Matilda

Neue Orte beflügeln mich und meine Fantasie. So hat das auch Venedig geschafft. Dieses Mal gibt es wieder mal eine etwas düstere Geschichte… 😉

 

 

Die heiße Dusche tat gut. Nicht, dass sie den Geruch nicht mochte, der nach der dritten Liebesnacht mit Adam an ihr haftete. Ganz im Gegenteil. Es war dermaßen gut gewesen, dass sie befürchtete, ohne eine Dusche, die sie aus diesem Traum rausholte, gar nicht mehr schlafen zu können. In Hotels schlief sie auch ansonsten viel zu wenig, und die Anwesenheit eines Mannes, der ihr innerhalb weniger Tage den Kopf verdreht hatte, machte es nicht viel besser. Irgendwie wusste sie schon bei ihrer ersten Begegnung hier in Venedig, dass sie zusammen im Hotelzimmer landen würden. Vielleicht war es die Romantik, die die Stadt versprühte, vielleicht war es der Reiz des Neuen und Unbekannten, wahrscheinlich war es beides. Sie mochte diesen Kerl wirklich, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was nach dieser Woche in Italien passieren würde. Nichts desto trotz genoss sie es, ihren Kopf auf Stand- By zu schalten, die heißen Wassertropfen das Gesicht runterlaufen und das Rauschen auf sie einprasseln zu lassen.

War das Adam? Matilda öffnete die Augen, hielt inne. Etwas war plötzlich seltsam. Sie drehte das Duschwasser ab. Da. Ein Rumpeln, ein dumpfes Stöhnen. Was war hier los? In dem Moment, als sie den Duschvorhang zurückzog, kamen zwei Männer ins Bad gestürmt. Alles ging so schnell, der Glücksmoment von eben verwandelte sich in lähmende Panik. Matilda spürte, wie einer der Unbekannten sie ins Gesicht schlug, packte und aus der Dusche zog. Der andere drehte das Wasser wieder voll auf, damit niemand im Nachbarzimmer die unangenehmen Geräusche vernahm. Sie wurde bäuchlings zu Boden gedrückt, ihr Kopf zuerst gegen die Fließen geschlagen und dann unsanft in Richtung des Schlafzimmers gedreht. Adam lag im Bett, unbekleidet, geknebelt, gefesselt und mit blauen Flecken übersäht. Hätte sie nicht gewusst, dass er es war, sie hätte ihn nicht wiedererkannt, dermaßen hatten sie ihn zugerichtet. Er schaute verzweifelt zu ihr und versuchte sich loszureißen, zu schreien. Doch es half alles nichts. Matilda spürte, wie die Tränen ihr über die Wangen liefen, während die zwei Männer sie nacheinander vergewaltigten und immer wieder auf sie einschlugen, wenn sie eine Bewegung der Gegenwehr machte. Sie roch Alkohol und ihre stinkenden schwitzenden Körper auf ihr; sie sah die Hilflosigkeit in Adams zerschundenem Gesicht. Sah sich selbst neben ihm liegen, die Hand schützend auf seinen Kopf gelegt. „Psst, psst, psst… Alles wird gut“, hörte sie sich selbst sagen. Alles drehte sich und zuckte.

Irgendwann ließen sie von ihr ab. Ließen ihren nackten, blutüberströmten Körper halbtot dort auf den kalten Badezimmerboden liegen. Völlig benommen musste sie mit ansehen, wie die unbekannten Männer mit einem Messer auf Adam losgingen und auf ihn einstachen. So lange, bis sein durchdringendes Klagen verstummte und er regungslos liegen blieb. Sie sah, wie sich die weißen Laken, in denen sie sich noch vor einer Stunde geliebt hatten, rot färbten. Dann verschwanden die fremden Männer, ohne Matildas Flehen gehört zu haben, sie mögen auch ihre Schmerzen doch bitte beenden. Durch die Fensterläden drang von draußen das erste morgendliche Licht ins Hotelzimmer, bevor alles vor Matildas Augen verschwamm.

Sie fror, als sie zu sich kam und spürte jeden einzelnen wunden Zentimeter ihres Körpers. Ihr rechtes Auge ließ sich kaum öffnen und die Nase fühlte sich zehnmal so groß an. Es dauerte einige Minuten, bis Matilda kapierte, dass sie tatsächlich noch am Leben war und sie es schaffte, aufzusitzen. Ihre Innenschenkel waren blutüberströmt und eine jede  noch so kleine Bewegung tat ihr weh. Mit Mühe schaffte sie es in die Dusche und sie wusch sich, bis sie das Gefühl hatte, sie schrubbte ihre Haut von sich runter. Ihr Spiegelbild war nicht mehr das Ihre und Matilda fühlte sich so leer, dass sie glaubte, die Männer hatten nur ihre kaputte Hülle in diesem Zimmer zurückgelassen.

Das Schwerste war, sich ihm zu nähern. Adam tot zu sehen. Diesen wunderschönen, lieben Mann, den sie vor einigen Tagen noch gar nicht kannte. Und nun lag er ermordet im Bett ihres Hotelzimmers. Sie musste ihn anstarren, sich das widerliche Bild einprägen, das die zwei Mistkerle geschaffen hatten und wusste nicht, was sie denken sollte. Noch nie zuvor fühlte sie sich so leer. Sie rief an der Rezeption an, sagte denen, sie sollten die Polizei rufen und legte sich dann, nur mit dem Handtuch bekleidet, zu dem Toten ins Bett. „Psst, psst, psst“, flüsterte sie. „Alles wird gut.“

Eine Woche später

Die Geschichte, die Matilda ihrer Mutter auftischen musste, warum sie später nach München zurückkehren würde, war nicht die beste, aber sie hatte sie geschluckt. Noch wusste sie nicht, ob sie ihr die Wahrheit sagen würde. Dass sie vergewaltigt und der eigentlich fremde Mann, den sie mit in ihr Hotel genommen hatte, eiskalt abgeschlachtet wurde. Nicht die beste Story, die man von seiner eigenen Tochter hören möchte.

Man sah ihr das Ereignis noch an, nicht nur der Verletzungen wegen. Matilda konnte den fetten, roten Stempel fühlen, der ihr auf der Stirn brannte: Raped. Es war in ihren Augen zu sehen, man erkannte es an der plötzlichen Angst vor Männern, die unverhofft neben ihr auftauchten. Die zitternden Hände verrieten es und ihre hagere Gestalt, weil sie kaum mehr essen konnte. An Schlaf war in den vergangenen sieben Tagen im Krankenhaus ebenfalls nicht zu denken. Kaum, dass ihre Lider zufielen, lag sie wieder im Badezimmer auf dem Boden und hörte Adam wimmern. Die Ärzte des Venediger Krankenhauses rieten ihr noch da zu bleiben, aber die junge Frau wollte die Lagunenstadt nur noch verlassen. Trotzdem wollte sie noch nicht nach Hause; ihrer Familie in die Augen zu schauen war für Matilda völlig undenkbar- sie würden es ihr anmerken. Darum buchte sie sich ein Zugticket in die Schweiz und wartete nun an den Bahngleisen. Der Bahnhof machte sie melancholisch. Obwohl sie es nicht wollte, musste sie an Adam denken und daran, dass sie womöglich zu zweit weitergereist wären. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Wenn er sie nicht getroffen hätte, wäre er noch am Leben. Dann wäre er nicht in diesem Hotel gewesen. Matilda schluckte die Tränen mit dem Brot runter, das sie sich zwang zu essen. Es war kühl an dem Morgen und Matilda hatte sich ihren Schal um den Kopf gewickelt. Immer mehr Leute kamen zum Bahnsteig. Der Zug musste jeden Moment da sein, er….

Das waren sie! Da kamen die Männer in Begleitung zweier Frauen und einem Kind. Matilda fing unweigerlich an, schneller zu atmen und ihr ganzer Körper zitterte. Wie war das möglich? Die Polizei fahndete seit jenem Morgen nach den beiden und hier waren sie, vor ihren Augen, nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Lachten, hielten ihre Frauen im Arm. Eines der Schweine hatte sogar eine Tochter. Ob er mit ihr auch so sanft umging wie mit wildfremden Frauen? Matilda konnte ihr Essen gerade so unten behalten. Tränen schossen ihr in die Augen. Vergewaltiger. Mörder.  Hinter einem Pfeiler atmete Matilda einige Male tief durch. Die beiden konnten die junge Frau unter all den Reisenden nicht erkennen. Sie hatten in ihre Richtung geschaut und hatten sie nicht registriert. Alles in Ordnung. Matilda schloss einen Moment die Augen. Sah Adam vor sich. Spürte den kalten Boden unter ihrem Bauch und ihren Brüsten.

Was nun? Sollte sie die Polizei rufen? Der Zug war da. Es war keine Zeit mehr. Die Mistkerle stiegen ein. Matilda wusste nicht, was sie da tat, aber sie folgte ihnen in den Wagon. Ihr Herz raste, aber es war plötzlich keine Angst mehr, die sie empfand. Nein, da war sie endlich, die Wut, auf die sie die letzten Tage gewartet hatte. Am liebsten wäre sie losgestürzt und hätte auf die Mistkerle eingeschlagen, so lange, bis sie nicht mehr konnte. Stattdessen wurde Matilda ganz ruhig und setzte sich in dasselbe Zugabteil, nur einige Reihen weiter hinten. Sie schob sich ihre Sonnenbrille ins Gesicht, ließ das Tuch auf dem Kopf und beobachtete sie. Die Mistkerle unterhielten sich auf Französisch miteinander. Waren ganz normale Passagiere in diesem Zug. Zum ersten Mal hatte Matilda die Gelegenheit, sie genau zu betrachten. Sie sahen nicht aus wie Kriminelle, wie welche, die sich in ihrem Familienurlaub nachts herumtrieben und Leute töteten und missbrauchten. Der eine war hochgewachsen, hatte braunes Haar und eine laute Stimme, der andere war etwas kleiner, rothaarig und wohl der ruhigere der beiden. An ihn konnte Matilda sich besonders gut erinnern. Er war es, der ihr einen Büschel Haare ausgerissen und mitgenommen hatte. Wohl als Andenken. Alle beide waren stämmig.  Markant. Kräftig. Hätte Matilda die Mistkerle unter anderen Umständen kennengelernt, sie hätten wohl einen sympathischen Eindruck auf sie gemacht. Wie sie miteinander scherzten, ihren Frauen sanft die Wange küssten. Dem Kind aus dem Buch vorlasen. Matilda hätte am liebsten laut losgelacht, so absurd und surreal waren ihre Situation und das, was sich da vor ihren Augen abspielte. Unweigerlich legte sich ein Schalter in Matilda um. Sie nahm ihr Telefon zur Hand, meldete sich bei der Venediger Polizei, die ihren Fall behandelte, gab ihre Informationen bezüglich der Männer und des Zuges weiter, stand auf und setzte sich auf einen Sitz neben ihren Peinigern.

„Noch knapp zwanzig Minuten bis zur nächsten Haltestelle“, sagte Matilda laut auf Englisch und blickte direkt in die Gesichter der Zwei. Die Mistkerle schienen- wie auch ihre Frauen- verwirrt zu sein, dass eine Wildfremde mit ihnen über die Zugstrecke sprechen wollte. Matilda lächelte. „Das ist doch verrückt, oder? Das mit dem Sprichwort meine ich… Man sieht sich tatsächlich immer zwei Mal im Leben!“ Sie legte ihre Sonnenbrille und ihr Tuch ab. Na also. Der verwunderte Blick der Männer wich purem Entsetzen. Kreidebleich beschrieb nicht annähernd die Gesichtsfarbe, die die Arschlöcher infolgedessen bekamen. „Oh entschuldigen Sie bitte, ich bin unhöflich“, sagte Matilda lachend und stand auf, um den zwei nichts ahnenden Frauen die Hand zu schütteln. „Ich bin Matilda, wahrscheinlich haben ihre Männer noch nichts von mir erzählt, kann ich mir vorstellen. Eine süße Tochter haben Sie da. Wirklich bezaubernd.“ Flüsternd wandte sie ihr Gesicht den Männern zu. „Matilda ist mein Name, habt ihr gehört? Falls es euch interessiert, ihr Schweine.“

Matilda hatte mit ihrer lauten Ansprache bereits die Aufmerksamkeit einiger Passagiere auf sich gelenkt. Es war die Mutter des Mädchens, die das Schweigen und die Peinlichkeit schließlich unterbrach. Sie war blond, hatte ein hübsches Gesicht und sie sprach ein für Franzosen perfektes Englisch. „Das ist Franck und Alix wohl entfallen, Sie zu erwähnen.“ Ganz offensichtlich waren die Frauen nicht besonders erfreut die Bekanntschaft mit Matilda zu machen, aber sie war sich nicht sicher, ob es bloß die Tatsache an sich war, dass ihre Partner von einer Wildfremden in einem Zug angesprochen wurden, ober ob vielmehr das in Mitleidenschaft gezogene Gesicht dieser Fremden die Anspannung zwischen allen Beteiligten schürte. „Also, woher kennen Sie drei sich?“, fragte nun die zweite Frau, ebenfalls blond, aber viel unscheinbarer in ihrem Auftreten, als ihre Freundin.

„Das lasse ich sehr gerne Franck und Alix erzählen“, erwiderte Matilda nüchtern, in die sich soeben die Namen ihrer Vergewaltiger eingebrannt haben.

Die Frauen schauten ihre Männer eine Erklärung abwartend an, als der Rothaarige, offensichtlich Alix, endlich den Mund aufmachte und offensichtlich versuchte, auf Französisch seine Situation zu erklären. Matildas Französischkenntnisse waren spärlich. Er faselte irgendetwas von: „In der Bar kennengelernt… Zusammen etwas getrunken…“, woraufhin seine Frau ihm ein französisches Fluchwort an den Kopf warf. Ihr treusorgender Mann und Vater ihres Kindes schien wohl öfters mit fremden Frauen zu verkehren.

„Nun eigentlich“, unterbrach Matilda den sich anbahnenden Streit, „müssen Sie wissen, dass es nicht exakt so war. Eigentlich wollte ich die zwei Arschlöcher hier gar nicht kennenlernen… Entschuldigen Sie, dass ich hier fluche, aber ihre Tochter versteht mich ja nicht, oder? Nun, wie auch immer. Sehen Sie mein Gesicht? Das haben die zwei so zugerichtet, müssen Sie wissen.“

„Sie sind ja völlig verrückt! Würden Sie bitte das Abteil verlassen und uns in Ruhe lassen?“, zischte die erste blonde Frau sie an.

„Ich verstehe, dass Sie mir nicht glauben wollen.“ Matilda zog sich ihren Pulli aus, ihre Jeans und stand auf einmal nur in Unterwäsche bekleidet da und war nun endgültig Mittelpunkt aller Anwesenden des Zugabteils. Noch immer sah man ihrem Körper die Schändung an. „Aber ich weiß, dass ihre Männer Donnerstagnacht vor acht Tagen nicht bei Ihnen im Hotel waren. Sie sind nämlich in mein Hotelzimmer gestürmt, haben meinen Freund abgeschlachtet und mich vergewaltigt, einer nach dem anderen.“

„Jetzt reicht es aber!“ Franck stand auf und stellte sich vor Matilda, während den anderen vieren das Grauen im Gesicht abzulesen war. Das Mädchen fing an zu weinen und versteckte ihr Gesicht im Pulli ihrer Mama. „Verschwinde aus diesem Zugabteil oder ich rufe die Polizei!“, drohte Franck.

„Musst du nicht, das habe ich schon erledigt. Genießt eure letzten…“ Matilda warf einen Blick auf die Uhr, „fünf Minuten in Freiheit.“

Die nächste Haltestelle wurde durch die Lautsprecher durchgegeben. Endlich kamen Zugbeamte ins Abteil, um die Ausgänge abzusichern. Franck wich zurück und seine Begleiter blieben wie gelähmt auf ihren Sitzen, die zwei Frauen und das Mädchen blickten verständnislos hin und her. Der Zug hielt an. Eine Patrouille von Polizisten wartete am Bahngleis und Matilda brach in Tränen aus. Einer von ihnen schaute Adam zum Verwechseln ähnlich, aber vielleicht täuschte sie sich auch.


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4 Gedanken zu „Matilda

  1. danyalacarte

    Ich hab Gänsehaut. Das war heftig. Und ich bin so froh, dass die Männer gefasst wurden auch wenn das nur ein kleiner Trost für Matilda ist. Was für eine Wahnsinns Geschichte. Ich hatte tatsächlich eher mit Romantik und einer Liebesgeschichte gerechnet. Wegen Venedig. Mein Herz rast und meine Gedanken kreisen. ❤

    Gefällt 1 Person

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