Der Tränensee oder: Wie die Seenixe versteinert wurde

Geschichten über die eigene Heimat zu schreiben, ist immer etwas besonderes. Orte, an die ich tagtäglich oder öfters gehe oder Menschen, denen ich ständig begegne, sehe ich dann in einem ganz anderen Licht, durch die Autorenbrille kann man so sagen. Und natürlich gibt es einige Plätzchen, die einem ganz besonders ein Zuhause sind. Für mich sind es ganz klar die Montiggler Seen, die je nach Jahres- und Tageszeit mal melancholisch erscheinen, mal zur Entspannung einladen, mal das pure Leben versprühen. Ich habe die mystische, etwas dunklere Seite der Seen für mein folgendes Märchen verwendet. Viel Spaß damit 🙂 


Vor vielen hundert Jahren, da war der große Montiggler See und der ihn umgebende Wald ein magischer Ort. Unter den Wurzeln der Bäume lebten tüchtige Gnome, im Wind die scheuen Waldgeister und im Gewässer die schönen, aber unberechenbaren Seenixen. Sie alle lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten und sie waren zufrieden und friedvoll miteinander. Eines frühen Sommertages jedoch, da kamen Menschen in den Wald. Keines der fantastischen Wesen wusste woher sie kamen und was ihre Absicht war, aber ihre Ruhe wurde bitter gestört. Das malerische Fleckchen Erde, das bisher nur ihnen vorbehalten war, wurde durch das Betreten der Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht. So sahen es zumindest die Nixen, die tief in ihrem Inneren leider nicht immer gute Absichten hatten. Die böse Verlockung, den Eindringlingen eine Lektion zu erteilen, war dermaßen groß, dass sie nicht anders konnten, als die Menschen mit ihrer Schönheit und Freundlichkeit zu täuschen. So kam es, dass die Seenixen sich verheißungsvoll auf großen Steinen am Seeufer setzten und die Menschen in ihren Bann zogen. Diese fanden die schönen Frauen mit der Fischflosse so fesselnd und verführerisch, dass sie sich deren Anziehungskraft nicht entziehen konnten und sich von ihnen ins Wasser geleiten ließen. Dort aber zogen die Seenixen die Menschen in die Tiefe, um sie loszuwerden und sie so für ihr Eindringen zu bestrafen. Als die Seenixen ihre Arbeit getan hatten, schwammen sie ans Ufer, um sich auszuruhen und in der Sonne zu liegen. Sie lachten und sangen und waren heiter, denn die vermeintliche Bedrohung war vorüber.

Eine von ihnen aber, sie war die Älteste der Seenixen, war auf der anderen Seite des Sees hinter einem Felsen geblieben und weinte bitterlich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Liebe und Gutmütigkeit. Mit Bedauern hatte sie mitangesehen, was ihre Schwestern den armen Menschen angetan hatten. „Das haben sie nicht verdient“, dachte die gute Seenixe, „und ich habe tatenlos zugesehen… Das macht mich bei Weitem nicht besser.“

Sie schwamm zu den anderen ans Ufer, erpicht darauf, ihren Schwestern ins Gewissen zu reden. Doch sie erntete nur Spott und gehässiges Lachen. „Und wenn sich noch eine Menschenseele hierherwagt, dann erleidet sie dasselbe Schicksal“, riefen die anderen Seenixen boshaft.

Die gute Nixe war enttäuscht und wurde von Schuldgefühlen regelrecht zerfressen. Sie beschloss, wenn es nochmal dazu kommen würde, einzuschreiten und zu helfen. Aber lange Zeit geschah nichts, und im Wald war alles wie früher. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schenkte ihr wärmstes Licht und die Bewohner des Waldes schienen den Vorfall zu vergessen. Für die gute Nixe allerdings, war die Idylle trügerisch, denn sie wusste um das Böse in ihren Schwestern und dass dieses nur so lange im Verborgenen bleiben würde, wie sie es für richtig hielten.

Ihre Vermutung bewahrheitete sich, denn im heißen Sommer kamen wieder Menschen in den Wald und suchten nach Abkühlung im kühlen Nass. Die Seenixen taten es gleich wie beim ersten Mal. Sie setzten sich in all ihrer Pracht auf die Felsen und lockten die Menschen heran, brachten sie hinaus mitten auf den See und rissen sie nach unten. Die gute Seenixe wollte dieses Mal einschreiten, doch die anderen hinderten sie daran und so waren auch diese Menschen verloren.

Bei Nacht, als ihre Schwestern schliefen, suchte sie im dunklen Wasser nach den ertrunkenen Menschen und barg sie. Über einen schmalen, fast schon  ausgetrockneten Wasserlauf trug die gute Nixe die Toten zu einem mit dem See verbundenen Tümpel, beweinte sie und streute Seerosen ins flache Wasser, um ihnen zumindest einen würdigen Abschied zu schenken.

Leider kamen ab jener Nacht täglich Menschen an den See und nie konnte die gute Seenixe einen von ihnen retten. Die anderen wurden vom Dunkel in ihrem Inneren getrieben und ließen einen Menschen nach dem anderen im Wasser verschwinden. Die Gnome verließen irgendwann ihre Behausungen und zogen weiter, denn sie fühlten sich in ihrem einstig beschaulichen Walde nicht mehr wohl. Die Geister waren ebenso verschwunden und die gute Seenixe schien ganz alleine zu sein mit ihrem wohlgesinnten Herz und ihrer unbändigen Traurigkeit. Jede Nacht musste sie nun Menschen in den Tümpel bringen und jede Nacht ergossen sich ihre Tränen über sie. Sie weinte so viel und heftig, dass der Tümpel von Mondenschein zu Mondenschein größer und größer und schließlich zu einem kleinen See wurde.

Es waren schon beinah alle Blätter von den Bäumen gefallen, da passierte eines Nachts etwas Seltsames. Die Nacht war schlimmer und trauriger als alle Nächte zuvor. Die gute Seenixe vermochte mit dem Tränen vergießen gar nicht mehr aufzuhören, da erschien der kleine See plötzlich grün leuchtend und dutzende von Geistern erhoben sich aus dem Wasser und flogen über dem Kopf der Seenixe hinweg. Diese bekam es mit der Angst zu tun und fragte: „Wer seid ihr?“

„Du denkst, wir sind die Seelen der Menschen im See, aber diese Menschen, die ihr Nixen ertränkt habt, sie waren nicht real. Wir sind die Waldgeister aller Wälder dieser Erde. Wir durchforsten sie und schauen in die Herzen ihrer Bewohner, um Frieden zu schaffen in der Natur. Deinen Schwestern wird das Schicksal der Starre und Unveränderlichkeit zuteil, denn sie hätten Tod und Verderben in diesen Wald gebracht, wären wir tatsächlich Eindringlinge gewesen.“

„Ich wollte es verhindern, ich wollte wirklich…“, wimmerte die gute Seenixe.

„Wir wissen, dass dein Inneres edel und gutmütig ist, aber die erste Probe hast auch du leider nicht bestanden. Darum können wir dich nicht ganz verschonen, jedoch soll es dir nicht schlecht ergehen. Wir wollen deinen Geist verschonen und ihm die Freiheit gewähren, die ihm gebührt, aber dein Dasein wird nicht mehr dasselbe sein. Drum weine noch so lange du kannst, dein Wandel wird bald passieren!“

Mit diesen Worten verschwanden die Geister als grüne Lichtpunkte zwischen den Bäumen in der Dunkelheit. Die gute Seenixe blieb alleine am kleinen See zurück und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Sie weinte so lange, bis der See wunderbar mit Wasser gefüllt, sie selbst aber erstarrt war. Ihr Körper war zu weißem Stein geworden, aber ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihr Wesen waren noch frei. Und so blickte die Seenixe auf den kleinen See, der ihrer Tränen und ihre Gutherzigkeit entsprungen war und beobachtete, wie er lebendig wurde und Tiere hier Einzug hielten. Das machte sie glücklich und half ihr dabei, ihren neuen Zustand anzunehmen. Ihre Schwestern aber waren gänzlich hinfort, sie wurden zu belanglosen kleinen Steinen in der düsteren Tiefe des großen Sees.

Als der Winter über den Montiggler Wald hereinbrach, die zwei Seen zufrieren ließ, die Seerosenblätter und die versteinerte Seenixe mit weichem Schnee bedeckte, da setzte ein Mensch seinen Fuß in den Wald. Er ging Schritt für Schritt, sog die saubere Waldesluft ein und war verzaubert von der Schönheit und der Stille des winterlichen Sees. Es war der kleine See, an dem der Mensch etwas Ungewöhnliches am Ufer entdeckte. Er klopfte den Pulverschnee vorsichtig ab und sah eine herrliche und makellos weiße Figur aus Stein. Sie war halb Frau, halb Fisch und versprühte eine unbeschreibliche Magie. Der Mensch wusste nicht, woher sie kam, aber er erkannte: Diese zauberhafte Seenixe hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn sie es nur könnte.

Anmerkung der Autorin:

Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Wellness- und Lifestyleresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.


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3 Gedanken zu „Der Tränensee oder: Wie die Seenixe versteinert wurde

  1. Alexandra Wendt

    Hallo Sarah,
    eine sehr schöne Geschichte 🙂 Die Idee, dass der zweite See aus den Tränen der guten Nixe entstand, ist wirklich traumhaft! Ich finde zwar, dass es durchaus echte Menschen hätten sein können, die da gestorben sind, und ihre Geister nun den Zauber vollbringen. Aber das ist vielleicht auch Geschmackssache 😉
    Liebe Grüße, Alex

    Gefällt 1 Person

    1. GeschichtenimKopf

      Hallo liebe Alexandra, da stimme ich dir völlig zu 🤗 Wenn ich die Geschichte für mich geschrieben hätte, hätte ich das wahrscheinlich auch genauso gemacht, aber da die Story für ein großes Hotel entstanden ist, schienen mir tote Menschen im anliegenden Badesee touristisch nicht so wervoll 😅🙈

      Danke für dein Feedback 😊😊😊
      Liebe Grüße zurück, Sarah

      Gefällt 1 Person

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