul an der Sache…

„Wollen Sie heute noch bezahlen, oder was?“ unterbrach der Kassierer seine Gedankengänge.

Als Danny mit zwei vollbepackten Tüten in den Armen vom Tabakladen hinausging, fiel ihm eine Frau in dem Restaurant gegenüber auf. Sie trug einen schwarzen Trenchcoat, eine große, goldene Sonnenbrille, einen pinken Lippenstift und hatte die dunkelbraunen Haare streng nach hinten gebunden. Gerade stellte sie ihre Kaffeetasse auf den Tisch und fuhr sich mit einer ihm sehr vertrauten Geste hinter das Ohr. Das machte Rose immer, wenn sie zufrieden war oder sich über etwas freute. Sie lächelte und stand auf, um jemanden zu begrüßen. Es durchzog Danny wie ein heranrasender Pfeil. Danny konnte den Mann nicht erkennen, aber Rose umarmte und küsste ihn liebevoll auf die Lippen.

Danny stellte die Tüten auf den Boden und ging wie ferngesteuert auf das Lokal zu. Dabei achtete er darauf, dass sie ihn nicht sah. Er hörte ihr Lachen und wie sie in einem perfekten Russisch mit dem Mann plauderte, von dem Danny genau wusste, dass es sich um Nicolaj handelte. Am Eingang des Restaurants blieb Danny stehen und wartete ab. Er beobachtete die beiden, wie sie vertraut miteinander waren und spürte, wie jede einzelne Zelle in seinem Körper von unsagbarer Wut zerfressen wurde. Rose stand vom Tisch auf und wollte wohl auf die Toilette. Danny wandte sich schnell von ihr ab, um nicht erkannt zu werden und folgte ihr dann unauffällig auf das Damen- WC. Er schubste sie hinein und sperrte die Tür zu. Rose, die ihn nicht hatte kommen sehen, war völlig perplex. Aber ihre Verwunderung verwandelte sich schnell in ein schadenfrohes Grinsen.

„Ich dachte eigentlich, dass du schon längst am Flughafen sitzt und dort auf deine Festnahme wartest. Leute ohne Namen und ohne identifizierbaren Gesicht, die sieht man heutzutage nicht gerne.“

„Wie lange hast du das schon geplant? Seit wann hasst du mich so sehr?“

„Hassen ist ein hartes Wort, Danny. Aber ich habe mir wirklich Mühe gegeben, dass wir dich für unsere „Deals“ bis zum Schluss aufheben.“

„Bei den anderen Männern war es das Geld, das ihr ihnen abgezockt hat, schon klar, und was war es bei mir? War ich von Anfang an Teil des Plans?“

„Ach Danny… unsere ersten zwei Jahre waren echt, das schwöre ich. Aber als ich Nicolaj kennengelernt hatte, wollte ich auf ihn und ehrlich gesagt auch auf seinen Reichtum nicht mehr verzichten. Deswegen haben wir gemeinsame Sache gemacht. Aber wir wussten, dass wir irgendwann aufhören müssen, damit wir nicht in Gefahr laufen, aufzufliegen. Und damit wir dich los wurden, warst du sozusagen… unser Finale. Aber mein Gott, Oksana und Ivan haben dich jetzt auch nicht gerade schlecht behandelt. Die Schlampe ist doch schon seit Frankreich verschossen in dich. Also so schlecht erging es euch nun wirklich nicht.“

Danny konnte nicht glauben, was er da hörte. Es stand eine Fremde vor ihm. Und eine verdammt gute Schauspielerin.

„Du hast mich einfach in ein anderes Leben gesteckt und mich von Sam ferngehalten“, er fuhr sich verzweifelt durch die Haare und flüsterte: „Er ist Nicolajs Sohn, oder?“

„Das wollte ich dir ersparen, Danny. Wirklich, glaube mir.“

„Was kann ich dir schon noch glauben… Ihr beide… ihr kommt nicht durch damit, das schwöre ich.“

Danny stürmte aus dem WC, stieß aus Versehen zwei verwunderte Frauen an, die vor der Tür warteten und rannte aus dem Restaurant zum Wagen, in dem Oksana und Ivan auf ihr Frühstück warteten.

„Was ist los Danny?“ fragte Oksana besorgt, weil sie den Unmut in seinem Gesicht und das Zittern seiner Hände bemerkte. Hektisch, aber entschlossen setzte dieser sich ans Steuer und drehte den Schlüssel um.

„Wir holen uns unser Leben zurück. Auch, wenn sich darin nun einiges geändert hat.“

3 Gedanken zu „Das andere Leben (Teil 3)

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