Am Fenster

Es gibt Menschen in unserem Leben, mit denen uns irgendetwas verbindet, auch wenn wir auf den ersten Blick nicht wirklich verstehen, was genau es ist. Denn eigentlich haben wir nie die Zeit miteinander verbracht, die uns möglicherweise hätte zustehen sollen. Die Absurdität ist die, dass uns das Leben immer wieder mal zusammenführt, zufällig und oft über tausende von Umwegen.

Vielleicht testet es uns, das Leben meine ich. Vielleicht testet es, ob die Zeit füreinander gekommen ist. Einmal, zweimal, dreimal und vielleicht probiert es die Methode der Begegnung so lange aus, um irgendwann festzustellen: Der Zeitpunkt ist auch dieses Mal nicht der richtige und vermutlich wird er es niemals sein.

Es ist schon eine Weile her, da machte ich mit meiner besten Freundin einen Spaziergang. Wir redeten über dies und das und schlenderten die ruhigen Wege eines alten, malerischen Viertels unseres Heimatdorfes entlang. Und als wir so dahinschlenderten, sahen wir eine junge Frau mit langen, braun gelockten Haaren am Fenster eines alten Hauses. In einem weißen, etwas zu großen Nachthemd, lehnte sie kaffeetrinkend an der Mauer des kleinen Fensters mit den grünen Jalousien. Ein Mann gesellte sich zu ihr, ebenfalls mit einer Tasse in seiner Hand.

Ich sah dieses Bild der zwei Menschen mit den Kaffeebechern am Fenster und in meinem Kopf braute sich etwas zusammen… Ich sah zwei Menschen vor mir, deren Zeitpunkt auch (noch) nicht gekommen war. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, bin ich kein Fan kitschiger Liebesgeschichten, genauso wenig wie meine Protagonistin Aber so eine Geschichte ist folgende auch nicht. Sondern eher eine „Lovestory ohne Liebe“… Ihr wisst bestimmt, was ich meine.

Der Winter war beinahe derselbe, wie vor zwölf Jahren. Bitterkalt, schneereich und getaucht in ein merkwürdiges Licht. Irgendwie war diese Jahreszeit ihre Jahreszeit, obwohl Lauras liebsten Monate eigentlich die wärmeren waren. Die leichten, unbeschwerten Monate. Sie fand, dass der Winter zu melancholisch war und sie stets genau in diese Stimmung versetzte. Vor dem Fenster fielen dicken Flocken und deckten die Fußspuren, die sie und Oliver letzte Nacht im Schnee hinterlassen hatten, fein säuberlich zu. Hand in Hand waren sie nach Hause gegangen. Nach vielen Jahren hatten sie endlich denselben Weg. Es fühlte sich anders an, unerwartet seltsam und Laura wusste nicht, woran es genau lag. Trotzdem war es schön gewesen. Bloß… ungewohnt und vielleicht etwas überraschend, weil sie nach all der Zeit nicht mehr darüber nachgedacht hatte. Laura, die erschöpft am offenen Fenster stand, nur mit einem weißen, viel zu großem Hemd bekleidet, umschloss den heißen Kaffeebecher mit ihren Fingern, hielt ihr Gesicht nahe ans dampfende Getränk und wärmte sich daran. Die frische, saubere Luft von draußen tat gut, holte sie aber gleichzeitig aus dem wundervollen Traum, in dem sie gewandelt war. Die Gläser Wein, Musik, die schneeweiße Nacht und leuchtende Weihnachtssterne an den Häuserfassaden machten die letzten Stunden zu diesem unrealen, ja verzauberten Momentum, von dem sie sich einfach leiten lassen musste. Sie hasste Lovestorys, aber diese Nacht fühlte sich verdammt noch mal wie eine an. Und jetzt? Ihre Geschichte mit Oliver war wohl kaum eine Liebesgeschichte. Sie lernten sich kennen, da war Laura selbst noch zu jung. Sie trafen sich wieder und es war schlichtweg der falsche Zeitpunkt. Er vergeben, sie vergeben, aber sie mochten und verstanden sich auf Anhieb. Sofort war diese Verbindung da, obwohl sie gar nicht so viel gemeinsam hatten. Dann trafen sie und suchten sie sich- immer und immer wieder. Aber es war noch nicht die richtige Zeit, ganz im Gegenteil: Es sprach alles dagegen, Laura wusste das und Oliver vermutlich auch. Und doch gab es da dieses Gefühl zwischen ihnen, aber ob man von Liebe sprechen konnte, da war sich die junge Frau auch heute noch nicht sicher. Es blieb unausgesprochen, das Gefühl, und so nahm es nie wirklich Gestalt an.  Zum Glück, denn ihre Wege trennten sich. Oliver ging fort und Laura entwuchs der Naivität und dem in ihr auf und ab wankendem Chaos. Es war gut so, wie es gekommen war. Vielleicht gibt es diese Menschen, die einander wichtig, aber nicht füreinander bestimmt sind. Das glaubte Laura zu verstehen, als Oliver für kurze Zeit wieder zuhause war und sich mit ihr treffen wollte. Sie lehnte ab, weil sie sich in der Zwischenzeit neu verliebt hatte und sie das Kapitel der Wankelmütigkeit endgültig abschließen wollte. Und so vergingen die Jahre und beide lebten ihr Leben. Oliver erfüllte sich seinen Traum fern der Heimat und Lauras Weg führte überraschend in eine Richtung, die sie sich selbst so nie erwartet hätte- sie aber am Ende sehr glücklich machte. Das war sie wirklich. Umso mehr verwirrte sie es, als sie Oliver nach zwölf Jahren durch einen Zufall wieder traf und dieses Glück plötzlich bedroht sah. Denn all das, was sie als abgeschlossen geglaubt hatte, war wieder zurück. Mit einem Schlag. Mitten ins Herz. Nun stand sie hier, in seiner Wohnung am offenen Küchenfenster und sog die kalte Schneeluft ein, während sie darauf wartete, dass das Koffein seine Wirkung zeigte. Sie fühlte sich ganz ruhig, obwohl sie hätte schreien müssen. Noch nie zuvor war sie mehr besonnen gewesen, als in diesem Moment. Oliver gesellte sich zu ihr, und nippte Kaffee aus seiner Tasse.

„Na“, unterbrach er ihre Gedankengänge leise.

 „Na“, erwiderte sie.

Beklommen und etwas hilflos schaute er an ihr vorbei hinaus auf die weiße Gasse, die gerade zwei Frauen herunterschlenderten: „Und jetzt?“

Laura strich ihm eine Strähne aus dem verschlafenen Gesicht, das so viele Geschichten zu erzählen hatte. Man sah ihm die viele Arbeit und Mühe der letzten Jahre an. Die Innigkeit, die er ihr immer zu spüren gab. Sie lächelte ihn an. Verständnisvoll, entschuldigend.

„Ich gehe jetzt nach Hause, Oliver. Mein Leben wartet auf mich.“

Sie stellte die noch halb volle Tasse aufs Fensterbrett und holte sich ihre Klamotten, die auf dem Fußboden verteilt herumlagen. Bevor sie zur Tür hinausging, gab sie ihm einen Kuss. Sie waren älter geworden, alles hatte sich verändert und doch nicht. Es war definitiv keine Lovestory. Denn dazu fehlte die wesentliche Zutat. Das Gefühl, das für immer unausgesprochen bleiben würde.

Der vom Himmel fallende Schnee blieb sofort auf ihrem schwarzen Mantel liegen, als Laura nach draußen ging und die schmale Straße entlang spazierte. Sie ging nach Hause, dorthin, wo sie hingehörte.


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2 Gedanken zu „Am Fenster

    1. GeschichtenimKopf

      Auch nicht mein liebstes Genre, aber wohl oder übel (hoffentlich mehr wohl) ein Teil unseres Lebens.😅 Darum habe ich mich doch mal dazu entschlossen darüber zu schreiben. Gut, dass ich Liebesgeschichten nicht so mag, sonst wäre aus dem kleinen bisschen Kitsch sicher mehr geworden 😉
      Danke fürs Reinlesen 🤗🤗🤗

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