Die Schlosszwerge

Eine Heimatsage

Wer kennt es nicht, das märchenhafte Schloss am Ufer des großen Montiggler Sees? Den Ort am See, an dem man glaubt, der Welt kurz zu entfliehen und man in eine wunderbare Idylle taucht? An dem Stille mit einem traumhaften Ausblick aufs Wasser einhergeht? Ja, dort in Montiggl am Schlösschen ist ein wundervolles Plätzchen, doch ihr müsst wissen, dass das Schlösschen beinahe nicht dort gestanden hätte, wo es eben heute steht. Und vielleicht wäre es auf keinen anderen Platz dieser Welt gestanden, wenn nicht… Ach, aber erstmal von vorne. Denn um die sagenumwobene Geschichte des Seeschlosses zu verstehen, müsst ihr als allererstes wissen, dass es früher im Montiggler Wald vor Zwergen nur so wimmelte. Jaja, Zwerge, ihr habt schon richtig verstanden. Diese kleinen, gnomartigen Wesen mit den filigranen Körperchen und den Zipfelmützen auf dem Kopf. Die Moore und Weiher des Purzelmoos und Langmoos nannten sie für viele hundert Jahre ihr zuhause. Sie lebten friedlich und harmonisch, aber wie ihr es euch schon denken könnt, blieb das nicht immer so. Es gab nämlich ein paar Zwerge, denen das feine Zusammenleben mit den anderen Zwergen nicht genügte. Sie hatten es satt, alles in ihrem Zwergendasein mit den anderen zu teilen und wollten ebenso wenig bis ans Ende ihrer Tage in diesem Abschnitt des Waldes verharren. Aus diesem Grund verkündeten Polor, Kumi und Agumar eines Tages ihren Plan, die Moore zu verlassen und sich irgendwo anders anzusiedeln.

„Ihr könnt doch nicht einfach von hier fortgehen und uns im Stich lassen! Das hat noch kein Zwerg je zuvor gemacht“, rief der Zwergenälteste empört.

„Wir sind auch keine so dummen Zwerge, wie ihr es seid oder wie es unsere Vorfahren waren. Wir wollen nicht mehr mit euch teilen, was uns gehört und außerdem…  können wir den langweiligen Tümpel hier nicht mehr sehen“, schimpfte Polor mit wild rumfuchtelnden Händen.

„Aber gerade jetzt, seid doch nicht töricht! Der große Regenfall wird bald kommen und wir brauchen jede fleißige Hand, um unser Schlösslein zu erbauen, von dem wir schon so lange sprechen.“

Kumi johlte: „Baut euch eure Unterschlupf doch selber,  wir machen uns unser eigenes Schloss!“

„Genau“, stimmte Agumar seinem Zwergenfreund zu, „und unseres wird noch viel größer und schöner als eures werden!“

Die drei Zwerge lachten hämisch, machten sich auf und davon und ließen die anderen Zwerge mit offenen Mündern zurück.

Man würde meinen, dass so viele Zwerge, die auf einen Haufen lebten, und die sich ein Schlösschen als sicheren Unterschlupf bauen wollten, dass es da auf drei  Zwerge mehr oder weniger nicht mehr ankommen würde. Doch ihr irrt euch, es kam genau auf diese fehlenden sechs Händchen an, man glaubt es kaum. Sobald Polor, Kumi und Agumar fort waren, begannen die verbliebenen Zwerge sofort mit dem Aufbau des Schlösschens. Sie trugen schwere Steine herbei, setzten einen auf den anderen und schufteten und schufteten tagein, tagaus. Es war nicht mehr lange hin, bis dass der große Regenfall kommen sollte und bis dahin, sollte ihre Festung fertig sein. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr sich die Zwerge bemühten und beeilten, aber als die dicken, grauen Gewitterwolken den Himmel verdunkelten und die ersten Tropfen fielen, fehlten am Dach noch die wichtigen Ziegel. Um nach oben zu gelangen, kletterte ein Zwerg auf die Schultern, einer über den anderen, sodass eine hohe Zwergenleiter entstand. Doch ganz oben auf der Spitze, da fehlte ihnen noch ein halber Meter, um den letzten Ziegel hinaufzusetzen. Genau hier brauchte es nun die drei Zwerge, die jedoch fortgegangen waren. Die Zwerge verzweifelten und überlegten hin und her, um eine Lösung für ihr Problem zu finden. Ob sie eines fanden, dazu kommen wir später, lasst uns zuerst einen Blick auf die drei Ausreißer werfen.

Polor, Kumi und Agumar waren nach ihrem Aufbruch frohen Mutes und auch ein wenig schadenfroh. Sie lachten über die verzweifelten Gesichter der zurückgelassenen Zwerge und waren sich sicher, dass diese vor Neid platzten. Niemand von ihnen hatte je den Mut aufgebracht, wie sie es taten. Darum fühlten sich die drei Zwerge groß und besonders. Sie wanderten durch den grünen Montigglerwald, entdeckten neue Bäume, neue Gräser und Steine und waren einfach nur froh, das tun zu können, was ihnen gerade in den Sinn kam. Irgendwann lichtete sich der Wald und sie kamen an einen wunderschönen Platz. Noch nie zuvor hatten sie etwas Vergleichbares gesehen (wie auch?). Es war ein See, riesengroß, mit Farben der Gräser und des Himmels und Harmonie lag in der Luft, da blieb selbst den frechen Zwergen kurz die Spucke weg.

„Hier wollen wir bleiben“, sprach Polor überzeugt.

„Gut, dann machen wir uns an die Arbeit, lasst uns hier unser Schlösschen bauen! Bevor der große Regen kommt“, rief Kumi voller Enthusiasmus.

Die drei wollten schon loslegen, da fiel ihnen auf, dass sie gar nicht loslegen konnten. Schon beim Versuch, den ersten Stein hochzuheben, scheiterten sie kläglich.

„So weit haben wir gar nicht gedacht… zu dritt schaffen wir es ja nicht mal einen Stein zu legen“, keuchte Agumar und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ach was soll`s… Dann legen wir uns eben ein bisschen ans Ufer und machen gar nichts. Wenn der Regen kommt verstecken wir uns eben unter einem kräftigen Baum… So schlimm wird’s schon nicht werden“, meinte Polor, legte sich gemütlich ans Ufer, steckte seine Zehen ins kühle Nass und kaute genüsslich an einem Grashalm herum. Die zwei anderen taten es ihm gleich.

Kumi schwärmte: „Hach, wie gut das tut, einfach mal nichts zu tun!“

„Wirklich schön, wirklich schön ist das“, pflichtete ihm auch Agumar bei und deutete zum Himmel. „Seht ihr, die Wolken vom großen Regen? Sie ziehen über uns hinüber.“

Einige Minuten lagen sie dort und sahen den grauen Wolken am Himmel zu, wie sie eine dichte und düstere Decke bildeten über den Ort, den Polor, Kumi und Agumar noch bis vor Kurzem ihr zuhause nannten.

„Hmm“, murmelte einer von ihnen irgendwann leise, „da oben scheint es bald richtig los zu gehen. Mit dem Regen meine ich… Glaubt ihr, die anderen haben das Schlösschen fertig gebaut?“

„Bestimmt, sie sind ja so viele. Obwohl… Vielleicht sollten wir doch mal nach ihnen sehen, was meint ihr?“

Die drei Ausreißer diskutierten eine Weile, aber es war tatsächlich so, dass ihr anfänglicher Übermut vom Gewissen gebremst und dem Familiensinn und Pflichtbewusstsein wich. Darum zogen sie sich wieder ihre Schuhe an und machten sich auf dem kürzesten Weg zurück in die Moore. Sie liefen so schnell sie ihre kleinen Füßlein trugen, während sich die Wolken immer mehr über ihnen verdichteten.

„Wir müssen uns beeilen“, rief Agumar. „Nicht, dass wir noch zu spät kommen!“

Die ersten Tropfen fielen schon vom Himmel, als die drei Zwerge am Schloss der anderen Zwerge ankamen, die gerade eine große Leiter machten, um den letzten Ziegel aufs Dach zu setzen. Was ihnen nicht gelang, denn es fehlte noch ein halber Meter. Es fehlten Polor, Kumi und Agumar. Die drei sausten wie der Blitz über die Zwergenleiter hinauf, wurden von allen bejubelt und begrüßt, und bildeten am Ende der Leiter die oberste Spitze. Es war Kumi, der schließlich den letzten Ziegel aufs Dach setzte.

„Hurra“, riefen alle Zwerge. „Wir haben es geschafft!“

„Jetzt schnell hinein ins Schloss“, rief einer der Zwerge und so huschte ein Zwerg nach dem anderen ins Innere ihrer Festung. Keine Sekunde zu früh, das könnt ihr mir glauben, denn sobald der letzte Zwerg im Schlösschen war und das Tor hinter sich zumachte, begann es wie aus Kübeln zu schütten.

„Danke, dass ihr zurückgekehrt seid! Ihr habt uns gerettet“, sprach der Zwergenälteste im Namen aller.

„Wir gehören doch zusammen“, antwortete Polor lächelnd, „und es tut uns leid, dass wir dachten, wir wären besser als ihr. Solch einen bösen Gedanken wollen wir nie wieder in unsere Köpfe lassen!“

Die Zwerge nahmen sich alle an die Hand und warteten bis der große Regen zu Ende war. Sie lauschten dem Donner und dem Prasseln der Millionen Wassertropfen und warteten und warteten. Erst nach drei Tagen und drei Nächten war es vorüber und die ersten Sonnenstrahlen lockten die Zwerge wieder aus dem Schloss. Da sahen sie, dass der Boden so nass und matschig war, dass es eine Last gewesen wäre, hier weiterhin zu leben und zu arbeiten. Bevor die Zwerge jedoch in tiefe Verzweiflung stürzten, schlugen die drei Rückkehrer vor, zu dem Ort zu gehen, an dem sie noch vor einigen Tagen die Füße ins Wasser gehalten hatten.

„Es wird euch dort sicher gefallen“, rief Polor enthusiastisch.

„Von hier weggehen? Also ich weiß nicht…“, grübelte der Älteste.

Da riefen einige Zwerge aus der Menge: „Warum eigentlich nicht? Hier ist es im Moment nicht schön zum Leben mit dem vielen Matsch und dem nassen Gras! Das dauert doch Monate, bis der Boden wieder einigermaßen begehbar sein wird!“

Das konnte der Älteste nicht abstreiten, aber er hatte noch Sorge wegen des Schlosses: „Wir haben Blut und Wasser geschwitzt, um es zu erbauen“, sagte er, „es sei denn… wir nehmen es einfach mit!“

Gesagt getan. Die Zwerge knüpften lange, dicke Seile um das Schloss und zogen es mit vereinten Kräften durch den Wald, Zentimeter für Zentimeter. Es dauerte einige Sonnenuntergänge, bis sie es schließlich geschafft hatten. Die Zwerge waren alle sprachlos, als sie am traumhaften Platz angekommen waren.

„Wie schön es hier ist“, rief der eine.

„Es ist wie in einem Traum! Und unser Schloss sieht hier am See einfach bezaubernd aus“, stellte ein anderer fest.

„Hier will ich nie wieder weg“, hörte man einen anderen Zwerg noch sagen.

Und wisst ihr was? Die Zwerge verließen den einzigartigen Ort am Montiggler See auch nicht mehr. Sie blieben, lebten, arbeiteten und träumten hier, denn das konnte man hier wirklich gut. Jeder, der schon mal an diesem Ort war, wird das bestätigen können, nicht wahr? So wurden aus den Zwergen die Seezwerge und das Schlösschen zum Seeschlösschen. Jetzt wisst ihr auch, wieso es da steht, wo es eben steht- bis zum heutigen Tage. Und wir lernen daraus, dass der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft das Allerallerwichtigste ist, und dass nach einem Fehler durch Einsicht, Wiedergutmachung und Vergebung am Ende doch noch alles wieder gut werden kann.

Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Das Montiggler Seeschlössl wurde in Wirklichkeit im Jahre 1888 von Josef von Zastrow erbaut und ist seit 1992 im Besitz der Gemeinde Eppan. Der berühmte Traminer Künstler Max Sparer hatte hier seinen Wohnsitz.

(Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Life-& Wellnessresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.)

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2 Gedanken zu „Die Schlosszwerge

  1. Babs

    deine geschichten treffen genau mein geschmock!! bin sunsch überhaupt net oane wos a buach lest, obor deine geschichten sein so „schrecklich“ (im positiven sinn!!) sponnend dass i ol hort af anzie soonnende geschichte wort🤗

    Gefällt 1 Person

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