Das Haus

„Wie es hier wohl im Sommer aussah?“, fragte sich Luke. Im Moment war die Gegend, die sie seit Stunden durchquerten, einfach nur trostlos. Die weiten, flachen Felder zogen sich hin, während die tiefen Wolken sie unter ihrer Last beinahe erdrückten. Wenn es im Winter nicht schneite, dann zerstörte die kahle Jahreszeit die Wirkung eines jeden Ortes. Oder wenn es aufhörte zu schneien, und die weiße Pracht in matschigen Dreck zerfahren und zertreten wurde. Luke war im Winter viel herumgereist, und jedes Mal machte er die Erkenntnis, dass Frühling, Sommer und Herbst der Welt mehr schmeichelten als der Winter. Er erinnerte sich daran, wie grau und unfreundlich er das verschneite Berlin angesichts abgasverschmutzter Straßen und des Dauernebels empfand, dabei war die deutsche Hauptstadt eine wirklich attraktive Metropole, wie er Jahre später bei einem zweiten Besuch im Mai heraus fand. Seither versuchte er vermehrt im Frühjahr und Sommer zu verreisen, aber wenn Luke ehrlich war, war es eben im Winter besonders reizvoll von zu Hause fortzugehen, weil die eigene Heimat noch um einiges farbloser erschien, als alle anderen Orte. Aber irgendwo auf der Welt war immer Sommer.

Schlafen war nicht drin, Victor und Simon hatten so viel einander zu erzählen, dass sie, seit die vier Freunde losgefahren waren, ununterbrochen am Reden waren. Verstohlen warf Luke einen Blick nach vorne auf den Beifahrersitz und beobachtete einen Moment Cara, die es erstaunlicherweise geschafft hatte, wegzunicken und den alten Schulgeschichten ihres Verlobten und dessen Kumpel Victor zu entfliehen. Schlief wie Dornröschen und war genauso schön. Dann starrte er wieder in die Einöde, die vor ihnen lag, hinter ihnen und sie ringsum völlig umgab. Genau hierhin wollten sie schließlich, was hatte er also anderes erwartet? Monumentale Gebäude, Menschenmassen, Shoppingmalls? Der Plan der vier im Autohockenden war der, den nach-weihnachtlichen Familienfeiern zu entfliehen. Heilig Abend hatten sie noch zu Hause verbracht, aber die Koffer standen quasi unter dem Christbaum bereit. Luke für seinen Teil, ließ sogar die Bescherung sausen und verabschiedete sich von seiner Mutter und seiner Schwester direkt nach dem Essen.

„Lucas, öffne doch zumindest noch dein Geschenk“, hatte ihn seine Mutter getadelt, als er sich die Mütze über den Kopf zog und zur Tür ging. Er hatte das Geschenk nicht geöffnet und seine fluchende Mutter leerte die für sie bereits zweite Flasche Wein des Abends, während es sich seine Schwester schon längst vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatte. Ein Haus am Arsch der Welt mit seinen Freunden und einem alten Bekannten war die deutlich bessere Alternative.

Es war nicht zu übersehen. Victor hatte nicht zu viel versprochen, als er seinem besten Freund aus Kindheitstagen von dem Ferienhaus mitten im Nirgendwo erzählt hatte. Das Haus war gigantisch, wirkte von außen sehr modern und passte so gar nicht in das Bild der bräunlich-kahlen Landschaft. Sein Chef, zu dem Victor eine fast väterliche Beziehung pflegte, hatte ihm angeboten, ihm das Haus nach den Feiertagen zu überlassen. Als dieser Simon dazu einlud, hatte er auch nichts dagegen, Luke und Cara mitzunehmen. Sie alle kannten sich von früher, aber Simon war der einzige, der mit Victor im Kontakt geblieben war.

„Wow“, unterbrach Luke das Gespräch der Zwei, „hier können wir ja noch die gesamte Fußballmannschaft zum Silvesterfeiern einladen!“

„Nur schade, dass wir nicht so lange bleiben können, was“, lachte Victor. „Aber vermutlich besser. Eure Jungs würden wahrscheinlich die ganze Hütte auseinandernehmen!“

„Hütte ist ja bescheiden ausgedrückt!“ Cara erwachte aus ihrem Nickerchen und war von dem Anwesen sichtlich beeindruckt. „War das hier mal ein Hotel oder so was?“

„Ja anfangs, aber die Besitzer haben sich verkalkuliert und mussten es ziemlich schnell wieder loswerden“, erzählte Victor, während sie die letzten holprigen hundert Meter zum Haus befuhren. „Tja, und mein Chef, der hat nicht lange gezögert, hat es als Hotel allerdings nie weitergeführt. Er hat es zu seinem Ferienhaus umfunktioniert, wenn man so will.“

„Wenn man es sich leisten kann…“ Simon grinste, während er mit seinem alten Renault die Einfahrt einbog. „Außerdem: Wer macht hier schon regelmäßig Ferien? Hier gibt es ja nichts und niemanden in der Nähe. Man fühlt sich wie irgendwo mitten in Australien…“

„Na, so verrückte Leute wie wir“, lächelte Cara kokett und küsste ihren Überlebenskünstler auf die Backe.

„Ich finde es hier auch genial! Gerade, weil es total abgeschieden liegt. Hier kommt man zur Ruhe“, schwärmte Victor, von dem man, als sie allesamt vor dem geparkten Auto standen, den Wunsch nach Einsamkeit am allerwenigsten abgekauft hätte. Er war ein typischer Businessmann, der hier draußen in seinem dunkelgrauen Anzug und den streng zurück gegelten Haaren in der trockenen und kahlen Natur genauso wenig her passte, wie das Haus, vor dem sie standen und in dem sie die nächsten fünf Tage verbringen würden.

Wenige Stunden später hatte Victor seine Büroklamotten gegen einen Jogginganzug eingetauscht, Cara hatte es sich mit ihrem Zeichenblock und einer Tasse Tee in einer Fensternische, einer Art kleinem Erker mit Lesecouch oben in der Galerie gemütlich gemacht und Simon stimmte am Küchentisch seine Gitarre, nachdem er am offenen Kamin Feuer gemacht hatte. Luke, der noch immer das Haus auskundschaftete, war vom Wohnzimmer mächtig beeindruckt, es war riesengroß (einst immerhin die Eingangshalle des Hotels) und eindeutig das Herz des Hauses. In der Mitte stand ein braunes Ledersofa, das so groß war, dass sein eigenes von zuhause locker viermal darin Platz gefunden hätte. Davor der offene Kamin, der von einer Natursteinmauer eingerahmt wurde. Eine Fensterfront an der Südseite, die vom Boden bis nach oben zum abgeschrägten Dach reichte, durchflutete das gesamte untere und einen großen Teil des oberen Stockwerkes mit Licht und Sonne, sofern diese sich blicken ließ. Auch der Rest des Hauses, die Bade- und unheimlich vielen Schlafzimmer, die Küche, sogar die Flure, einfach alles war geschmackvoll, modern und trotzdem wahnsinnig gemütlich eingerichtet. Hier ließ es sich aushalten! Luke atmete tief durch und ließ sich zurück auf sein King Size Bett fallen und schloss die Augen. Mit nichts ließ sich ein Kurzurlaub fernab der Realität besser beginnen, als mit einem kleinen Nickerchen. Und nichts, so war er sich sicher, nichts anderes würde ihn aufwecken, als der sanfte Gitarrenklang seines Freundes. Aber er irrte sich, es war etwas anderes, etwas besseres.

„Wach auf Luke“, flüsterte eine liebliche Stimme, „wach auf, es ist schon fast neunzehn Uhr!“

Er war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass er von einem sanften Streicheln am Nacken geweckt wurde, und nicht von ihrer Stimme.

Cara lächelte ihn an. „Du willst doch nicht unseren ersten gemeinsamen Abend im Nimmerland verschlafen, oder?“

Luke setzte sich auf und fuhr sich mit den Händen schlaftrunken durch die Haare. „Nimmerland?“

„Du kennst die Geschichte von Peter Pan? Keine Ahnung, warum ich darauf gekommen bin, aber als ich heute Nachmittag angefangen habe zu malen, ist mir der Gedanke so in den Kopf geschossen. Vielleicht weil es hier keinen Fernseher gibt, keine Uhren an der Wand, von Handyempfang oder Internet ganz zu schweigen. Was ich sagen will… Irgendwie scheint die Zeit hier still zu stehen, wie in Peter Pans Nimmerland.“ Cara drehte sich verlegen weg. „Naja, und wir sind irgendwo im Nirgendwo. Ich fand Nimmerland einfach passend.“

Luke musste schmunzeln und erinnerte sich wieder mal daran, dass man Chancen ergreifen muss, wenn sie sich einem bieten. Bei Cara hatte er das nicht getan. Und nun würde sie seinen besten Freund heiraten.

„Du bist verrückt“, lachte er und schüttelte damit die kurz aufschäumende Emotion wieder ab. „Was gibt es zu essen?“

„Wir haben Spaghetti gekocht. Victor hat darauf bestanden, uns die Carbonara seiner italienischen „mamma“ aufzutischen.“

Cara ging zur Tür: „Er ist so gut wie fertig, kommst du?“

„Ich ziehe mich nur mal eben um. Cara?“

„Ja?“

„Zeigst du mir nachher noch dein Peter Pan- Bild?“

Sie lächelte: „Klar doch.“

Die Tage waren perfekt zum Runterkommen. Perfekt zum Rumhängen mit netten Leuten. Perfekt, um nichts zu tun, außer Musik zu hören, in Zeitschriften zu blättern oder in Büchern und die gefühlten hundert Zimmer des Hauses zu erkunden (wobei sie noch ein Zimmer mit einer Werkbank und einen Saunaraum entdeckten, ja sogar ein Fitnesszimmer und einen Whirlpool an der Hinterseite des Anwesens). Leckeres Essen, das mit wenig Lebensmittel, dafür mit viel Freude und Spaß gezaubert wurde, viel Wein und Gin und herzerwärmend heitere Gespräche, die bis tief in die Nacht gingen, wobei Luke immer als erster schlapp gemacht hatte.

Am Tag ihrer Abreise aber war die Stimmung irgendwie seltsam. Womöglich waren allesamt nicht besonders glücklich darüber nach Hause zu fahren, aber zumindest Victor schien richtig übellaunig zu sein und Simon und Cara wandten ihren Blick andauernd  ab, sobald Luke oder Victor versuchten mit ihnen zu reden. Klar, Luke war auch nicht davon begeistert, dass die Ferientage vorbei waren, aber nichts desto trotz musste die Laune der anderen nun den Aufenthalt dermaßen negativ beenden. Auf seinen Versuch hin, mit einem kleinen Scherz die Stimmung etwas aufzulockern, erntete er nichts weiter als ein verächtliches Schnauben von der einen und ein beklemmendes Schweigen von der anderen Seite und so entschied Luke, einfach seine Klappe zu halten. Als er seine Koffer vor die Tür stellen wollte, sah er, wie Victor eine kleine Kamera in seine Reisetasche packte. Wozu hatte er die Kamera dabei? Luke hatte die Tage jedenfalls nicht bemerkt, dass dieser Aufnahmen gemacht hätte. Wovon auch, hier draußen war es sterbenslangweilig.

Simon hatte die ersten Sachen in seine Klapperkiste geladen. „Ich starte schon mal den Motor, um die Heizung etwas vorlaufen zu lassen.“

„Verdammt noch mal!“ hörten ihn die anderen fluchen, als sie im Haus noch die Müllsäcke und leeren Flaschen zusammensuchten. „Mistkarre!“

„Was ist denn jetzt schon wieder“, schnaufte Cara genervt. Simon kam ins Wohnzimmer herein und bestätigte, was alle schon vermuteten: Das Auto sprang nicht an. Und natürlich hatte er nichts dabei, um den Motor wieder zum Laufen zu bringen.

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, rief Victor und stürmte hinaus, um es selbst zu versuchen. Die anderen drei standen auf der Terrasse und sahen ihm beim erfolglosen Versuch wortlos zu.

„Packt wieder aus, sieht so aus, als würden wir hier festsitzen!“ Victor stürmte an den drei Freunden vorbei. Die Freundlichkeit der letzten Tage war –zumindest für den Augenblick- aufgebraucht. Cara und Simon gingen wortlos zurück ins Haus.

„Ich versuche, irgendwo Empfang zu bekommen“, versuchte Luke die Situation zu retten, aber Victor riss ihm das Handy aus der Hand:

„Vergiss es! Es gibt hier nirgendwo Empfang oder sonst irgendeine Möglichkeit jemanden zu erreichen.“ Victor überlegte. „Vielleicht… halt, warte… Das alte Faxgerät unten im Keller! Ich hole es nachher rauf.“

Luke atmete tief durch, um nicht unfreundlich zu werden. Stattdessen sagte er nur: „Alles klar, ich bringe meinen Koffer wieder ins Zimmer. Und mein Handy würde ich gerne mitnehmen, wenn ich darf.“

Er schaute Victor direkt an. Etwas war anders an ihm, aber Luke wusste nicht was es war. Der Stress wahrscheinlich. Stress holte nicht unbedingt das Beste aus einem raus.

Als Luke nach oben ging, um seinen Koffer wieder ins Zimmer zu stellen, hörte er, wie Cara und Simon in ihrem Zimmer miteinander stritten. Sie flüsterten, schienen aber eindeutig eine Auseinandersetzung zu haben.

„Ich dachte, wir kommen aus der ganzen Geschichte raus, und er vergisst die schreckliche Idee einfach“, wisperte Cara, die ein lautes Schluchzen zu unterdrücken schien.

„Du weißt genau, wie er ist. Victor lässt die Dinge nicht auf sich beruhen. Und wir ziehen es durch, weil wir keine andere Wahl haben. Fertig.“

„Aber… Er ist dein Freund!“

„Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Er hat uns in der Hand und je weniger wir uns dagegen sträuben, desto besser kommen wir aus der ganzen Sache raus!“

Cara lachte. „Ach ja, glaubst du das wirklich! Wirst du damit leben können? Ich nicht. Ich hätte es wissen sollen… Dass du mich angelogen hast, verzeihe ich dir nie. Dass du mir verschwiegen hast, wer Victor ist! Nie im Leben wäre ich mitgekommen, wenn ich es von vornherein gewusst hätte.“

„Doch das wärst du Cara. Er hätte dir keine andere Wahl gelassen. Und er wird uns nicht nach Hause gehen lassen, bevor wir nicht das getan haben, was er von uns verlangt.“

„Herrgott nochmal, Simon… Lucas ist dein Freund…“

Luke entfernte sich lautlos von der Tür und er hörte sein Herz dermaßen laut pochen, dass er fürchtete, man würde es durch die Tür schlagen hören. Mit einem Mal war es so, als würde ihm jemand die Luft zuschnüren. Was ging hier vor sich?


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