Plötzlich Autorin – Die Geschichte in der Geschichte

Folgende Kurzgeschichte ist zu meinem unerwarteten Lieblingsstück geworden, obwohl ich sie eigentlich für jemand anderes schrieb (dazu erfahrt ihr anschließend an die Geschichte mehr). Und aus diesem Grund möchte ich euch die Geschichte von der Frau, die plötzlich das Schreiben für sich entdeckt, nicht vorenthalten. Ihr findet auf jeden Fall einiges von mir in ihr und ihren Gedanken während des Tippens wieder- nur dass die Entdeckung meiner Passion für das Schreiben schon viel viel weiter zurückliegt 😉

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Eines Tages bekam eine Frau eine Schreibmaschine geschenkt. Wenn sie ehrlich war, dann wusste sie nicht, was sie damit anfangen sollte. Die Frau schrieb eigentlich nicht, das heißt, sie schrieb schon. Postkarten, Einkaufslisten, Notizen und dergleichen. Allerdings reichten dafür Kugelschreiber und Reste von Papier.  Außerdem hatte die Frau immer so viel um die Ohren, dass sie gar keine Zeit hatte, sich an ein solches Ding zu setzen. Umso mehr wunderte sie sich, weshalb sie ein derart seltsames Präsent überhaupt geschenkt bekam. Da stand sie nun, mitten im Wohnzimmer auf einem hölzernen, dicken Sockel: Eine antike, mechanische Schreibmaschine, schwarz mit sandfarbenen Tasten und dicken Großbuchstaben darauf. Sie sah ganz hübsch aus, fand die Frau, als Dekorationsstück. Und das war die Schreibmaschine dann auch einige Zeit. Ab und an legte sich eine Staubschicht auf sie, und zwischendurch stieß sich die Frau an ihr. Die Tasten blieben von Tag zu Tag und von Woche zu Woche unbenützt.

Eines Abends fiel vom Himmel starker Regen und Donner und Blitz jagten einander, es waren wahrlich stürmische Stunden. Es war so stürmisch, dass der Strom ausfiel, die Frau alleine in ihrem dunklen Wohnzimmer saß und kaum zum Schrank fand, in dem sie ihre Kerzen aufbewahrte. Natürlich vergaß sie auf dem Weg dahin ihrem neuen Dekostück auszuweichen und wieder schimpfte sie über es. Als sie dann aber endlich ein paar Kerzen angezündet hatte, erschien ihr die Schreibmaschine plötzlich in ganz neuem Licht. Und was war denn das? Ein Zettel steckte darin mit den Worten:

„Eines Nachts gab es kein Licht mehr im Haus,“

Einen kurzen Moment lang fürchtete die Frau, es könne noch jemand hier sein, aber da dies schlichtweg unmöglich war, weil das Haus hervorragend gesichert war und sie jeden Abend alle Zimmer im Haus kontrollierte, musste es eine andere Erklärung für das hier geben. Für diesen angebrochenen Satz auf dem Blatt Papier. Für diesen armen, angefangenen Satz, der es nicht verdient hatte, so stehengelassen zu werden. Die Frau kam näher an die Schreibmaschine heran und tippte vorsichtig mit ihren Fingerkuppen auf die Buchstaben und beendete den Satz mit den Worten:

„weil es draußen regnete.“

Hmm… es regnete draußen, ja, aber allein deshalb fiel doch der Strom nicht aus.  Sie stellte die Kerzen auf dem Kaminsims nieder und tippte weiter:

„Es regnete so feste, dass man nicht einmal den Donner vernehmen konnte. Blitze waren die einzige Lichtquelle in der Dunkelheit.“

Ja, das klang sehr gut. Man konnte verstehen, dass aufgrund des Gewitters das Licht ausfiel und gleichzeitig wurde das Naturschauspiel beschrieben. Die Frau war äußerst zufrieden damit, wie sie dem halbfertigen Satz das Leben rettete. So entfernte sie sich wieder von der Schreibmaschine und ging mit einer Ölkerze in die Küche, um sich auf dem heißen Holzherd, der das Erdgeschoss so wohlig mit Wärme versorgte, einen Tee aufzusetzen. Das heiße Getränk tat gut und entspannte sie, als sie an den Tisch lehnend dem Unwetter vor dem Fenster zusah. Sie merkte, wie ihre Finger gegen die Tasse klopften, ganz ganz leise. Da ging sie wieder zurück an die Schreibmaschine im Wohnzimmer und schrieb:

„Im Haus der Frau war es still, beinahe unheimlich, so still war es. Aber das Radio funktionierte nicht und es war niemand weit und breit, mit dem sie sich hätte unterhalten können. Sie war alleine.“

Eine Melancholie machte sich im Inneren der Frau breit, dass sie kopfschüttelnd und lachend aufstand und sich aufs Sofa legte. Schon komisch, da schrieb man einen lächerlichen Satz und schon fühlte man sich anders als noch vor dem einen blöden Satz. Die Frau auf dem Sofa trank den letzten Schluck Tee aus und befand, dass es wieder an der Zeit wäre, dass der Strom fließen könne. Der Kerzenschein und das wohlige Geräusch des Regens verpassten ihr einen Überschuss an seltsamen Gedanken. „Sie war alleine…“ Naja, die Aussage war wirklich zu negativ behaftet, als dass man sie so stehen lassen konnte. Ruckartig erhob sich die Frau von ihrer wirklich sehr bequemen Couch und schob einen Stuhl an das Schreibdings, auf dem sie es sich gemütlich machen konnte.

„Sie war alleine, aber das störte die Frau nicht im Geringsten. Manchmal war es schön, einfach nur für sich zu sein.“

Zufrieden nickte sie und wollte schon aufstehen, da dachte sie, dass die Geschichte so ja eigentlich noch recht langweilig war. Es war noch gar nichts Aufregendes passiert. Die Frau überlegte gut und glaubte, dass es toll wäre, wenn ihre Figur in der Geschichte den Strom wieder einschalten könne, ganz alleine, ohne fremde Hilfe. Selbst ist die Frau. Das wäre doch eine sehr gute Botschaft, die die Geschichte liefern könnte. Also schrieb sie weiter:

„Mit einer Taschenlampe in der Hand ging sie in den Keller, um den Schalter im Stromkasten wieder umzulegen, aber da sah sie, dass das Problem gar nicht hier lag. Das war seltsam.“

Gut, die Frau in ihrer Geschichte stand nun vor einem Problem, das sie werde lösen müssen. Vielleicht könne sie an dem Strommast etwas reparieren. Das wäre eine schwierige Aufgabe, die sonst nur Männer bewältigten- glaubte die Frau zumindest. Wie hießen die Leute, die das mit dem Strom machten? Waren das allesamt Elektriker, oder gab es da noch andere Berufssparten? Und was genau reparierte denn man eigentlich am Mast? Nun stand die Frau selbst auch plötzlich vor einem Problem, von dem sie im ersten Moment nicht wusste, wie sie es lösen könnte. Wie sollte sie über einen Strommast schreiben und über die Elektrizität, wenn sie selbst gar keine Ahnung davon hatte? Eine Lösung musste her. Da fiel ihr ein, dass es in Geschichten ja nicht immer der realistische Weg sein musste. Auf einmal schoss der Frau ein Bild in den Kopf, das sich perfekt dazu eignete, es in die Geschichte einfließen zu lassen. Wo das Bild bloß herkam… Sie wusste es nicht. Jedenfalls tippte sie weiter:

„Die Frau ging wieder nach oben und war sich unsicher, was sie nun tun sollte.“

Die eigenen Gefühle mit einbauen, das kam gut! Weiter:

„Sie öffnete die Haustür und steckte den Kopf kurz hinaus, um die Lage auszukundschaften. Es schüttete noch immer, aber sie hatte wohl keine andere Wahl. Selbst ist die Frau, dachte sie, zog sich ihre Regenstiefel und ihren Regenmantel an und wagte sich ins Unwetter. Als sie auf das große Feld kam, erkannte sie das eigentliche Problem mit dem Strom.“

Die Frau tippte und tippte, und die Tasten der Schreibmaschine machten „Tiptiptiptip“ und die Schreibmaschine roch so schön nach Metall und der Farbe, die die Typenhebel auf das Blatt Papier klatschten und dort einen Buchstabenabdruck nach dem anderen hinterließen. Es war ganz schön anstrengend, in die Tasten zu hauen und doch gleichzeitig so voller Leichtigkeit. Es war ein zufriedenstellendes, gar erfüllendes Gefühl, das die Frau dabei empfand, und sie spürte es bis in ihre Zehen, die immerhin in dicke, warme Wollsocken gepackt waren.

„Die Lösung des Problems war simpler als erwartet: Mitten auf dem Feld stand eine hohe Leiter, an den Himmel angelehnt,  und am Ende dieser Leiter war ein riesengroßer Lichtschalter, der ausgeschaltet war. Vermutlich weil es so gewackelt hatte von dem vielen Donner. Allerdings wackelte es immer noch sehr, das heißt, auch die Leiter stand nicht fest auf dem Boden. Nichts desto trotz nahm die Frau all ihren Mut zusammen und stieg mit ihren kirschroten Regenstiefeln auf die morschen Sprossen des an sich unsicheren Konstruktes.“

Wow, sie wurde immer besser. Der letzte Satz klang höchst professionell. Aber war das mit dem großen Schalter zu übertrieben? Sie fand, dass es das vielleicht war, aber eben  auch unerwartet; es riss die Geschichte aus dem doch recht gewöhnlichen Kontext. War das etwas Fantasie-artiges oder gar der Auftakt zu Science Fiction, das sie da zu Papier brachte? Die Frau lachte in sich hinein. Sie wusste gar nicht, dass sie das beherrschte. Höchst motiviert schrieb sie ihre Geschichte zu Ende:

„Als sie es endlich schaffte, die Leiter zu erklimmen, zog sie mit beiden Händen und aller Kraft, die in ihnen lagen, an dem großen Lichtschalter. Ein paar Mal rutschte sie ab, weil der Schalter so klatschnass war von dem Regenwasser, das an ihm hinunter floss, aber dann schaffte sie es doch. Die Frau beobachtete, wie weiter unten und ringsum überall wieder die Lichter angingen, große und kleine, gelbe und weiße, sogar ein kleines rotes konnte sie entdecken. Und auch aus ihrem Haus leuchtete es wieder durch die Fenster. Die Frau kletterte nach unten, kehrte zurück ins Warme und entledigte sich ihrem nassen Gewand. Mit einer Tasse Kaffee setzte sie sich dann aufs Sofa, um fern zu sehen und stolz auf sich zu sein, weil sie mutig gewesen war und dafür gesorgt hatte, dass es überall wieder Strom gab.“

Die Frau lehnte sich zurück und blickte auf die vielen Wörter vor ihr, die sie ganz alleine aneinandergereiht hatte. Es war schon spät und der Strom funktionierte immer noch nicht, aber das war ihr in diesem Augenblick wirklich egal. Erst jetzt merkte sie, wie müde sie war und wie ausgeschöpft. Ihre plötzlichen Ideen wohnten nun auf dem Blatt vor ihr. Sie holte das Papier aus der Schreibmaschine und legte es vorsichtig auf den Wohnzimmertisch. Anschließend ging sie zu Bett. Vor dem Einschlafen hopste ihr letzter Gedanke für diesen gewichtigen Tag noch einmal zu dem bedruckten Zettel auf dem Tisch. Sie musste lächeln. Vielleicht war es ja die kürzeste Geschichte der Welt auf diesem einen Blatt, aber es war IHRE selbstgeschriebene Geschichte- und darauf war die Frau mächtig stolz.


Anmerkung von Geschichten im Kopf:
Diese Shortstory ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Life- & Wellnessresort im Rahmen eines Kurzgeschichtenbuches entstanden. Die in den Fluren des Hotels als Dekorationsstück präsentierte Schreibmaschine diente mir hierfür als Inspiration.
http://www.gartenhotelmoser.com/

2 Gedanken zu „Plötzlich Autorin – Die Geschichte in der Geschichte

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