Die Suche der Zeit

Es ist schwierig eine Geschichte zu erzählen, mit einer Protagonistin, die man nicht wirklich beschreiben kann. Denn diese ist eine ganz besondere- sie besitzt kein Aussehen, kein Geruch und auch nichts, was man anfassen könnte. Trotzdem ist sie präsent, überall und ständig, auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Womit wir eigentlich schon bei meiner Figur dieser Geschichte wären… der Zeit.

In jener bekannten Stadt, in der die Häuser bis in die Wolken ragten und der Tag niemals endete, genau dort wollte sich die Zeit ein Zuhause suchen. Auf der ganzen Welt war sie unterwegs, ununterbrochen und eigentlich war die Zeit so müde von ihrer ständigen Präsenz, dass sie einfach mal die Haustür hinter sich schließen wollte. „Hier“, so dachte sie, „in einer Stadt, die für so viele Millionen Menschen Platz findet, findet sich bestimmt auch ein hübsches Plätzchen für mich.“ Darum machte sich die alte Zeit auf die Suche nach Menschen, die ihr einen Ort oder das Gefühl der Heimat schenken konnten.

In einem Café an der Straße saßen ein junger Mann und eine Frau. Die Zeit gesellte sich heiter zu ihnen. Aber die Frau war nicht erfreut, sie zu sehen und schluchzte: „Nein, es geht nicht. Im Augenblick ist es mir zuviel, ich kann einfach nicht.“ „Aber ich bin hier, und ich bin bei dir. Willst du es denn nicht zumindest versuchen?“, fragte sie der Mann und nahm ihre Hand, die die Frau abrupt wegzog. Ihr Herz tat weh, das spürte die Zeit und merkte, dass sie auf dem falschen Stuhl Platz genommen hatte. Ernst blickte die junge Frau nun der Zeit ins Gesicht und sagte zu ihr: „Siehst du denn nicht, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist? Vielleicht, wenn du vor ein paar Monaten zurückgekommen wärst, aber jetzt… Du bist hier falsch. Verschwinde!“

Unglücklich und etwas beschämt darüber, der falsche Moment für diese Leute gewesen zu sein, verließ die Zeit das Café und setzte ihre Suche fort.

Einige Straßen weiter stand ein älterer Mann an einer Bushaltestelle und las in einer Zeitung. Frohen Mutes gesellte sich die Zeit dazu und versuchte den Mann mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen. Aber der Mann war versunken in den Schlagzeilen des Tages und machte ein immer verdrießlicheres Gesicht. „In was für einer Zeit leben wir nur? Früher war alles besser.“ Er senkte die Zeitung nach unten und wandte sich der Zeit zu. „Weißt du, nicht alles, was du mit bringst, ist gut, ganz im Gegenteil- es wird alles schlimmer und schlimmer. Am besten wäre es, du wärst damals stehen geblieben. Da war die Welt noch in Ordnung.“ Der Mann warf die Zeitung in den Müll und stieg in den Bus, der gerade angefahren kam.

Mit einem erneut schlechten Gewissen blieb die Zeit wie angewurzelt an der Haltestelle stehen. Sie musste erst ein paar tiefe Atemzüge machen, bevor sie weiterging.

An der nächsten Ecke war eine Arztpraxis, in die die Zeit hineinschauen wollte. In einem freundlich eingerichteten Zimmer wartete eine Familie. Vater und Mutter blickten betrübt drein, während die Kinder am Boden mit kleinen Autos spielten. Das Mädchen trug ein Tuch um ihre Glatze gebunden und war sehr blass im Gesicht. Die Zeit setzte sich hin und sah den beiden Kindern beim Spielen zu. Auch sie nahm sich ein Auto und fuhr damit über den hellgrünen Teppich mit den aufgemalten Straßen. „Nein, nein, nein“, protestiere die Mutter auf einmal. „Lass meiner Tochter doch ein bisschen Vorsprung. Du rast an ihr vorbei. Das ist einfach nicht fair! Sei bitte langsamer, wir haben dich schon genug verschwendet. Das macht uns traurig, verstehst du das?“ Die Zeit verstand, erhob sich leise und verließ das Krankenzimmer in der Hoffnung, das kleine Mädchen noch nicht überholt zu haben.

Sie brauchte einige Minuten, um sich davon zu erholen und zweifelte daran, ob sie denn irgendwo erwünscht war. Bis jetzt wurde die Zeit von niemandem mit offenen Armen empfangen und wenn sie ehrlich war, konnte sie das sogar nachvollziehen. Mit ihr Freundschaft zu schließen war nicht einfach, weil sie eben war wer sie war. Sie schlenderte eine Weile hin und her, beobachtete hier und dort die Menschen, an denen sie vorüberzog und merkte, dass die meisten sich vor ihr fürchteten. Davor, dass die schönen Tage zu schnell vergingen oder quälende Minuten zu langsam, dass sie der falsche Augenblick war, man sie verschwendet hatte oder dass sie jemandem gestohlen wurde. Ja, sie wichen ihr aus. Ihr Name wurde dermaßen oft negativ behaftet, dass es die Zeit natürlich verstimmte. Betrübt beschloss sie, eine Fähre zu nehmen und hinaus aufs Wasser zu fahren, weg von all dem Trubel, den beklemmenden Gedanken und all den Zweiflern. Da gesellte sich eine schon ziemlich betagte, elegante Dame zu ihr an die Reling. Gedankenverloren schaute sie hinunter an die sich an der Fähre brechenden Wellen, sog die feuchte, kühle Luft ein und verzog ihr Gesicht zu einem breiten Lippenstiftgrinsen. „Ist das nicht schön? Mag sein, dass ich nicht mehr viel von dir übrig habe, aber das, was mir noch bleibt ist dermaßen kostbar. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich dich genieße. Ich bin wirklich dankbar, dass ich dich habe.“ Ungläubig starrte die Zeit die Frau an und glaubte, sich verhört zu haben. „Ist das wirklich wahr?“, wollte sie wissen. „Sie verabscheuen mich nicht?“

Die Dame lachte herzlich und legte ihre große Sonnenbrille ab. Sanft strich sie der Zeit über das Antlitz und sagte mit sanfter Stimme: „Aber, aber! Durch dich wird alles einfacher. Du gibst den Menschen in einer Welt voller Chaos Orientierung. Sie können sich mit der Tatsache trösten, dass mit dir alles besser wird, wenn genug von dir vergangen ist. Von Kummer, Schmerzen und unsäglichem Leid rede ich. Die Vergänglichkeit und deine Begrenztheit für die Augenblicke machen dich außerdem kostbar. Nichts, was ewig währt, wird geschätzt. Viele fürchten sich davor, zu wenig von dir zu haben, aber das muss nicht heißen, dass dies schlecht ist, verstehst du? Dafür nutzen sie dich umso besser.“ Die Frau runzelte ihre Stirn und die Zeit konnte ihr ansehen, dass die Frau durch sie Einiges erlebt hatte. Eine jede Falte in ihrem Gesicht schien eine Geschichte zu erzählen und der verträumte, aber kluge Blick ließ erahnen, was sie über die Jahre alles gelernt hatte. „Dein Los ist nunmal nicht das Einfachste. Du bist, was du bist. So wie Leben und Tod. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Du bist notwendig, unausweichlich, richtungsweisend. In all deinen Facetten bist du weder gut, noch schlecht. So was verstehen die Menschen eben nicht und alles, was sie nicht wirklich definieren können, macht ihnen Angst. Aber weißt du was, Zeit? Menschen sind eben nur Menschen. Wir müssen alle akzeptieren, was der andere ist, denn nur so funktioniert diese Welt.“

Die Zeit und die alte Dame standen nebeneinander an der Reling und blickten auf die Stadt. Der Abstand half der Zeit, die Dinge besser zu verstehen. Und sie sah ein, dass sie nie das eine Zuhause finden würde, dass sie sich erwünscht hatte. Denn sie wurde immer und überall gebraucht. Ihre Heimat war die große Welt. Und das war vermutlich gut so.


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4 Gedanken zu „Die Suche der Zeit

  1. Werner Kastens

    Zeit, ein Wort, ein Begriff, den wir zigmal am Tag aussprechen und der uns den ganzen Tag lang beschäftigt, bewußt oder unbewußt. Sehr schön in diese Geschichte verpackt. Ich kann nur Allen raten: nehmt euch die Zeit, auch darüber nachzudenken!

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  2. Patrick

    Ein schönes und ungewohntes Portrait der Zeit, wo viele Menschen doch mit der Zeit verfeindet sind, vor ihr flüchten und sie sogar totschlagen wollen, ist deine Darstellung mal sehr erfrischend: Die geduldige und neugierige Zeit, die man sich als guten Freund, gute Freundin vorstellen kann.

    Gefällt 1 Person

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