Der Tränensee

Vor vielen hundert Jahren, da war der große Montiggler See und der ihn umgebende Wald ein magischer Ort. Unter den Wurzeln der Bäume lebten tüchtige Gnome, im Wind die scheuen Waldgeister und im Gewässer die schönen, aber unberechenbaren Seenixen. Sie alle lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten und sie waren zufrieden und friedvoll miteinander. Eines frühen Sommertages jedoch kamen Menschen in den Wald. Keines der fantastischen Wesen wusste, woher sie kamen und was ihre Absicht war, aber ihre Ruhe wurde durch sie bitter gestört. Das malerische Fleckchen Erde, das bisher nur ihnen vorbehalten war, wurde durch das Betreten der Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht. So sahen es zumindest die Nixen, die tief leider nicht immer gute Absichten hatten. Die böse Verlockung, den Eindringlingen eine Lektion zu erteilen, war dermaßen groß, dass sie nicht anders konnten, als die Menschen mit ihrer Schönheit und vermeintlichen Freundlichkeit zu täuschen. Die Seenixen setzten sich verheißungsvoll auf große Steinen am Seeufer und zogen die Menschen in ihren Bann. Die fanden die betörenden Frauen mit der Fischflosse so fesselnd und verführerisch, dass sie sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen konnten und sich von ihnen ins Wasser führen ließen. Dort aber zogen die Seenixen die Menschen in die Tiefe, um sie so für immer loszuwerden. Als die Seenixen ihre Arbeit getan hatten, schwammen sie ans Ufer, um sich auszuruhen und in der Sonne zu liegen. Sie lachten und sangen und waren heiter, als wäre nichts geschehen.
Die Älteste der Seenixen aber war auf der anderen Seite des Sees hinter einem Felsen geblieben und weinte bitterlich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Liebe und Gutmütigkeit. Mit Bedauern hatte sie mitangesehen, was ihre Schwestern den armen Menschen angetan hatten. „Das haben sie nicht verdient“, dachte die gute Seenixe, „und ich habe tatenlos zugesehen. Das macht mich bei Weitem nicht besser.“ Sie schwamm zu den anderen ans Ufer, erpicht darauf, ihren Schwestern ins Gewissen zu reden. Doch sie erntete nur Spott und gehässiges Lachen. „Und wenn sich noch eine Menschenseele hierherwagt, dann erleidet sie dasselbe Schicksal“, riefen die anderen Seenixen boshaft. Die gute Nixe war enttäuscht und wurde von Schuldgefühlen regelrecht zerfressen. Sie beschloss, einzuschreiten und den Menschen zu helfen, falls es noch einmal dazu kommen. Aber lange Zeit geschah nichts, und im Wald war alles wie früher. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schenkte immerzu ihr wärmstes Licht und die Bewohner des Waldes schienen den Vorfall vergessen zu haben. Für die gute Nixe allerdings, war die Idylle trügerisch, denn sie wusste um das Böse in ihren Schwestern und dass dieses nur so lange im Verborgenen bleiben würde, wie sie es für richtig hielten.

Ihre Vermutung bewahrheitete sich, denn im schwül-heißen Sommer kamen erneut Menschen in den Wald und suchten nach Abkühlung im kühlen Nass. Wie beim ersten Mal setzten sich die Seenixen in all ihrer Pracht auf die Felsen und lockten die Menschen heran, führten sie hinaus in den See und rissen sie in die Dunkelheit. Die gute Seenixe, die dieses Mal einschreiten wollte, wurde von zwei ihrer Schwestern festgehalten. So waren auch diese Menschen verloren.
Bei Nacht, als ihre Schwestern schliefen, suchte sie im dunklen Wasser nach den ertrunkenen Menschen und barg sie. Über einen schmalen, fast schon ausgetrockneten Wasserlauf trug die gute Nixe die Toten zu einem mit dem See verbundenen Tümpel, beweinte sie und streute Seerosen ins flache Wasser, um ihnen zumindest einen würdigen Abschied zu schenken. Seit jener Nacht kamen jedoch täglich Menschen an den See und nicht ein einziges Mal konnte die gute Seenixe auch nur einen von ihnen retten. Ihre Schwestern wurden vom Bösen in ihrem Inneren getrieben, verfielen in einen Todesrausch und ließen einen Menschen nach dem anderen im Wasser verschwinden.
Irgendwann verließen die Gnome ihre Behausungen und zogen weiter, denn sie fühlten sich in ihrem einstig beschaulichen Walde nicht mehr wohl. Die Geister waren ebenso verschwunden und die gute Seenixe schien ganz alleine zu sein mit ihrem wohlgesinnten Herz und ihrer unbändigen Traurigkeit. Nacht für Nacht musste sie nun Menschen in den Tümpel bringen und jedes Mal benetzte die Seenixe die Toten mit ihren ehrlichen Tränen. Sie weinte so viel, dass der Tümpel von Mondenschein zu Mondenschein größer und größer und schließlich zu einem kleinen See wurde.

Es waren schon beinah alle Blätter von den Bäumen gefallen, da passierte eines Nachts etwas Seltsames. Die Nacht war schlimmer und trauriger als alle Nächte zuvor. Die gute Seenixe vermochte mit dem Tränen-Vergießen gar nicht mehr aufzuhören, da leuchtete der kleine See plötzlich grün und funkelte und dutzende von Geistern erhoben sich aus dem Wasser und flogen über dem Kopf der Seenixe hinweg. Sie bekam es mit der Angst zu tun. „Wir sind die Waldgeister aller Wälder dieser Erde. Wir schauen in die Herzen ihrer Bewohner, um Frieden in der Natur zu schaffen. Deinen Schwestern wird das Schicksal der Starre und Unveränderlichkeit zuteil, denn sie bringen Tod und Verderben in diesen Wald.“ „Ich wollte es verhindern, ich wollte es wirklich …“, wimmerte die gute Seenixe. „Wir wissen, dass dein Inneres edel und gutmütig ist, aber die erste Probe hast auch du nicht bestanden. Darum können wir dich nicht ganz verschonen, jedoch soll es dir nicht schlecht ergehen. Wir wollen deinen Geist verschonen und ihm die Freiheit gewähren, die ihm gebührt, aber dein Dasein wird nicht mehr das selbe sein. Darum weine noch so lange du kannst, dein Wandel wird bald passieren!“ Mit diesen Worten verschwanden die Geister als grüne Lichtpunkte zwischen den Bäumen in der Dunkelheit. Die gute Seenixe blieb alleine am kleinen See zurück und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Sie weinte so lange, bis der See wunderbar mit Wasser gefüllt, sie selbst aber erstarrt war. Ihr Körper war zu weißem Stein geworden, aber ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihr Wesen waren noch frei. Und so blickte die Seenixe auf den kleinen See, der ihren Tränen und ihrer Gutherzigkeit entsprungen war und beobachtete, wie er lebendig wurde und Tiere Einzug hielten. Das machte sie glücklich und half ihr dabei, ihr Schicksal anzunehmen. Ihre Schwestern aber waren gänzlich hinfort, sie wurden zu belanglosen kleinen Steinen in der düsteren Tiefe des großen Sees.

Als der Winter über den Montiggler Wald hereinbrach, die zwei Seen zufrieren ließ, und die Seerosenblätter und die versteinerte Seenixe mit weichem Schnee bedeckte, da setzte ein Mensch seinen Fuß in den Wald. Er ging Schritt für Schritt, sog die saubere Waldluft ein und war verzaubert von der Schönheit und der Stille des winterlichen Sees. Am kleinen See entdeckte der Mensch etwas Ungewöhnliches am Ufer. Vorsichtig klopfte er den pulvrigen Schnee ab und sah eine herrliche und makellos weiße Figur aus Stein vor sich. Sie war halb Frau, halb Fisch und versprühte eine unbeschreibliche Magie. Der Mensch ahnte es: Diese zauberhafte Seenixe hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn sie es nur könnte.

Anmerkung der Autorin:

Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Wellness- und Lifestyleresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.


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3 Gedanken zu „Der Tränensee

  1. Alexandra Wendt

    Hallo Sarah,
    eine sehr schöne Geschichte 🙂 Die Idee, dass der zweite See aus den Tränen der guten Nixe entstand, ist wirklich traumhaft! Ich finde zwar, dass es durchaus echte Menschen hätten sein können, die da gestorben sind, und ihre Geister nun den Zauber vollbringen. Aber das ist vielleicht auch Geschmackssache 😉
    Liebe Grüße, Alex

    Gefällt 1 Person

    1. GeschichtenimKopf

      Hallo liebe Alexandra, da stimme ich dir völlig zu 🤗 Wenn ich die Geschichte für mich geschrieben hätte, hätte ich das wahrscheinlich auch genauso gemacht, aber da die Story für ein großes Hotel entstanden ist, schienen mir tote Menschen im anliegenden Badesee touristisch nicht so wervoll 😅🙈

      Danke für dein Feedback 😊😊😊
      Liebe Grüße zurück, Sarah

      Gefällt 1 Person

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