Waldläufer und Blitzgiganten

Vor ungefähr zwei Monaten habe ich mit meinem Patenkind ein Wochenende verbracht, an dem zusammen mit anderen Familien verschiedene Spiele usw. veranstaltet wurden. Eines davon war das „Fähnchen stehlen“ mitten im Wald, bei dem zwei Mannschaften das gegnerische Fähnchen in einem bestimmten Waldabschnitt suchen mussten. Ein bisschen kam ich mir dabei vor wie in „Die Tribute von Panem“, aber mehr habe ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht- außer, dass ich erstaunlich viel Spaß dabei hatte. Vor kurzem allerdings hatte ich einen Traum, der dieses Spiel von einer anderen Seite beleuchtete, einer düsteren Seite. Morgens wachte ich auf und notierte mir den Traum sofort.

Folgende Geschichte habe ich aus diesen zwei Erlebnissen gesponnen und habe mir dabei folgende Frage gestellt: Wie moralisch handeln wir, wenn es um unseren eigenen Kopf geht?

„Das Revier der ersten Mannschaft reicht von dieser Tanne hier bis ganz nach unten zur Forststraße“, erklärte Clive seinen Freunden. „Das Revier der zweiten hat dieselbe Startlinie und endet oben am Weiher. Ziel ist es, den versteckten Schatz der gegnerischen Mannschaft in deren Revier zu finden und sicher ins eigene zu verfrachten- ohne von seinen Gegnern erwischt zu werden versteht sich.“

Tom rieb sich vor Vorfreude die Hände aneinander: „Alles klar, und wer sucht im feindlichen Gebiet nach dem Schatz und wer verteidigt das eigene?“

„Jede Gruppe überlegt das selbst und teilt ein“, erwiderte Clive knapp. „Die, die erwischt werden, werden in unser imaginäres Gefängnis hier zwischen den Büschen gebracht und müssen dort fünf Minuten lang bleiben. Was für die Gegner natürlich ein Riesenvorteil ist. Jetzt können sich die Mannschaften eine Taktik überlegen, einen Kapitän wählen und einen Gruppennamen.“

Die Gruppen bildeten jeweils einen Kreis. Die eine bestand sowohl aus Clive, der die Idee für den Spielenachmittag der etwas anderen Art hatte und somit automatisch Boss seiner Mannschaft wurde, als auch aus Spencer, Melanie, Conny und Hannah. Sie entschieden, dass die drei letzteren auf Schatzsuche gehen und die beiden Männer für die Verteidigung im eigenen Revier zuständig sein sollten.

„Ich finde den Namen Blitzgiganten ja super“, schlug Spencer vor, der wie immer übertreiben musste.

Melanie putzte ihre Brille am Ärmel und verdrehte die Augen: „Sehr bodenständig… Aber meinetwegen. Hauptsache wir beginnen mit dem Blödsinn endlich, bevor ich es mir endgültig anders überlege.“

„Ach komm schon, das wird bestimmt witzig, sonst hängen wir eh nur rum. Das ist mal was anderes“, ermunterte die selbstsichere Conny ihre langjährige Freundin. „Sind die anderen schon soweit?“

„Noch nicht!“ rief Sammy, der Kapitän der anderen Mannschaft herüber. „Also gut, dann bleiben wir dabei? Jackie, Florence und ich suchen nach dem Schatz und ihr zwei bleibt hier und bewacht unseren.“ Tom und Pete nickten. „Wobei ich nicht glaube, dass ihn die anderen finden werden, unser Versteck ist einfach genial. Schnell, noch einen Namen!“

„Was haltet ihr von Waldläufer?“, fragte Florence, die erst vor kurzem zur Clique dazukam.

„Einfach und zutreffend, klasse! Also los, gehen wir zu den anderen.“

Das Erkennungszeichen der Waldläufer waren grüne Bänder am Armgelenk, das der Blitzgiganten ein weißes, um die Stirn gebundenes Band.

„In den ersten zwei Minuten darf niemand gefangen werden, nur die Schatzsucher der Mannschaften dürfen los. So hat jeder einen Vorsprung und es wird spannender“, grinste Clive.

„Aber die Reviere sind riesig, wir sind bestimmt den ganzen Nachmittag im Wald unterwegs“, jammerte Melanie.

Clive kam nahe an Melanies Ohr heran und zischte ihr ins Ohr: „Na dann sieh zu, dass du läufst und den Schatz schnell findest.“

Der Anführer der Blitzgiganten gab das Startzeichen und alle verteilten sich in den Revieren.

Im Revier der Waldläufer

Conny und Hannah waren höchst motiviert und liefen los, so schnell sie konnten.

Conny schnaufte: „Wir teilen  uns da vorne auf, ich laufe nach oben und du bis nach unten an die Forststraße und suchst dort alles ab. Wo bleibt unsere Skeptikerin?“

„Ist gut“, antwortete Hannah und huschte durch die dichten Büsche Richtung Osten.

„Ich bin hier!“ Langsam kam auch Melanie angelaufen, die noch immer nicht überzeugt von der ganzen Sache war. „Ich bleibe am besten hinten, von wo wir gestartet sind, verstecke mich irgendwo und warte bis die Waldläufer weg sind. Dann kann ich mich dort in Ruhe umsehen.“

Sie ging ein Stück zurück und versteckte sich hinter einem dichten Gebüsch, das vom Weg aus nicht besonders gut zu sehen war. Warum war sie nicht einfach zu Hause geblieben? Sie hätte sich ins Bett legen können mit einem schönen Buch, ihre Musik laut aufdrehen und die Rollläden tief hinunterlassen, um der Spätsommerhitze zu entfliehen. Eigentlich war es schon September, aber es war drückend heiß. Clive und seine verrückten Einfälle. Und die Clique war noch um einiges verrückter, weil sie sich immer auf diese Absurditäten einließ! Heute war wieder einer jener Tage, an denen Melanie das starke Gefühl hatte, nicht wirklich in diesen Freundeskreis zu passen. Sie war irgendwie anders als der Rest. Ruhiger, nachdenklicher, erwachsener wenn man so will. Aber wenn sie nicht mit den anderen mitzog, wen hatte sie dann noch? Ihren schusseligen Vater zuhause, der nichts alleine auf die Reihe bekam. Dann doch lieber hier draußen in den Wäldern wie eine Bekloppte rumlaufen. Hoffentlich findet bald jemand die Truhe. Tom hatte die Kisten gefüllt, also waren entweder Zigaretten oder Alkohol drin oder beides. Vielleicht auch ein bisschen Gras. Na super, und dafür zerkratzte sich Melanie hier im Gebüsch ihre Beine. Da kam Tom auch schon angelaufen, der Waldläufer mit dem grünen Band am Handgelenk. Pete kam schnurstracks hinterher, die beiden redeten leise miteinander und trennten sich dann.  Tom grinste breit, während er schnellen Schrittes eine Anhöhe erklomm und dachte dabei, wie geil er die Idee von Clive fand und dass er jetzt noch etwas mehr Spannung in die Schatzsuche bringen wollte. Wie ein Tier witterte er ein noch so kleines Geräusch. Er hatte keine Bedenken, dass er die Mädchen der Blitzgiganten bald finden würde. Allerdings hatte er nicht vor, sie schnell zu fangen und ins „Gefängnis“ zu stecken, nein. Er wollte zuerst das Spiel ein bisschen „aufpeppen“. In der Stofftasche, die er bei sich trug, war die Pistole, die er aus dem Schrank seines Vaters geklaut hatte und ein Tonbandgerät mit Schreien aus einem Horrorfilm. Natürlich wollte er auf niemanden schießen, aber ein paar Schüsse in die Luft oder in die Nähe der anderen, das konnte definitiv witzig werden, meinte er. Ganz zu schweigen von den grausigen Aufnahmen. Die Mädels würden bei dem kleinen Alptraum, den er ihnen verpassen würde, ausrasten! Im Moment waren zwei von ihnen gerade dabei, sich anzukeifen und ahnten nicht im Geringsten, was ihr Freund mit ihnen vor hatte.

„Ich dachte, du läufst nach unten?“, herrschte Conny die vierzehnjährige Hannah an.

„Vergiss es, da unten ist alles voller Stechmücken, ich habe keine Lust drauf so auszusehen, als hätte ich Pickel.“

„Na gut, dann suchen wir eben erstmal gemeinsam. Aber wenn Tom oder Pete auftauchen, teilen wir uns auf, hörst du?“

Hannah schlich neben ihrer Freundin her, die immer gerne das Kommando über hatte. Eigentlich konnte sie Conny nicht besonders leiden, vielleicht aber nur deshalb, weil sie einmal mit Pete zusammen gewesen war. Hannah war schon längere Zeit in ihn verliebt, aber Pete war achtzehn, und sie selbst in seinen Augen wohl noch ein Baby, obwohl sie sich immer große Mühe gab, weiblich und erwachsen auszuschauen. Was hatte Conny, was sie nicht hatte? Außer ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung? Sie war hübsch ja, aber nicht hübscher als andere. Große Brüste. Und eine noch größere Klappe. Das Selbstbewusstsein war es, was Conny für die Jungs attraktiv machte. Definitiv.

„Da hinten kommt Pete! Los los los, lauf nach unten und vergiss die scheiß Mücken einfach!“ wisperte Conny befehlerisch.

Hannah rannte los, war sich aber sicher, dass Pete sie beide entdeckt hatte. „Hoffentlich fängt er mich und nicht Conny“, murmelte die Vierzehnjährige. Aber dieser entschied sich, Conny hinterher zu rennen, weil Hannah in die entgegengesetzte Richtung lief und das verdammt schnell. Obwohl er sie bevorzugt hätte; vielleicht hätten sie sich etwas unterhalten können. Er mochte Hannah wirklich sehr, hatte aber seine Gefühle für sie bisher in Zaum gehalten. Sie war zu jung und er wollte vermeiden, dass die anderen große Sprüche klopften darüber.

„Ich glaube, du hast die Spielregeln nicht ganz verstanden, du sollst vor mir weglaufen“, rief er Conny zu, die seltsamerweise auf ihn zukam.

„Was interessiert mich dieser blöde Schatz“, lachte seine Exfreundin trotzig. „Ich habe eine viel bessere Idee, und die macht definitiv mehr Spaß als dieses Herumgeistern im Wald.“ Sie kam auf Pete zu und küsste ihn zart.

„Wie früher“, hauchte sie. Pete, der eigentlich mit seinen Gedanken bei Hannah war, hatte nicht die Kraft „Nein“ zu sagen. Man widersprach Conny nicht. Man schlief mit ihr.

Im Revier der Blitzgiganten

„Dass wir euch gleich mal fangen würden, war ja klar, aber dass du so langsam bist… Florence, Florence, Florence…“ Clive fand es herrlich, als erster eine der Waldläufer gefangen zu haben.

„Ich wollte dir und deinem Ego ja nicht im Wege stehen“, erwiderte Florence trocken. Clive schnaubte verächtlich, er wusste, wie gut er war. Er war ein Athlet und zumindest im Sport ein absolutes Ass. Schnelligkeit und Geschick waren seine Talente beim Football. Nicht umsonst war er Quarterback seiner Schulmannschaft. Es war das einzige, worauf er bauen konnte und wodurch er zu einem Stipendium gelangen würde. Andere nannten ihn egoistisch, aber damit konnte Clive gut leben. Dafür war er ein Anführer. Beim Football, bei seinen Freunden, bei seinem kleinem Nebenjob. Überall eben- außer zuhause. Er brachte Florence ins „Gefängnis“, die witzelte:

„Na los, such und schnapp dir die anderen“, als ob sie mit einem Hund sprechen würde. Clive konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Alles klar, du Früchtchen!“ Schneller als ein Reh auf der Flucht vor einem Jäger, sprintete er davon. Florence war sich sicher, dass Clive die Situation eben unangenehm wurde, immerhin zeigte er einen Anflug von Menschlichkeit ihr gegenüber. Er war kein übler Kerl, da war sie sich sicher. Aber eben ein harter Brocken, genau das richtige Projekt für Florence, die immer an das Gute im Menschen glaubte. Sonst könnte sie auch nie in dieser Gruppe bestehen, denn wirklich jeder einzelne darin hatte ein Rad ab. Sie liebte diese schrägen Vögel. Gott sei Dank war ihre Familie hierher gezogen. Und Gott sei Dank musste sie gleich in der ersten Woche nachsitzen und war auf Spencer gestoßen, der in diesem Moment auch schon mit der zweiten „Gefangenen“ um die Ecke kam.

„Oh Mist, du bist auch schon erwischt, Jackie? Ich wollte grade wieder los!“ beschwerte sich Florence.

Spencer war völlig außer Puste, als er Jackie ins Gefängnis schubste: „Ich bleib jetzt erstmal hier und bewache euch, soll doch Clive nach Sammy suchen. Ich bin fix und fertig!“

Jackie keuchte genauso: „Nanana, was ist denn los mit dem Blitzgiganten? Ist wohl die Batterie ausgegangen, was?“

„Halt die Klappe. Du bist schlimmer als ein Hase, der Haken schlägt. Ich glaube sowieso, das Sammy den Schatz bald finden wird. Er ist jedenfalls in der richtigen Gegend.“ Spencer lehnte sich schwer atmend an einen Baumstamm. „Wagt es ja nicht, auch nur einen Fuß aus dem Gefängnis zu setzen, ich erwische euch, auch wenn ich noch so fertig bin!“

Jackie trank einen Schluck Wasser und kicherte: „Keine Sorge, wir sind nicht so scharf drauf, uns nochmal von deinen schwitzenden Händen anfassen zu lassen!“

Der ansonsten so große Sprücheklopfer war zu fertig, um ihr Kontra zu geben. Ein paar Minuten war es still in der Runde, als plötzlich seltsame Geräusche aus dem Revier der Waldläufer zu hören waren.

„Was war denn das?“ Florence schaute nach hinten.

„Waren das Schüsse?“ Auch Jackie wurde unruhig und blickte sich um und bemerkte dabei, wie sich Spencer ein Grinsen verkniff. „Spencer? Was ist da los?“

„Ach gar nichts ist los… Tom hat… naja, er hat ein paar Spielsachen dabei, um die Schatzsuche auf seiner Seite dort ein bisschen aufzumotzen“, antwortete dieser.

„Eine Pistole? Ihr seid Idioten, wisst ihr das? Die arme Hannah, die weiß sich ja so schon nie zu helfen, und Melanie wird ausrasten, sag ich euch!“

„Reg dich ab, Sammy wird den Schatz gleich gefunden haben, dann ist der Spaß hier sowieso vorbei.“

Spencer behielt Recht. Nach nur kurzer Zeit kam der Älteste der Clique mit dem Schatz ins Ziel gestürmt.

„Wohooooo, geschafft“, jubelte dieser enthusiastisch und mit voller Lautstärke und war eigentlich begeisterter davon, schneller als Clive gewesen zu sein. Nachdem er den Schatz unter einer riesigen Wurzel gefunden hatte, hechtete Sammy mit dem Bewusstsein los, dass sein Kumpel im Grunde der schnellere Läufer war. Aber das Glück war auf seiner Seite und ohne zu stolpern oder an einem Ast hängen zu bleiben, schaffte er es vor ihm zu den anderen. Gut, dass er nicht gleich in die Kiste hineingespäht hatte, sonst hätte er nicht den Vorsprung gehabt, der ihm schließlich zum Sieg verhalf- obwohl die Versuchung groß war, aber Sammy dachte ans Team und wollte die Truhe gemeinsam mit den anderen öffnen. Clive war die miese Laune im Gesicht regelrecht abzulesen. Er war ein schlechter Verlierer. Aber Sammy ein fairer Gewinner.

„Lasst uns die anderen zusammentrommeln, dann können wir die Kiste öffnen und ein Bierchen trinken gehen. Ich zahle!“

„Nicht nötig, wir sind da.“ Pete und Tom kamen mit Melanie und Conny, um diese ins „Gefängnis“ zu stecken. „Aber ihr seid ja alle da, ist es schon vorbei?“ erkundigte sich Tom enttäuscht.

„Ja, Sammy hat die Kiste gefunden, während du mit deiner Waffe rumgeböllert hast“, erwiderte Jackie provokant und starrte dann auf Connys Oberweite, die sich unter dem weißen T- Shirt in voller Pracht zeigte. „Und du, hast du deinen BH im Wald drüben liegen lassen?“

„Ich hatte sicher mehr Spaß, als ihr alle zusammen“, antwortete diese unbeeindruckt. Pete wandte seinen Blick beschämt ab. Hannah fehlte noch, aber er wollte nichts sagen. Alle wussten, dass er völlig verschossen in die Kleine war und jetzt bekamen alle mit, dass er es mit Conny getrieben hatte. Mitten im Wald, vielleicht nur hundert Meter entfernt von Hannah.

Sammy öffnete die Schatztruhe und sie fanden darin, was sie schon alle vermuteten:  Nämlich eine Flasche Wodka und einen Joint für jeden Gewinner. Melanie verdrehte die Augen, war schließlich aber die erste, die einen kräftigen Schluck von dem Wodka nahm. „Igitt, ist das Zeug eklig. Hoffentlich wirkt es schnell, sodass ich den restlichen Abend mit euch verkrafte.“

Alle lachten und keiner schien zu bemerken, dass jemand aus der Gruppe fehlte. Der einzige, der es merkte, traute sich nicht den Mund auf zu machen. Also saßen die neun Freunde auf dem Waldboden und genossen einen Joint nach dem anderen und gaben sich der Mixtur aus Alkohol und Gras hin. Es war eine heitere Runde und sogar Melanie schien endlich ihre negative Stimmung abgelegt zu haben.

Ausgerechnet Conny war es, die irgendwann Hannahs Fehlen bemerkte: „Hey Leute, wo ist denn unser Baby eigentlich?“

„Stimmt, Hannah ist nicht da. Ups, gar nicht gemerkt“ lachte Spencer berauscht und alle kicherten mit.

„Vielleicht sollten wir sie suchen gehen. Die ist ganz schön lange alleine im Wald unterwegs“, warf nun Pete endlich ein.

„Ooooh, vermisst du deine kleine Hannah- Maus schon?“, spottete Conny und fuhr ihm durch die Haare. Pete wich ihr genervt aus.

„Wir rauchen noch gemütlich diese letzte, kleine Graszigarette und dann gehen wir sie suchen, falls sie inzwischen nicht alleine hergefunden hat“, bestimmte Sammy und inhalierte einen tiefen Zug.

Pete begann unruhig zu werden. Nachdem auch der letzte Joint geraucht war und die Wodkaflasche ausgetrunken, war Hannah noch immer nicht zurück. Also machten sich alle auf die Suche nach ihr. Es begann schon leicht zu dämmern und ein kühler Wind begann durch die Bäume zu pfeifen, was die Suche nach Hannah nicht besonders angenehm gestaltete. Die Clique teilte sich in drei Gruppen auf und vereinbarte, sich nach spätestens 20 Minuten wieder am Ausgangspunkt zu treffen.

„Hannah! Hannah, wo bist du?“

„Wir wollen nach Hause, komm schon!“

Die Vierzehnjährige schien wie vom Erdboden verschluckt. Es war Melanie, die Hannah schließlich regungslos unter einem Baum liegend entdeckte.

„Oh nein, oh nein… Leute!!! Hierher! Sofort!“ schrie sie hysterisch und beugte sich zu ihrer Freundin runter, um zu sehen, ob sie noch atmete.

Innerhalb kürzester Zeit kamen alle hergelaufen und blieben wie gelähmt auf der Stelle stehen, als sie sahen, wie Melanie versuchte, Hannah aufzuwecken. Das Marihuana und der Alkohol dröhnten in ihren Köpfen, und ein Gefühl der Hilflosigkeit mischte sich dazu. Melanie rüttelte Hannah, versuchte eine Herzmassage, obwohl sie nicht die geringste Ahnung von Wiederbelebung hatte und redete weinend auf sie ein.

„Komm schon, Kleine! Mach die Augen auf, mach sie auf. Bitte, bitte…“ Melanies Stimme war kaum noch zu vernehmen, die Tränen verschluckten ihre Worte. Die anderen waren wie eingefroren. Florence und Jacky begannen schließlich zu schluchzen, Conny vergrub ihr Gesicht in Spencers Armen und Clive flüsterte ein „Verdammt“ nach dem anderen. Pete sank zu Boden und wendete seinen Blick von der toten Hannah ab. Er ertrug ihren Anblick nicht. Wie sie dalag mit ihren langen aschblonden Haaren, das weiße Band der Blitzgiganten verklebt und rot gefärbt vom Blut, das aus ihrer Kopfwunde getreten war, die grünen Augen und den puppenhaften Mund geöffnet. Das Bein, das unnatürlich in die falsche Richtung gebeugt war. Pete schmeckte den  Alkohol in seinem Rachen hochsteigen und verharrte in der Hocke und hielt die Hände vors Gesicht. Es vergingen einige Minuten, in denen man nichts weiter hörte als das Weinen der Mädchen.

„Wir sollten sie verschwinden lassen“, sagte Tom plötzlich mit fester Stimme.

Alle Augen richteten sich auf ihn. „Was hast du da gesagt?“

„Oben im Weiher vielleicht, wenn wir alle mit anpacken, dann ist es in einer halben Stunde erledigt.“

Alle starrten ihn ungläubig an, während Melanie sich erhob, zu Tom hinging und ihm eine Ohrfeige verpasste: „Mit diesem Tag ist unsere Freundschaft beendet, du Arschloch. Wie kannst du es nur wagen, so etwas zu sagen? Warum sollten wir so etwas tun?“

Tom senkte sein Gesicht und schwieg.

„Tom? Was ist los?“, wollte Sammy wissen und kam ebenfalls näher.

„Womöglich verliert ihr heute zwei Freunde. Kann sein, dass ich ein bisschen Schuld daran trage, dass… naja, dass Hannah…“

„Was? Wie meinst du das?“

„Ich… ich habe die Pistole meines Vaters dabei gehabt und die Aufnahmen mit den Schreien aus den Horrorfilmen. Ich schwöre, dass ich nur Schüsse in die Luft abgefeuert habe! Ich wollte Hannah lediglich ein wenig Angst machen damit. Sie ist dann auf den Baum geklettert, wohl, um sich zu verstecken. Was anschließend passiert ist, weiß ich nicht, ich habe mich ja versteckt, als ich geschossen habe und bin dann in die andere Richtung gelaufen, um auch Conny und Melanie zu erschrecken. Ich habe schon ein dumpfes Geräusch gehört, habe mir aber nichts weiter dabei gedacht…“

Pete erhob sich und streckte Tom zu Boden: „Du verrückter Psychopath! Deinetwegen ist Hannah vom Baum gefallen, deinetwegen hat sie sich ihren Kopf an dem Stein da zerschmettert. Deinetwegen hat sie Todesängste durchlitten… Du hast sie umgebracht und bist ihr nicht mal zu Hilfe geeilt.“ Er spuckte auf seinen Freund.  „Wir alle haben sie umgebracht, weil wir sie nicht früher gesucht haben.“

Und eigentlich wollte er noch weiter schreien: „Ich habe sie umgebracht. Ich habe ihr Fehlen als erster bemerkt und war zu feige, etwas zu sagen. Ich hätte zu ihr laufen sollen, schon während des Spieles!“ Stattdessen brach Pete in Tränen aus.

„Wir sollten die Polizei rufen“, meinte Jackie, als niemand sonst es wagte zu reden. Auch jetzt antwortete keiner der neun Freunde. Alle schauten bedrückt zu Boden.

„Leute?“

„Pete hat Recht, wir sind alle schuld. Wir haben alle nicht sofort nach ihr gesucht, obwohl wir es hätten tun sollen. Vielleicht wäre Hannah noch am Leben, wenn wir ihr früher zu Hilfe geeilt wären“, sagte Florence still. „Wir bekommen alle Schwierigkeiten, wenn wir die Polizei rufen…“

„Ganz zu schweigen davon, was mit Tom passieren würde“, fuhr Spencer fort. „Er mag ein Arschloch sein und einen Fehler gemacht haben, aber das war sicher nicht seine Absicht. Wir können ihn nicht auflaufen lassen, das wäre nicht fair!“

„Nicht fair?“, rief Melanie bestürzt und zeigte auf Hannah. „Nicht fair? Findest du das hier fair?“

„Beruhigt euch, ok? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass der Tag nicht so hätte verlaufen dürfen. Es ist furchtbar, was mit Hannah passiert ist. Es nützt nichts, wenn wir uns hier jetzt gegenseitig Vorwürfe machen und uns zoffen“, versuchte Sammy zu schlichten. „Versuchen wir, klar zu denken und die Fakten zu verstehen. Tom hat mit seiner kleinen Aktion Scheiße gebaut. Hannah… ist tot. Wir anderen haben zu spät reagiert. Es könnte für uns alle Konsequenzen haben, das sollte uns klar sein. Nichts desto trotz haben wie eine Verantwortung, oder nicht? Wir stimmen ab.“

Sammy schaute in die Runde schuldzerfressener und trauernder Gesichter. Er erkannte, wie einige von ihnen mit ihrer Entscheidung haderten, ein paar andere hatten sie schon getroffen.

„Also gut… Wer ist dafür, dass wir Hilfe holen?“

Melanie hob die Hand. Ebenso Jackie. Sammy selbst hob sie. Florence drehte sich mit Tränen in den Augen um und ging ein paar Schritte zur Seite, Spencer schüttelte bestimmt den Kopf, ebenso Clive, der sich bis jetzt gar nicht geäußert hatte. Conny starrte zu dem schweigenden, plötzlich in sich gekehrten Tom und meldete sich auch nicht.

„Pete?“ Melanie starrte ihn fassungslos an, denn auch er hob nicht seine Hand.

„Wir rufen niemanden“, flüsterte er, während er seine Knie fest umklammerte.

Sammy schluckte sein Unbehagen hinunter und fasste zusammen: „Drei sind dafür, sechs dagegen.“ Er konnte es nicht glauben, dass seine Freunde entschieden, das offensichtlich Falsche zu tun.

Melanie schrie: „Was ist nur los mit euch? Hannah war unsere Freundin! Es war ein Unfall, den niemand gewollt hat. Man würde uns glauben. Toms Strafe würde nicht so hart ausfallen!“

„Woher willst du das wissen?“, keifte Conny sie von der Seite an. „Wir landen wahrscheinlich alle in Teufels Küche! Melanie, schalt doch endlich dein Gehirn ein! Wir würden uns alle unsere Zukunft verbauen! Vergiss deine Moral!“

„Was seid ihr für Freunde… Herrgott nochmal. Hannahs Mutter wartet vermutlich schon darauf, dass ihre Tochter jeden Moment zur Tür hereinkommt“, weinte Melanie leise. „Was… was wollt ihr jetzt also tun?“

Wieder herrschte Stille im Wald. Es war die qualvollste, die die neun Freunde je erlebt hatten. Und die Nacht, die vor ihnen lag, war noch um einiges qualvoller.

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