Suchende wie wir

Ein autobiografischer „Geschichtenschnipsel“

Meine Mama spülte das Geschirr, als ich vom Wohnzimmer im Hopserlauf hinüber in die Küche sprang. Es war dunkel hier drin, stiller als in der gesamten Wohnung und auf dem Rest der Welt und Tränen liefen über Mamas Wangen.

„Was ist los, Mami?“, fragte ich sie vorsichtig und wünschte kurz darauf, ich hätte nicht danach gefragt. Vielleicht, so dachte ich später, vielleicht wäre unsere Familie länger eine Familie gewesen. Vielleicht, wenn sie es nicht ausgesprochen hätte, dann wäre es nicht dazu gekommen.

„Papa und ich verstehen uns nicht mehr“, schluchzte sie, während sie ein nasses Glas abstellte und Wasser und Schaum an ihren Händen hinuntertropfte. Ich kann den Moment heute nur schwer beschreiben, das Gefühl, das in einem neunjährigen Mädchen vorgeht, wenn ihm bewusst wird, dass sich von diesem Augenblick an alles ändern wird. Alles Gewohnte, Vertraute, bröckelt an ein einem ab, wie die alte Fassade eines Hauses. Die Sicherheit, die man bis dahin im Herzen trug- fortgeschwemmt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich hilflos. Und seit diesem Moment war ich auf der Suche. Nie offensichtlich oder bewusst, aber ich rang nach etwas. Nach einem Pfeiler, an dem ich mich stützen und nach Liebe, in die ich mich vollends fallen lassen konnte. Nach Endlosigkeit und warmen Worten. Nach Nähe und Berührungen. Nach Ruhe und Abstand. Nach warmen Decken, die man sich über den Kopf ziehen kann, um das Ende des Gewitters abzuwarten. Diese Minute der Veränderung hatte keine Decke für mich parat. Es war das Ende. Das Ende meiner Familie und das meiner Kindheit.

Wahrscheinlich war die Suche meines Bruders noch viel schwieriger als die meine und so war ich auf mich gestellt. Denn auch in der Schule erzählte ich niemandem davon, was zuhause passiert war. Ich schämte mich dafür ein Scheidungskind zu sein und fühlte mich wie ein Produkt von etwas, das nicht funktioniert hatte. Ich suchte nach Gründen, nach Antworten und wusste noch nicht, dass ich, um all das zu verstehen, schlichtweg noch zu jung war. Eine der größten Lehren, die ich in meinem Leben bis jetzt erfuhr, war genau diese: Dass alles seine Zeit hat. Manches findet man früher, anderes erst viel später, manches ist leicht zu finden, bei anderen Dingen muss man sich ordentlich abmühen. Aber alles hat seine Zeit, gefunden zu werden.

Szenen haben sich in meinem Kopf eingebrannt, in denen ich hinnehmen musste, was ich nicht akzeptieren wollte. Worte, die ich hören musste, obwohl ich sie nicht hören wollte. Ich sollte Gefühle annehmen, die mir bis dahin völlig fremd waren und die ich nicht besonders mochte. Ein jedes Kind, das die Trennung seiner Eltern durchleben musste, kennt diese Szenen. Im Nachhinein wirken sie wie ein Traum, ein verworrenes Konstrukt an Aneinanderreihungen, von dem vieles wieder beiseitegeschoben wird. Es gibt nun mal Geschichten, die man nicht gerne erzählt.

Oft blicke ich auf das Danach zurück. Es gab nämlich die Zeit davor und danach. Die Zeit vor und nach dem Satz meiner Mama. Und ja, heute verstehe ich einiges besser. Ich habe gelernt damit umzugehen und Kraft daraus zu schöpfen, weiß jedoch auch, dass mich die Erfahrung geprägt hat. Aber es ist okay. Denn alles, was ich erlebt habe, alles was ich in meinem Leben gemeistert habe, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Auch wenn ich heute, 21 Jahre später, oft noch auf der Suche bin, und vermutlich auch mein Bruder noch nicht aufgehört hat zu suchen, so weiß ich, dass wir damit nicht alleine sind. Alle Menschen, die sich um uns bewegen tragen ihre Geschichten mit sich rum und spähen hinter ein jedes Gebüsch, um ihr Happy End zu finden, im allerbesten Wissen, dass das Leben mehr ist als das. Aber es ist tröstlich, dass alle Menschen so sind:

Sie sind Suchende.

Suchende wie wir.


Dir gefällt, was du liest? Ein „Gefällt mir“, ein Kommentar oder das Teilen meiner Beiträge auf den Social Media- Kanälen ist dein Geschenk an mich und meine Arbeit! ☺️

3 Gedanken zu „Suchende wie wir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s