Die rote Leine

Oft muss es nicht etwas Großes sein oder etwas Offensichtliches. Nichts besonders Spektakuläres oder gar Erwähnenswertes. Oft passiert etwas in uns und dieses Etwas – ganz gleich, was das sein mag- ändert alles. So wie beim Protagonisten meiner neuen Kurzgeschichte, auf die ich gekommen bin, als ich irgendwo folgenden Satz gelesen habe: „Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag“. Ein fantastischer Satz, fand ich, um eine Geschichte zu beginnen! Ich wollte nicht irgendein grauenhaftes Szenario schildern. Es gibt wahrlich genug davon. Wie gesagt, oft passieren ja auch (für einige Menschen) scheinbar banale und nicht nachvollziehbare Dinge, die die Welt auch an einem sonnigen Wochentag auf den Kopf stellen…

Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag. Eigentlich hatte sich seine Welt ja schon öfter verändert, aber dieses Mal hob sich von den anderen Malen ab. Es fühlte sich anders an. Er musste kurz auflachen, weil er es etwas absurd fand. Immerhin hatte er einen Krieg hinter sich, hatte seine Frau bereits vor 27 Jahren zu Grabe getragen und seinen Zwillingsbruder vor fünf Jahren. Mit seiner Frau bekam er niemals Kinder, obwohl sie es sich immer gewünscht hatten. Das alles waren einschneidende Erlebnisse. Erlebnisse, die ihn kurz oder länger einknicken, jedoch niemals aufgeben ließen. Die Narben hinterließen und sie waren allesamt schmerzhaft. Aber niemals hatte er sich so gefühlt wie in diesem Augenblick, als er auf dieser Bank saß, in einem Park nur eine Ecke weiter von der Tierarztpraxis entfernt, in der er gerade seinen Hund einschläfern lassen musste. Es mag schon sein, in den vergangenen eineinhalb Jahrzenten war er sein treuer Weggefährte gewesen, aber Himmel nochmal, es war ein Tier. Dessen Tod konnte doch niemals schlimmer sein, als das, was er schon alles durchgestanden hatte!

Und doch. Er saß auf dieser Parkbank zwischen einer hageren Birke und einem von Eisbechern und Papiertüten überfüllten Mülleimer und war wie gelähmt. Starrte durch seine dünne Brille geradeaus auf den Schotterweg, an dem Radfahrer und Rollschuhfahrer vorbeizogen. Leute, die Gassi gingen mit ihren Hunden. Weinende Kinder, die keine Lust auf Spaziergänge im Park hatten, mit Müttern, die die ersten sommerlichen Tage draußen eigentlich genießen wollten. Verliebte junge Leute, die turtelnd kicherten. Geschäftige Büroleute, die mit Handys am Ohr hektischen Schrittes voranschritten. Einige Senioren, wie er es war, die ihren Tag herumzukriegen versuchten. Sie alle gingen an ihm vorüber und hatten keine Augen für den alten Mann in der braunen Cordhose, dem Leinenhemd und der Weste, den Mann, der eine rote Hundeleine in seinen Händen festhielt und dessen Welt gerade zusammenbrach. Von den Büschen hinter ihm flatterten kleine weiße Blüten durch die Luft, einige verfingen sich in seinem ebenso weißen Haar. Er bemerkte es nicht. Auch nicht die zwei kleinen Spatzen, die neben seinen Füßen nach Krümel pickten. Er bemerkte auch nicht, dass es mittlerweile recht heiß geworden war und es eigentlich an der Zeit wäre, ein schattiges Plätzchen aufzusuchen und sich einiger Kleidung zu entledigen. Den Eiswagen, der an der Hauptstraße weiter hinten stehengeblieben war und der mit seiner schrillen Glocke seine Kunden anlocken wollte, vernahm er auch nicht. Er hörte weder den Wind noch die Hintergrundgeräusche der Stadt. Das einzige, was bis in sein Ohr drang, war das gleichmäßige Aufeinanderschlagen des Metallteiles der Hundeleine auf die Parkbank, da er sie dauernd hin und her schwingen ließ. Jack war tot, wie sollte er das verkraften? Der Köter war das einzige, was ihm in seinen alten Tagen noch Freude bereitete und ihm eine Aufgabe gab. Er musste sich um das Tier kümmern und das fand er wundervoll. Morgens raus, füttern, mittags nochmal raus, füttern, Mittagsschläfchen, nachmittags ein langer Spaziergang oder Erledigungen nachgehen. Abends heim. Baden. Alle zwei Tage. Jack war ein lebendiger Hund, sogar am Ende seiner Tage, ließ er es sich nicht nehmen, sich in Pfützen zu suhlen. „Mein kleines Schweinchen“, lachte sein Herrchen dann. Jetzt war das Schweinchen tot. Starb, während er gestreichelt und beruhigt wurde. Eigentlich schön. So wünscht es sich doch jeder zu sterben.

Sein Hund war nun nicht mehr da und er fragte sich unweigerlich: „Welche Aufgabe in meinem Leben habe ich jetzt noch? Nichts ist mir mehr geblieben. Alle, die mir jemals etwas bedeutet haben, sind nun fort. Manche schon so lange. Ist es wirklich schon so lange her, dass ich Maria das letzte Mal im Arm hielt? Wie schön sie war. Wie gut sie zu mir war. Mein Gott, was habe ich sie geliebt! Sie hat mich gerettet, damals. Hat mich aus meinen Alpträumen rausgeholt, die nicht einmal dann zu Ende waren, wenn ich aufgewacht bin. Maria hat mir den Glauben an das Gute zurückgegeben, nachdem ich monatelang mit dem Tod Händchen haltend durchs Kriegsgebiet gezogen bin. Wie viele Menschen habe ich sterben sehen? Dutzende. Hunderte.“ Ihm wurde bewusst, dass er all diese Menschen heute noch einmal sterben sah, als Jack die Augen für immer zugemacht hatte. Er sah all seine Kameraden verbluten und verrecken, sah seine Frau, wie der Krebs sie nach kurzem, aber qualvollen Kampf mit sich riss, spürte die Hand seines Zwillingsbruders Pete, wie diese an Kraft verlor und in seiner eigenen Hand zu Ruhe kam. Pete hatte mit ihm gemeinsam den kleinen Border Terrier im Tierheim abgeholt. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Nimm den da hinten, der hat dieselben gutmütigen Augen, wie sie Maria hatte“, schmunzelte Pete neckisch. „Du bist ein Idiot!“ antwortete sein Bruder. Aber ja, er hatte Recht gehabt. Jacks Wesen war dem seiner verstorbenen Ehefrau tatsächlich ähnlich, und so hatte er seit jenem Tag das Gefühl, ein Stück von Maria wieder bei sich zu haben. Und das war wundervoll.

„Wenn ich mir jetzt einen neuen Hund anschaffen würde, würde sich das überhaupt noch lohnen? Wer weiß, wie lange ich noch hier bin“, überlegte er sich, knäuelte die Hundeleine in seinen Händen zusammen und drehte sie herum. Eine Träne lief ihm über die Wange und malte anschließend einen kleinen Fleck auf seine Hose. Er stand auf, nahm seine Brille kurz ab und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Seit dem Krieg hatte er nicht mehr geweint. Aber dieser Dienstagnachmittag veränderte alles in seinem Leben. Nicht bloß, weil sein Hund gestorben war, nein. Weil sich in ihm alles veränderte. Weil er zum ersten Mal sein gesamtes, langes Leben in dem einen treuen Lebewesen sah, das heute auf dem OP- Tisch seinen letzten Atemzug gemacht hatte. Nun wusste er, dass genau das, was er sein Leben lang als Fluch angesehen hatte, nämlich, dass alle ihm wichtigen Personen um ihn herum regelrecht „wegstarben“ und er ihnen in diesem Moment der Stille beistand, dass genau dies seine Aufgabe auf der Welt war. Und ja, er war stark genug dafür gewesen. Hatte immer weitergemacht, nach vorne geblickt. Mit dem heutigen Tag, so beschloss er, war allerdings genug. Weil er wusste, dass er in seinem Leben alles vollendet hatte. Er hatte alle, die er jemals in sein Herz schloss, bis zum Schluss begleitet.

Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Die Welt drehte sich weiter. Auch ohne die, die sie verlassen hatten. Und ohne die, die sie bald verlassen würden. Er legte die rote Leine über die Parkbank, glitt mit seinem Daumen noch einmal über sie und nahm Abschied. Ging langsamen Schrittes Richtung Hauptstraße. Sein Name war übrigens Kai und er war- wie die Bedeutung seines Namens erahnen ließ- ein Kämpfer. Bis zum Schluss.


Dir gefällt, was du liest? Ein „Gefällt mir“, ein Kommentar oder das Teilen meiner Beiträge auf den Social Media- Kanälen ist dein Geschenk an mich und meine Arbeit! ☺️

3 Gedanken zu „Die rote Leine

  1. danyalacarte

    Was für eine traurige aber dennoch schöne Geschichte. Und es ist wahr, wenn alte Menschen keine Aufgabe mehr haben, wofür lohnt es sich dann noch zu bleiben. Ich möchte mir nicht ausmalen wie es mir an dieser Stelle gehen würde. Und dann muss ich an meinen Opa denken. Alle anderen sind schön gegangen nur er ist noch da und die jüngere Generation. Er ist so oft allein. Aber einen alten Baum pflanzt man nicht um.

    Liebst deine Dany von danyalacarte.de

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s