Die Bestie, ihr Begleiter

Es schien, als ob lautlose Schritte über den Asphalt huschten. In Wirklichkeit waren es insgesamt sechs Beine, die die breite, menschenleere Straße entlang liefen. Zwei von ihnen allerdings, es waren die Kinderbeine eines Mädchens, glaubten alleine ihren Weg zu gehen. Unangestrengt, leichtfüßig. Sie bemerkten die anderen gar nicht und darum gingen sie genauso wie sie es wollten. In ihrem Tempo. Fröhlich, unbeirrt, erwartungsvoll.

Viele viele Jahre war der Weg der Leichtfüßigen derselbe. Mal hatten sie laute Menschen an ihrer Seite, mal leise, mal welche, die viele Kilometer mit ihr gingen, manche blieben nur kurz bei ihr, andere blieben immer da. Aber wie es nun mal so ist, auf diesem langen Weg des Lebens, hat man ihn am Ende doch irgendwie alleine zu bewältigen. Auch der des Mädchens war manchmal anstrengend, steinig und steil und umständlich zu begehen, aber sie meisterte ihn mit Bravour, Optimismus und kindlicher Unbekümmertheit. Jeden einzelnen Meter davon. Und so war sie immer schwebend und es war tatsächlich so, dass man sie kaum vernehmen konnte, diese leichtfüßigen Kinderbeine jenes Mädchens, das noch nicht wusste, wie stark sie war.

Nein, dies ist keine übliche Geschichte, wie man sie so kennt. Sie ist anders. Vielleicht eine Art Märchen über das Davor und Danach, das ständig wiederkehrte. Oder über zwei Freunde, die eigentlich keine waren. Kompliziert? Ist es auch. Denn wie wir zu Beginn gehört haben, folgten unseren zwei Beinen ja noch vier weitere, die die Leichtfüßige nicht bemerkte. Das hatte einen besonderen Grund: Man konnte sie nicht wirklich sehen. Aber sie gehörten einem wilden Tier, das mal zahm und umgänglich, aber auch ungestüm und grausam werden konnte. Es zerfleischte einen und riss einen in tausend Stücke, bevor es dann zum besten Freund werden konnte. Was bis heute niemand weiß, aber irgendwie doch, ist, dass jedem von uns so ein Tier gewissermaßen innewohnt oder zumindest im eigenen Schatten begleitet. Es gehört dazu. Zum Leben meine ich; jemand anderes traf die Wahl diesbezüglich, nicht wir. So kann man sagen, dass dieses Tier auch der einzige treue Begleiter unserer Leichtfüßigen war. Ihr war der beharrliche Weggefährte lange Zeit egal, da es das unsichtbare Vieh nie so richtig bemerkte. Aber irgendwann fletschte es dann doch seine Zähne. Und die Leichtfüßige erschrak sich vor dem blutrünstigen Maul, das ihren Weg, den sie so lange ja beinahe schwebend beschritten hatte, in tausend Stücke riss. Der Asphalt brach auf, verschlang alles Grüne und Blühende, das am Wegesrand aus der Erde sprießte und die Straße glich mehr und mehr einem Trümmerhaufen, von dem unsere leichtfüßigen Kinderbeine nicht mehr herauskommen vermochten. Plötzlich knirschte und knackste es unter ihren Fußsohlen und die Leichtfüßige wusste gar nicht mehr wohin mit den vielen Eindrücken. Mit dem Chaos vor ihren Augen, dem Lärm unter ihren Beinen und dem Schmerz in ihrem Inneren. Sie weinte und die Menschen um sie herum, die ihr Leben lang nichts anders versuchten, als das Mädchen zu beschützen, taten sich selbst schwer, es in diesem Durcheinander zu tragen, denn sie wollten es doch verhindern. Aber manchmal verlief das Leben leider anders, als sie es sich vorgestellt oder gar erträumt hatten. Leider schafften sie es nicht, obwohl sie es gerne durchgestanden hätten. Leider waren manch ihrer Versuche vergebens und Kämpfe umsonst gefochten. Dann hieß es, in das blutrünstige Maul hinein zu starren und ihm zu trotzen. Die um sich schlagenden Beine des Vieches abzuwehren, so gut es eben ging. So lange, bis sich das Maul wieder schloss und die Pfoten sich wieder beruhigten und den Boden feste berührten. Sie sich wieder dem Tempo des Mädchens anpassten und die Beschützer fast genauso beruhigt loslassen konnten. Und siehe da, die Leichtfüßige zog weiter. Sie hatte einige Schrammen abbekommen und ja, womöglich auch tiefsitzende Narben, aber sie war noch da, und sie schritt voran.

Nein, die Geschichte ist mit diesem plötzlich auftretenden Ereignis und dessen Ende selbst nicht zu Ende, und es gibt auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne. Denn das Ende dieses einen Ereignisses bedeutete nicht, dass das launische Tier nun seine Ruhe gab, bei weitem nicht. Je weiter die Leichtfüßige voranschritt, wohlbemerkt immer unter den schützenden Händen der sie umgebenden Menschen, desto öfter und desto brutaler schlug die Bestie zu. Biss sie hier, zerrte an ihr dort und versuchte sie in das Loch zu reißen, das sich immer von Neuem auftat. Aber irgendwie schaffte es das leichtfüßige Mädchen, das irgendwann kein Kind mehr war, dem immer wieder zu entkommen. Und so kam es, dass die Leichtfüßige zu ihrem zwielichtigen Begleiter eine seltsame Beziehung aufbaute. Sie verabscheute das Tier an ihrer Seite und liebte es. Sie hielt Ausschau nach ihm und fürchtete sich gleichzeitig vor seiner Rückkehr. Sie verachtete es und verehrte es zur gleichen Zeit. Es war ihr schlimmster Feind und doch ihr verlässlichster Freund.

Einmal, als der Weg der Leichtfüßigen sie auf einen wiesenbehangenen Hügel mit einigen großen Bäumen führte und es ein dunkler Tag voller Wolken und Regen war, kam es zu einem heftigen Kampf zwischen ihr und dem Vieh. Noch nie zuvor hatte die Leichtfüßige dermaßen Widerstand leisten müssen. Aber  auch dieses Mal  ließ sie sich nicht unterkriegen. Als sich die Bestie endlich wieder beruhigt hatte und selbst müde war von dem Unfrieden, den es wieder einmal gestiftet hatte, suchte es Schutz unter einer Baumkrone und sollte eigentlich wieder dabei sein unsichtbar zu werden. Aber irgendetwas war nach diesem letzten Angriff anders und aus irgendeinem Grund konnte die Leichtfüßige ihn zum ersten Mal richtig sehen. Sie wusste nicht ganz, was sie von der erschöpften Bestie halten sollte, das sich wieder einmal die Zähne an ihr ausgebissen hatte und wusste auch nicht, ob sie etwas zu ihr sagen sollte. Also setzte sich die Leichtfüßige unter einen zweiten Baum und wartete. Beobachtete ihren langjährigen Begleiter, der sie so oft verletzt, aber gleichzeitig dermaßen stark gemacht hatte. Sie starrten sich an, die Leichtfüßige und ihr Begleiter und es geschah in diesem Moment nichts weiter, als dass die Erde sich um sie herum weiterdrehte, der Regen vom Himmel fiel und das Gras auf dem Hügel nass und nasser wurde. Nach einigen Minuten erhob sich die Leichtfüßige, ging zum anderen Baum und legte ihre Hand behutsam auf die Wange des Tieres. „Jetzt geh ich meinen Weg einmal ohne dich“, flüsterte sie ihm zu und dessen erschöpften, aber treuen Augen verrieten ihr, dass ihr Begleiter sie ziehen lassen, aber eines Tages ganz bestimmt wieder an ihrer Seite laufen würde. Weil er in ihrem Schatten wohnte. Und das war nun mal nicht ihre Wahl.


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3 Gedanken zu „Die Bestie, ihr Begleiter

  1. lunaewunia

    Ich habe gefesselt an den Zeilen gehangen und wurde ganz tief in mir berührt… So eine liebevolle Beschreibung… Ich möchte gern Worte dafür finden, doch kann es nicht… Ich danke dir!

    Gefällt 1 Person

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