Die rote Leine

Oft passiert etwas in uns und dieses Etwas – ganz gleich, was das sein mag – ändert alles. So wie beim Protagonisten meiner neuen Kurzgeschichte, auf die ich gekommen bin, als ich irgendwo folgenden Satz gelesen habe: „Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag.“ Ein fantastischer Satz um eine Geschichte darum zu weben.

Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag. Eigentlich hatte sich seine Welt ja schon oft verändert, aber dieses Mal hob sich von den anderen Malen ab. Es fühlte sich anders an. Er musste schmunzeln, weil er es absurd fand. Immerhin hatte er einen Krieg hinter sich, hatte seine Frau bereits vor 27 Jahren zu Grabe getragen und seinen Zwillingsbruder vor fünf Jahren. Mit seiner Frau bekam er niemals Kinder, obwohl sie es sich immer gewünscht hatten. Das alles waren einschneidende Erlebnisse. Erlebnisse, die ihn auf kurze oder längere Sicht einknicken, doch niemals aufgeben ließen. Jedoch hatte er sich niemals so einsam gefühlt wie in diesem Augenblick, als er auf dieser Bank saß, in einem Park nur eine Ecke weit von der Tierarztpraxis entfernt, in der er gerade seinen Hund einschläfern lassen musste. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten war er sein treuer Weggefährte gewesen, aber Himmel nochmal, es war ein Tier. Sein Tod konnte doch niemals schlimmer sein, als das, was er schon alles durchgestanden hatte!

Und doch. Er saß auf dieser Parkbank zwischen einer hageren Birke und einem von Eisbechern und Papiertüten überfüllten Mülleimer und war wie gelähmt. Starrte durch seine dünne Brille geradeaus auf den Schotterweg, an dem Radfahrer und Rollschuhfahrer vorbeizogen. Leute, die Gassi gingen mit ihren Hunden. Weinende Kinder, die keine Lust auf Spaziergänge im Park hatten, mit ihren Müttern, die die ersten sommerlichen Tage draußen eigentlich genießen wollten. Verliebte, junge Leute, die turtelnd kicherten. Geschäftige Anzugträger, die mit Handys am Ohr hektischen Schrittes voranschritten. Einige Senioren, wie er es war, die ihren Tag herumzukriegen versuchten. Sie alle gingen an ihm vorüber und hatten keine Augen für den alten Mann in der braunen Cordhose, dem Leinenhemd und der Weste. Den Mann, der eine rote Hundeleine in seinen Händen festhielt und dessen Welt gerade zusammenbrach. Von den Büschen hinter ihm flatterten kleine weiße Blüten durch die Luft, einige verfingen sich in seinem ebenso weißen Haar. Er bemerkte es nicht. Er bemerkte auch nicht die zwei kleinen Spatzen, die neben seinen Füßen nach Krümel pickten. Den Eiswagen, der an der Hauptstraße weiter hinten stehengeblieben war und mit seiner schrillen Glocke Kunden anlocken wollte, vernahm er auch nicht. Er hörte weder den Wind noch die Hintergrundgeräusche der Stadt. Das einzige, was bis in sein Ohr drang, war das gleichmäßige Aneinanderschlagen der Hundeleine auf die Parkbank.
Der Köter war das einzige, was ihm in seinen alten Tagen noch Freude bereitete und ihm eine Aufgabe gab. Er musste sich um das Tier kümmern und das fand er wundervoll. Morgens raus, füttern, mittags nochmal raus, füttern, Mittagsschläfchen, nachmittags ein langer Spaziergang oder Erledigungen nachgehen. Abends heim. Baden. Alle zwei Tage. Jack war ein lebendiger Hund, sogar am Ende seiner Tage, ließ er es sich nicht nehmen, sich in Pfützen zu suhlen. „Mein kleines Schweinchen“, lachte sein Herrchen dann. Jetzt war das Schweinchen tot. Starb, während er gestreichelt und beruhigt wurde. Eigentlich schön. So wünscht es sich doch jeder zu sterben.

Der Alte fragte sich: „Welche Aufgabe in meinem Leben habe ich jetzt noch? Nichts ist mir mehr geblieben. Alle, die mir jemals etwas bedeutet haben, sind nun fort. Ist es wirklich schon so lange her, dass ich Maria das letzte Mal im Arm hielt? Wie schön sie war. Wie gut sie zu mir war. Mein Gott, was habe ich sie geliebt! Sie hat mich gerettet, damals. Hat mich aus meinen Alpträumen rausgeholt, die nicht einmal dann zu Ende waren, als ich aufgewacht bin. Maria hat mir den Glauben an das Gute zurückgegeben, nachdem ich monatelang Händchen haltend mit der Angst durchs Kriegsgebiet gezogen bin. Wie viele Menschen habe ich sterben sehen? Dutzende. Hunderte.“ Ihm wurde bewusst, dass er all diese Menschen heute noch einmal sterben sah, in dem Moment, als Jack die Augen für immer zugemacht hatte. Er sah seine Kameraden verrecken, sah seine Frau, wie der Krebs sie nach kurzem, aber qualvollen Kampf mit sich riss, spürte die dahinschwindende Hand seines Zwillingsbruders Pete. Mit ihm hatte der Alte damals den kleinen Border Terrier im Tierheim abgeholt. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Nimm den da hinten, der hat dieselben gutmütigen Augen, wie sie Maria hatte“, schmunzelte Pete neckisch. Und ja, er hatte Recht gehabt. Jacks Wesen war dem seiner verstorbenen Ehefrau ähnlich, und so hatte er seit jenem Tag das Gefühl, ein Stück von Maria wieder bei sich zu haben. Und das war wundervoll.

Eine Träne lief ihm über die Wange und malte anschließend einen kleinen Fleck auf seine Hose. Er stand auf, nahm seine Brille kurz ab und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Seit dem Krieg hatte er nicht mehr geweint. Aber dieser Dienstagnachmittag veränderte alles in seinem Leben. Nicht bloß, weil sein Hund gestorben war, nein. Weil sich in ihm alles veränderte. Weil er zum ersten Mal sein langes Leben in dem einen treuen Lebewesen sah, das heute auf dem OP- Tisch seinen letzten Atemzug getan hatte. Nun wusste er, dass genau das, was er sein Leben lang als Fluch angesehen hatte, nämlich, dass er allen ihm wichtigen Personen im Moment der Stille beistand, seine Aufgabe auf der Welt war. Und ja, er war stark genug dafür gewesen. Hatte immer weitergemacht, nach vorne geblickt. Mit dem heutigen Tag, so beschloss er, war allerdings genug. Er hatte alle, die er jemals in sein Herz schloss, bis an ihr Ende begleitet.

Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Die Welt drehte sich weiter. Auch ohne die, die sie verlassen hatten. Und ohne die, die sie bald verlassen würden. Der alte Mann legte die rote Leine über die Parkbank, glitt mit seinem Daumen noch einmal darüber und nahm Abschied. Ging langsamen Schrittes Richtung Hauptstraße. Sein Name war übrigens Kai und er war – wie die Bedeutung seines Namens erahnen ließ – ein Kämpfer. Bis zum Schluss.


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3 Gedanken zu „Die rote Leine

  1. danyalacarte

    Was für eine traurige aber dennoch schöne Geschichte. Und es ist wahr, wenn alte Menschen keine Aufgabe mehr haben, wofür lohnt es sich dann noch zu bleiben. Ich möchte mir nicht ausmalen wie es mir an dieser Stelle gehen würde. Und dann muss ich an meinen Opa denken. Alle anderen sind schön gegangen nur er ist noch da und die jüngere Generation. Er ist so oft allein. Aber einen alten Baum pflanzt man nicht um.

    Liebst deine Dany von danyalacarte.de

    Gefällt 1 Person

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