Die Melodie, die ich (fast) vergaß

Ich bin jemand, dem unzählige Details oder Situationen in meiner Umgebung auffallen, die ich später fürs Schreiben sehr gut verwenden kann. Ich fotografiere sie, notiere oder halte sie einfach als Erinnerung fest. Wie auch folgende kurze „Begegnung“ in Venedig. Sekundenbegegnungen nenne ich solche Aufeinandertreffen, die –ja eben nur einige Sekunden dauern, aber in mir einen Eindruck hinterlassen. Als ich damals durch die Gassen schlenderte, konnte ich ein leises Singen vernehmen und entdeckte sofort ein blondes Mädchen an einem Fenster lehnend, welches sich in ihrer eigenen kleinen Welt verlor. Leider hörte sie zu singen auf, als sie sich von mir beobachtet fühlte. Und ich dachte: Was geht in dem Kopf eines Mädchens vor, die so verträumt und so wunderbar melancholisch vor sich hersingt? Welche Geschichte hätte sie wohl zu erzählen?

Der Himmel ist voller Wolken. Wann fängt es denn endlich an zu regnen? Schon seit ein paar Minuten stehe ich am Fenster und warte darauf, dass die ersten Tropfen fallen. Frischer Regen riecht so gut, ja das ist mein Lieblingsduft. Papa ist in der Küche und kocht. Er ist wieder sehr müde heute, das merke ich. Wahrscheinlich gibt es Suppe aus der Tüte, die geht schnell und schmeckt lecker, sagt er immer. Dann hat er auch wieder Zeit, schnell zur Arbeit zu fahren. Was ich heute mache, weiß ich noch nicht. Hausaufgaben machen… ganz schön viele habe ich heute zu erledigen. Und dann könnte ich mir die Bilder aus der Zeitung ausschneiden, die mir Tante Jo gebracht hat. Mein Zimmer ist fast ganz zugeklebt mit Bildern, aber ich finde es schön, wenn ich alles an den Wänden hängen habe, was mir gefällt. Und wenn ich es nicht mehr mag, dann mach ich es wieder runter. Papa schimpft manchmal mit mir, weil die Farbe etwas abblättert, aber was solls. Mich fragt ja auch nie jemand danach, was mir passt und was nicht. Warum muss man als Kind eigentlich ständig das tun, was einem die Großen sagen? Unfair. War das ein Regentropfen? Nein, hab mich getäuscht. Ich atme meinen Ärger hinaus und beobachte die Leute unten auf der Straße. Sie gehen an unserem hellblauen Haus vorbei und bewundern die weißen, abblätternden Fenster mit den violetten Jalousien und den kitschigen Blumen, um die sich Tante Jo immer kümmert. „Man soll ja auch sehen, dass eine junge Frau hier wohnt“, sagt sie dann mit keckem Lächeln, während sie mir zuzwinkert. Manche schießen Fotos von unserem Haus. Meistens die Touristen. Ich stehe oft hier am Fenster und schaue mir die vielen Menschen an. Junge, Alte, Lärm machende, Verliebte, schreiende Babys, verrückte Landstreicher und Touristengruppen, die einer lauten Frau mit Schirm hinterherrennen. Ich kenne sie alle. Kaum jemand hat Augen für mich, dem kleinen Mädchen am Fenster, das auch gerne öfters das Haus von außen sehen würde. Oder andere Häuser. Ich beginne die Melodie zu singen, von der ich nicht mehr weiß, welches Lied es ist. Nur eine Strophe kann ich noch auswendig. Papa sagt, dass Mama das Lied immer vor sich hingeträllert hat. Aber er kennt den Text nicht, weil er fast nie zuhause war und das Lied habe ihn eh bloß jedes Mal traurig gemacht. Ich summe die Melodie so lange bis der Teil kommt, den ich kenne.

Denn selten, aber manchmal, hab ich noch deine Lieder im Ohr,
wenn ich »selten« sage, mach ich mir manchmal wohl was vor.

Den Satz singe ich also lauter, immerhin hört mir keiner zu. Ich liebe es zu singen und stelle mir vor, wie ich auf einer kleinen Bühne stehe und im Publikum haufenweise Feuerzeuge angehen, um bei meinem Lied hin und her zu wiegen. Trotzdem halte ich mich zurück, ich will ja nicht, dass mich jemand hört. Zu spät. Die Frau, die da unten vorbeispaziert, schaut zu mir und lächelt mich an. Hat sie mich gehört? Ich verstumme und beobachte sie. Lacht sie mich aus? Hmm, sie scheint sich über mein Lied gefreut zu haben. Hat sie mich deshalb angelächelt? Das kann nicht sein. Papa unterbricht meine Musik fast immer. Er brauche Ruhe und dann verdreht er immer genervt die Augen. Ich glaube allerdings, dass mein Gesang ihn traurig macht und ihn an Mama erinnert. Ich denke gerne an sie, darum singe ich, auch wenn ich nicht mehr genau alles von dem Lied weiß. Nur den einen Satz. Lustigerweise passt er auch so gut. Die Frau auf der Straße lächelt mir noch immer zu und winkt ganz heimlich. Als ob das ein Geheimnis wäre zwischen ihr und mir. Ich winke nicht zurück, aber folge ihr in Gedanken um die Kurve. Sie biegt rechts ab, sodass ich sie nicht mehr sehen kann. Ich hätte zurückwinken können, das hätte ich wirklich. Papa hat mir beigebracht, freundlich zu den Menschen zu sein, auch zu denen, die ich nicht mag. Weil es sich so gehört. Und man dann auch gut behandelt wird, meistens jedenfalls. Ich weiß nicht, warum ich auf den Gruß dieser Frau nicht reagiert habe. Vielleicht weil mir zum ersten Mal seit Mamas Tod jemand beim Singen zugehört hat. Und ich mich geschämt habe und gefreut gleichzeitig. Keine Ahnung, wie ich manche Gefühle benennen soll. Wenn man so viel gleichzeitig spürt, ist das auch wirklich schwierig. Jedenfalls ist die Frau nun fort und ich stehe wieder hier für mich alleine am Fenster und summe die Melodie zu Ende, von der ich nicht mehr genau jeden Ton weiß. Ich habe Angst, sie mehr und mehr zu vergessen. Genau an dieser Stelle zum Beispiel… wie geht es da gleich nochmal weiter? Ich summe ein paar Versuche, die sich alle nicht richtig anhören. Mist. Papa ruft mich. Das Essen ist fertig. Ich schließe das Fenster, schlucke die letzten Töne runter und gehe zu ihm in die Küche. Und natürlich hatte ich Recht, es gibt wieder einmal Fertigsuppe.

Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Die original Liedzeile stammt übrigens aus dem Song „Selten aber manchmal“ von Dota, auf den ich mal ganz zufällig übers Internet gestoßen bin. 😉


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2 Gedanken zu „Die Melodie, die ich (fast) vergaß

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