Der Leuchtturmwärter

Vorausgeschickt: Ich habe ein Faible für Leuchttürme. Ich mag die Orte, an denen sie stehen, ich mag das, wofür sie stehen und ich mag ihr hoffnungsvolles Leuchten. Als ich im Reiseführer „Atlas Obscura“ von dem Schicksal des Leuchtturmes Rubjerg Knude Fyr in Dänemark gelesen habe, musste ich einfach eine Geschichte über ihn schreiben.

Weiters muss ich sagen, dass ich nicht besonders religiös bin, aber das Gelassenheitsgebet ist ein Satz, der einem Kraft gibt und den ich mit in meine Geschichte mit einfließen ließ.

„Gott, gib uns
die GELASSENHEIT Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können,
den MUT Dinge zu ändern, die wir ändern können
und die WEISHEIT, das eine vom anderen unterscheiden zu können“

Hier meine Symbiose dieses besonderen Leuchtturmes und den wundervollen Worten – viel Vergnügen damit!

Im Leuchtturm der Insel Fürton hoch oben im Norden hauste ein einsamer Mann. Er wurde hier geboren, lebte und arbeitete hier und war sich sicher, auch seinen Lebensabend hier zu verbringen, doch dafür hatte er ordentlich zu schuften. Aber erstmal von vorne.

Der Leuchtturmwärter war nicht immer einsam gewesen. Die Sandinsel war einst sehr belebt und beliebt bei Touristen aus fernen Ländern. Es herrschte reges Treiben, die Menschen liebten die rauhe, malerische Vegetation und die Abgeschiedenheit an diesem beinahe traumhaften Ort. Der gesellige und freundliche Leuchtturmwärter konnte das gut verstehen, er selbst war dermaßen glücklich hier, dass er sich nie hätte vorstellen können, irgendwo anders zu leben. So wie er waren alle Menschen hier zufrieden mit ihrem bescheidenen Leben fernab des Trubels auf dem Rest der Welt.

Leider gewann der Sand auf Fürton irgendwann Überhand und die Insel schien sich selbst zu verschlingen. Wind und Wasser trieben immer mehr Sand ins Landesinnere und die beschaulichen Häuser rund um den Leuchtturm waren nach nur wenigen Monaten verschwunden- und mit ihnen die Menschen, die darin lebten. Die meisten verließen ihre Häuser und Fürton, bevor es zu spät war, aber einige weigerten sich der Insel den Rücken zu kehren und wurden eins mit ihr. Entsetzt und ungläubig musste der alte Leuchtturmwärter mit ansehen, wie die Leute weniger und weniger wurden. Touristen kamen schon lange nicht mehr und von seinem geliebten Zuhause war kaum mehr übrig als eine Sanddüne, die sich an die nächste reihte. Und mittendrin ragte der Leuchtturm aus dem Meeressand, stolz, einsam und widerspenstig. Mehrere Stunden am Tag verbrachten die noch Verbliebenen damit, sich gegen die sandige Flut zur Wehr zu setzen. Sie schaufelten die Massen aus dem Inneren des Turmes und versuchten mit Bäumen, die sie um den Turm gepflanzt hatten, diesen vor dem „Ertrinken“ zu retten. Aber es half alles nichts.

„Wir müssen Fürton verlassen, bevor uns das gleiche Schicksal ereilt wie den Narren, die sich in ihren Häusern verschanzt haben. Wir können nichts mehr tun.“

„Nein!“, schrie der Leuchtturmwärter entsetzt. „Der Sand hat alles um uns aufgefressen, wir können nicht zulassen, dass dasselbe mit dem Herz dieser Insel passiert. Damit würden wir unsere Heimat aufgeben!“

Doch die anderen hörten nicht auf den Leuchtturmwärter.

„Manches kann man leider nicht ändern. Und irgendwann muss man es akzeptieren“, sagten sie traurig und so kam es, dass auch die letzten Widersacher den Kampf aufgaben und nur noch der Leuchtturmwärter selbst zurückblieb, als letzter Bewohner Fürtons.

Seit diesem Tage hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Turm als einziges Übrigbleibsel seiner Heimat zu retten, ihn vor dem Verschwinden zu bewahren. Montag bis Sonntag schaffte er rund um die Uhr so viel Sand weg, wie er nur konnte und versuchte mit den wenigen Resten der verschütteten Häuser eine Art Schutzmauer an der Seite des Turmes zu bauen, von der am meisten Sand herbeigetragen wurde. Doch jeden Morgen, als der Leuchtturmwärter erwachte und von seiner einzigartigen Behausung hinunterblickte, stellte er immer wieder enttäuscht fest, dass seine Bemühungen vom Vortag umsonst gewesen waren. Die Arbeit wurde so von Tag zu Tag mehr und die Kraft des Leuchtturmwärters immer geringer. Es war zu viel für einen Mann. Zu viel Arbeit, zu viel Enttäuschung, zu viel vom Gefühl, umsonst hier zu sein und vor allem: zu viel Einsamkeit. Ja, dem alten Leuchtturmwärter fehlten die Menschen, ihre Gespräche vor den Haustüren, das Kamerablitzen der Ruhesuchenden und die Genügsamkeit. All das war fort und von dem, was noch übrig war, wurde immer weniger und weniger. Es war die siebente Woche, als in der Nacht ein heftiger Wind aufkam, ein Sturm, der den Leuchtturmwächter erst zur Mittagsstunde erlaubte, aus seinem Badezimmer zu kriechen, in dem er sich schutzsuchend verschanzt hatte.

„Oh nein, oh nein!“, rief er verängstigt und eilte mit rasendem Herzen zum Ausguck des Turmes, als er das Erahnte vor sich sah: Der Sand war die letzten Stunden meterhoch herangetragen worden und der Leuchtturmwärter konnte von hier aus mit seinen Händen nach ihm greifen. Was bedeutete, dass er den Leuchtturm nicht mehr auf gewohntem Wege verlassen konnte, sondern durch den Ausguck hinausklettern musste. Er stapfte einige Meter Richtung Westen, um das zu erblicken, was er schon längst wusste: Nur noch die Spitze seines heißgeliebten Leuchtturmes ragte aus der plötzlich entstandenen Sanddüne. Barfuß und nur mit seinem Schlafanzug bekleidet, kniete er nieder und fing an bitterlich zu weinen, betrauerte sein verlorenes Zuhause, die Einsamkeit und das Schlamassel, in das er sich am Ende selbst gebracht hatte. Doch in diesem Augenblick, als die Situation verloren schien, hörte er einen Hubschrauber heranfliegen. In ihm saßen die Männer, die mit dem Leuchtturmwärter so lange gegen den Sand gekämpft hatten. Sie hatten von dem Sturm gehört, der hier wütete und wollten ihrem Freund zu Hilfe eilen. Der Sand wirbelte wie wild herum, als die Maschine tiefer geflogen kam. Einer der Piloten ließ sich mit dem Seil herab und holte den aufgelösten Leuchtturmwärter ab.

Als dieser nur wenige Minuten später im Rettungshubschrauber saß, blickte er ein letztes Mal hinunter auf den Turm, der von seiner eigenen Heimatinsel verschluckt wurde. Vom einstigen kleinen Paradies blieb nichts weiter übrig als ein riesiger Sandhaufen mitten im Ozean. Der Leuchtturmwärter nahm Abschied und atmete tief durch. Die anderen Männer hatten von vornherein Recht gehabt. Manchmal muss man die Dinge einfach akzeptieren, wie sie sind. Nichtsdestotrotz war er froh und auch stolz darauf, dass er bis zuletzt für das gekämpft hatte, was er so sehr liebte.


Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Im Norden des dänischen Festlandes wird der Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr von seiner Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen. „Als der Turm im Jahr 1900 direkt an der Nordseeküste gebaut wurde, maß er 23 Meter- heute ist er durch Küstenerosion, Wind und Wanderdünen zur Hälfte im Sand begraben. Erst setzten sich die Leuchtturmwärter noch gegen den sandigen Übergriff zur Wehr. Sie pflanzten Bäume um den Turm und schaufelten Sand aus dem Innenhof – ein aussichtsloser Kampf […] Alle Nebengebäude sind heute komplett verschüttet, und auch der Turm selbst wird den Naturgewalten nicht mehr lange standhalten können. […] (Quelle: Atlas Obscura – Joshua Foer, Dylan Thuras und Ella Morton – Erstauflage Oktober 2017 – Seite 126)


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5 Gedanken zu „Der Leuchtturmwärter

  1. Lisa

    Hallo Sarah,

    ich habe mich in der Geschichte verloren. Wirklich wunderschön geworden. Danke für diese tolle Motivation immer dann für etwas zu kämpfen, wenn es einem wirklich wichtig ist. Bis zum Schluss.
    So schön.
    Außerdem will ich mal sagen, dass ich ein riesen Fan von dem bin was du tust. Einfach wundervoll. Ich mag deine Art, deine Bilder, wie du schreibst. Einfach toll.
    Hör nie auf und mach weiter so… ich liebe es.

    Liebe Grüße
    deine Lisa

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    1. GeschichtenimKopf

      Heeeeey liebe Lisa!!!

      Oh wow, ich muss sagen, dass ich wirklich sehr sehr gerührt bin, vielen lieben Dank für deine superlieben Worte!!! So was bestärkt mich natürlich und moriviert mich, immer weiter zu machen!! Es macht mich glücklich, dass ich mit meiner Schreiberei den ein oder anderen Menschen wie dich erreichen kann ❤️❤️❤️

      Liebe Grüße auch an dich und mach auch du immer so weiter!!!!! 💪🏼💪🏼💪🏼 😘
      Sarah

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  2. twistheadcats

    Hallo Sarah!
    Ich muss dir sagen, dass dies bisher mein absoluter Favorit unter all deinen Geschichten ist und du hast mich schon beim Vorwort gepackt mit der Aussage, dass du ein Faible für Leuchttürme hast 😀 du musst nämlich wissen, es gibt glaube ich keinen größeren Leuchtturm Junkie als mich😂
    Schön, dass du eine Geschichte dazu verfasst hast, die noch dazu ganz wunderbar ist❤️ Einfach top!

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

    Gefällt 1 Person

    1. GeschichtenimKopf

      Oh wow vielen Dank, liebe Kay!!!!! Das freut mich sooooo sehr!!!! ❤️❤️❤️

      Ja, Leuchttürme sind aber auch cool 😉 ich fand einfach, es war Zeit für eine Leuchtturmgeschichte auf meinem Blog 😅

      LG Sarah

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