Das Haus – Teil Zwei

„Ich weiß nicht, wer bescheuerter ist“, hörte Luke plötzlich jemanden hinter sich sagen, „derjenige, der an Türen fremde Gespräche belauscht, die ihn nichts angehen oder die Vollpfosten, die sich belauschen lassen.“

Victor kam gerade die Treppen hinauf, fixierte Luke und kam näher. Selbst als er vor ihm stand und an die Tür des jungen Paares klopfte, wandte er sich nicht ab. Luke hatte endgültig verstanden, dass die letzten Tage reiner Bluff waren. Aber weshalb?

„Kommt nach unten ins Wohnzimmer, ihr habt mir mein Spielchen verdorben. Und du… kommst augenblicklich mit.“

Luke trotzte Victors Blick: „Warum sollte ich das tun?“

„Jetzt bist du noch mutig. Aber dein oberschlaues Getue wird dir schon noch vergehen. Nach unten hab ich gesagt!“ Unter seiner Jacke zog Victor eine Pistole hervor und die Kamera, über die Luke vorhin noch nachgegrübelt hatte. „Hier die abrupte Gesichtsveränderung eines vorlauten jungen Mannes, dem unverhofft  eine Pistole vorgehalten wird. Die ursprünglichen Pläne haben sich leider etwas verändert, aber ich bin überzeugt: Es wird nicht weniger unterhaltsam.“

„Was zum Geier…“

„Ich sage es noch ein einziges Mal: Geh. Nach. Unten. Ich puste dir das Gesicht weg, wenn du nicht tust, was ich dir sage!“

„Lucas, geh nach unten, bitte! Er meint es ernst“, hörte er Cara schluchzen.

Einige Augenblicke später saß Luke auf dem Sofa, Simon und Cara standen daneben. Victor stellte seine Kamera auf ein Stativ und positionierte es so, dass seine drei Hausbewohner im Bild zu sehen waren.

„Nun ist es erstmal Zeit für eine kleine Fragerunde. Unser Freund hier weiß gerade nicht, was im Moment vor sich geht, warum sich aus einem netten kleinen Aufenthalt im  traumhaften Ferienhaus, plötzlich ein Alptraum entwickelt. Aber die Frage, die ihm wohl am meisten auf der Zunge brennt ist die: Was haben meine Freunde mit der ganzen Sache zu tun? Also los, Lucas: Frag deine Freunde.“

Luke lachte verächtlich: „Die Frage, die mir am allermeisten auf der Zunge liegt, ist wohl eher die: Was für ein geistesgestörter Kerl  bist du eigentlich?“

Die patzige Antwort brachte ihm prompt einen Schlag mit der Pistole mitten ins Gesicht ein. Er brüllte vor Schmerzen und spürte, wie das warme Blut aus der wahrscheinlich gebrochenen Nase lief. Die Tränen schossen infolgedessen aus seinen Augen und er hatte größte Mühe unter dieser grausamen Mixtur aus Schmerz und Wasser, die Situation wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen.

„Frag deine Freunde. Mach schon“, drohte Victor.

„Was…“, keuchte Luke hervor, „was ist hier los? Was habt ihr damit zu tun?“

Cara, die immer noch weinte, drehte ihren Kopf weg und machte die Augen zu, als würde sie so der Frage ihres Freundes entfliehen können. Es war Simon, der leise antwortete:

„Als erstes musst du wissen, dass wir nicht ohne mein Wissen hier sind. Ich wusste, was Victor vor hatte und habe Cara nichts davon gesagt. Er hat darauf bestanden, dass sie dabei ist, ich weiß aber selbst nicht warum, vermutlich, um noch ein weiteres Druckmittel gegen mich in der Hand zu haben. Und ich… ich hatte keine Wahl. Er hat mich gezwungen. Er hat mich gezwungen die paar Tage hier so zu tun, als wäre alles in Ordnung und als ob wir hier wirklich nur Urlaub machen würden. Es war der letzte Abend, an dem wir Cara eingeweiht haben in… seinen Plan.“

„Und was ist sein Plan? Bin ich zufällig ausgewählt für diesen „Plan“?“

„Ich habe Victor nach fünfzehn Jahren wiedergetroffen. Er hat mich angerufen und wollte mit mir einige Dinge klären, für die ich in der Vergangenheit verantwortlich war. Dabei haben wir über dich gesprochen und er meinte, der beste Freund und die eigene Freundin wären die ideale Reisebegleitung. Ich habe damals Scheiße gebaut, wirklich große Scheiße. Und er will mich dafür bezahlen lassen. Indem er die leiden lässt, die mir wichtig sind. Ansonsten bringt er mich um. Und Cara.“

Luke schaute verständnislos zwischen den dreien hin und her und sah, wie Victor hintertückisch grinste. Dieser fuhr fort:

„Wir verwirren ja unseren ahnungslosen Couchhocker. Immerhin hat ein Opfer das Recht dazu zu erfahren, warum es leiden muss. Und das auch noch für jemand anderen. Also jetzt mal alles von vorne: Wir schreiben das Jahr 2003″, begann Victor theatralisch zu erzählen, „Simon und ich waren die besten Freunde. Waren wir schon immer. Unsere Mütter waren bereits Freundinnen und wir erlebten einiges zusammen. Wir waren ungefähr 15, da probierten wir einige Dinge aus, Mädchen, Partys, Alkohol, aber vor allem Drogen. Es war eine hammermäßige Zeit. Aber Simon begann zu übertreiben und nahm wirklich alles, was er zwischen die Finger bekam. Ich nicht. Ich begann irgendwann, mich vermehrt auf die Schule zu konzentrieren und mich akribisch auf die Uni vorzubereiten, während Simon immer tiefer in die Szene rutschte. Eines Abends war ich ziemlich am Boden, ich stand vor so etwas wie einem Burn- Out und es kam dazu, dass er mich und meinen Bruder Kevin bequatschte, auf eine Party mitzukommen. Um den ganzen Stress und den Druck zu vergessen, unter dem ich damals gestanden hatte, ließen Kevin und ich uns auf den Trip ein, zu dem er uns überredete. Ich kann mich an kaum etwas zu erinnern. Das Zeug, das wir uns reingezogen haben, hat uns dermaßen weggebeamt, seit jenem Abend habe ich immense Konzentrationsschwierigkeiten, aber das ist nicht der Punkt. Das, warum wir heute hier sind und was unser lieber Ex-Junkie Simon heute verbüßen muss- oder besser gesagt, was Luke für ihn verbüßen muss- ist der Tod meines Bruders! Simon ist ein Mörder, nicht wahr?“

Luke blickte ungläubig zu seinem besten Freund. Ex-Junkie? Mörder? Wie gut kannte er seinen besten Freund wirklich? Anscheinend gar nicht. Nie hatte Simon auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verloren, dass er früher Probleme mit Drogen gehabt, geschweige denn ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Und war es wirklich wahr, dass er ihn dermaßen in die ganze Sache mit reinzog?

Simon flüsterte: „Es stimmt. Ich habe seinen Bruder umgebracht. Ich… ich habe ihn und Victor überredet zu mir ins Auto zu steigen. Ich hätte nicht mehr fahren dürfen. Er wurde aus dem Auto geschleudert, als wir den Aufprall hatten.“

„So genug geredet“, unterbrach Victor ihn, „ich habe eine Kleinigkeit für euch mitgebracht. Simon müsste sofort erkennen, was es ist, immerhin waren solche Dinger eine Zeit lang seine treusten Begleiter. Mach dir nichts draus, Lucas, das war noch vor deiner Zeit. Jetzt bist du sein Liebling. Obwohl nicht mehr lange… Genießt den Trip. Das was dann kommt, wird schlimmer, glaub mir.“

Victor legte den drei Freunden jeweils 2 Pillen in die Hand.

„Selbstgemacht. Vermutlich etwas besser, als das billige Zeug, das du uns damals untergejubelt hast, Simon. Schlucken“, befahl er.

„Ich bin seit dem Entzug damals clean, wenn ich das jetzt schlucke, war alles umsonst“, flüsterte Simon.

Luke sah, wie seine Hände zitterten und sagte: „Wir nehmen das Zeug nicht, wir wissen ja nicht mal, was du da zusammengepantscht hast.

Victor lächelte nur und meinte: „Pillen oder Pistole. Eure Entscheidung.“

Cara war die erste, die die Drogen runterschluckte. Dann Luke. Auf Simons Stirn bildeten sich Schweißtropfen und man sah ihm den Kampf an, den er mit sich selbst führte. Schon die Tatsache alleine erfüllte Victor mit großer Genugtuung. Aber schließlich schluckte auch Simon die Pillen, von denen niemand so genau wusste, was genau sie enthielten.

Schon nach kürzester Zeit merkte Luke einer Veränderung seiner Sinne. Zunächst fühlte er eine wohlige, warme Welle, die seinen Körper vom Kopf aus durchströmte und er begann sich ungewöhnlich leicht zu fühlen. Noch nie hatte er etwas Derartiges zu sich genommen, dafür war er viel zu sehr abgehärtet worden von seiner alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter.

„Weißt du Lucas, eigentlich war es nie unser Plan heute nach Hause zu fahren. Allerdings solltest du nicht dermaßen abrupt mit der Situation konfrontiert werden, aber da die zwei Pfeifen sich bei ihrem Streit nicht sonderlich in Griff hatten, machen wir nun kurzen Prozess. Du wirst in wenigen Minuten die Kontrolle über deinen Körper verlieren, das Wohlgefühl, das sich jetzt ausbreitet, wird gleich wieder verschwinden. Zuerst machst du einen gedanklichen, kurzen und bunten Trip durch, vermute ich, und dann wirst du von Panik übermannt werden, wenn du merkst, dass du deinen Körper nicht mehr koordinieren kannst.“

Victors Worte prallten an Luke seltsamerweise ab, und die Sorgen, die er sich nun eigentlich machen sollte, schäumten nicht in ihm hoch. Er merkte, wie zufrieden er war und ließ sich ins Sofa zurücksinken. Der Raum entfernte sich von ihm, Simon, Cara und Victor waren plötzlich ganz weit weg. Er nahm die Geräusche nur noch fern wahr und spürte, wie sich farbige Punkte auf seiner Haut festsetzten. Grüne, rote und violette Tupfen zuerst in seinen Handflächen, dann kamen noch einige auf seinen Unter- und Oberarmen dazu. Er roch den süßen Duft von Karamell und gezuckertem Popcorn. Was war das? Etwas kitzelte ihn an seinem Nacken und er dachte daran, wie Cara ihn vor ein paar Tagen geweckt hatte und sah sie ganz nah vor sich. Sie kam näher, öffnete ihre Lippen und dutzende Spinnen kamen aus ihrem Mund über sein Gesicht gekrabbelt.

Ein Schrei aus Caras Richtung. Sein unerträglich juckendes Gesicht. Luke wollte das Ungeziefer von seinem Kopf verscheuchen, aber seine von Zigaretten schmerzenden und gebrandmarkten Arme blieben regungslos auf dem Sofa liegen. Durch das rauschende Nichts der eiskalten Luft hörte er Victors Stimme, die Cara anfauchte, die Klappe zu halten und sah wie dieser einen letzten Zug seiner Kippe machte und sie in Caras Gesicht ausdrückte.

Simon schrie: „Du hast versprochen, sie in Ruhe zu lassen!“ und stürmte auf Victor los. Warum wirkten die Pillen bei ihm nicht? Luke konnte nur untätig mit ansehen, wie sich die beiden jungen Männer um die Pistole stritten und wie Cara zusammengekauert auf dem Boden lag, die Hände schützend vor ihr Gesicht haltend. Noch immer spürte Luke wie die Achtbeiner in seinem Gesicht Tango tanzten und seine Gliedmaßen bleiern dalagen. Panik machte sich in ihm breit. Dann ein Schuss. Im Augenwinkel sah Luke, wie Victor in sich zusammensackte. Simon näherte sich Luke, die Waffe hielt er fest umschlossen in seiner Hand.

„Es tut mir so leid. Niemals hätte ich mich darauf einlassen sollen. Es war meine alleinige Schuld und ich hätte alleine die Konsequenzen tragen müssen. Ich hab dich mit reingezogen, um meine eigene Haut zu retten. Ich bin nicht der Freund, den du verdient hast“, sagte er mit zitternder Stimme.

Luke wusste nicht ob er es dem Rausch oder der nachlassenden Wirkung dieses Rausches zuschreiben sollte, aber erst jetzt hatte er das Ausmaß der Situation und das Ausmaß von Simons Fehlentscheidung verstanden. Um den Tod eines Menschen zu büßen, hätte er mit einem weiteren Leben bezahlt. Das seines besten Freundes. Um das eigene zu retten. Nein, er war wahrhaftig nicht der Freund, für den ihn Luke gehalten hatte.

Luke war nicht imstande zu antworten und sah noch, wie Simon zu Cara hinüberging, ihr einen Kuss auf den Kopf gab, bevor er sich dann eine Kugel in den Kopf jagte.

Wieviel Zeit seit dem Einwurf der Tabletten und den tödlichen Schüssen vergangen war, konnte Luke nicht einschätzen. Er taumelte zwischen Schlaf, Bewusstsein und dem andauernden Versuch, zu sprechen und seine Hände nach Cara auszustrecken, die wimmernd am Boden kauerte und ihren eigenen Höllentrip durchlebte, nur einen Steinwurf ihres toten Verlobten entfernt.

Als sie später im Auto saßen, waren wohl insgesamt elf oder zwölf Stunden verstrichen. Wortlos und völlig benommen hatten Cara und Luke ihre Sachen ins Auto geladen und fuhren mit dem Auto, das natürlich sofort angesprungen war, fort von dem Haus, das noch vor ein paar Tagen ihre Ruheoase gewesen war.

„Warum konnte Simon noch so handeln? Er hat die Tabletten doch genauso geschluckt wie wir“, fragte Cara mit ausdrucksloser Stimme. Luke schwieg. Vermutlich wirkten Drogen einfach bei jedem anders. Und Simons Körper war es schon gewohnt. Oder aber hatte er sie nicht wirklich geschluckt? Aber Luke antwortete nicht und hielt seinen Blick auf die Schotterstraße gerichtet.

„Ich kannte die Geschichte mit Victors Bruder. Und ich wusste, wie sehr sie ihn auffraß. Aber ich hätte nie erwartet, dass er derartige Entscheidungen treffen würde. Ich habe versucht, ihm die Sache auszureden…“

„Du hättest sofort zu mir kommen müssen! Ich dachte, so viel würde ich dir nach all den Jahren bedeuten. Wer weiß, was sie alles mit mir angestellt hätten. Mit uns… Du wirst der Polizei alles erzählen, ist das klar“, fauchte sie Luke forscher an, als beabsichtigt. Cara war genauso in diese unerwartete Extremsituation gekommen wie er, aber sie hatte mehr Zeit darüber nachzudenken, wie sie sich verhalten konnte. Sie hätte ihn warnen können, sie hätten abhauen können. Sie… Ach was sollte das? Es war zu spät. Für alles.

Keiner der beiden sagte auch nur ein Wort während der Fahrt zurück nach Hause. Die Gegend war noch trostloser, als bei der Hinfahrt. Das konnten auch die langersehnten Schneeflocken nicht ändern, die sich nun endlich aus der schweren Nebelkuppel befreiten.


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