Der Sternenzähler

Millionen Lichtjahre hatte er bereits auf dem Buckel, wobei man fairerweise erwähnen muss, dass der Buckel des Sternenzählers freilich nicht der allergrößte war. Ganz im Gegenteil, es gab wohl nicht viele auf zwei Beinen laufende Lebewesen im Universum, die von solch geringer Größe, aber dermaßen gewaltiger Intelligenz ausgestattet waren. Skurril trifft es als Wort wohl am ehesten, um den kleinen, ziemlich blassen Lockenkopf mit den langgliedrigen Fingern zu beschreiben. Sein violettes Haar und seine zierliche Erscheinung ließen den Sternenzähler kindlicher und unbeholfener erscheinen, als er es tatsächlich war. Sein Verstand war geradezu grandios- aber wer einen jeden Gesteinsbrocken, einen jeden Planten, alle schwarzen Löcher und so weiter und so fort in Milchstraße und Umgebung beziffern, benennen und katalogisieren musste, musste das auch sein: Klug, rational und durchstrukturiert- vom kleinsten der jeweils vier Zehen bis hin zur obersten abstehenden Locke.

Die Landung auf dem Planeten Erde war nicht ganz so glimpflich verlaufen, wie es sich der Sternenzähler erhofft hatte. Im Grunde wollte er gar nicht hierher fliegen. Man erzählte sich im All viel Schlechtes über die Erde. Es waren wohl Kreaturen zugegen, die es mit ihrem eigenen Zuhause nicht sonderlich gut meinten. „Idioten“, murmelte der Sternenzähler vor sich hin, als er sein bescheidenes, aber seit Jahrtausenden voll funktionstüchtiges Raumschiff mitten in einem Friedhof an abgesägten Bäumen zerschmettert hatte. Welche Lebewesen rodeten ihre eigenen Wälder dermaßen ab? Die Gerüchte schienen wahr zu sein. Er hätte es besser wissen und eine andere Möglichkeit suchen sollen, die Sterne zu zählen. Aber- so sagte man ihm- auf dem Erdplaneten gab es die allerbeste Aussicht auf den Sternenhimmel und von hier aus fiel das Zählen um einiges leichter. Aber der einfachste Weg war nicht immer auch der richtige, fand der Sternenzähler und er wünschte sich, es wäre anders gelaufen, während er sein kaputtes Flugobjekt untersuchte. Einfach würde das hier definitiv nicht werden… Es würde Tage dauern, es zu reparieren! Und dann noch gleichzeitig Zählen! Wie sollte er das nur schaffen? Seine bisherigen Aufträge waren allesamt einfacher und vor allem unkomplizierter verlaufen. Es gab nichts, was in ihrer Menge umfangreicher war als die funkelnden Gaskörper, schließlich gab es nicht nur ein paar hunderte von ihnen. Dass es irgendwann zu dieser Herausforderung kam, wusste der Sternenzähler- nicht umsonst trug er diesen Namen. Es sollte seine letzte Aufgabe sein, bevor er sich zur Ruhe setzte.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch einige Stunden und so hatte der Sternenzähler genügend Zeit, um sich etwas umzusehen und vor allem zuzusehen, den Motor seines Flugobjektes wieder zum Laufen zu bringen. Es schien nicht wirklich etwas Brauchbares in der Nähe zu geben, was er zur Reparatur hätte verwenden können. Also kramte er in seinen eigenen Sachen, um dann-  mehr oder weniger erfolgreich- mit einem alten, verrosteten Schraubenschlüssel herumzuhantieren. Plötzlich machte der Motor ein lautes Geräusch und dicke Rauchschwaden schossen heraus, was unseren Sternenzähler abrupt zum Keuchen und Husten und Fluchen brachte.

Lautes Gelächter ertönte auf einmal neben ihm. Der Sternenzähler hatte große Schwierigkeiten, durch den Rauch hindurch die Gestalt zu erkennen, welche ihn hämisch auslachte. Da waren lange Arme und Beine und ein scheinbar endloser Schwanz, der sich ununterbrochen hin und her bewegte. „Wer bist du?“, fragte der Sternenzähler röchelnd. „Ich kann dich nicht erkennen durch all den Rauch.“ Erst als dieser etwas verpufft war, konnte er ihn ausmachen. Den schadenfrohen, gelbgrauen Affen, der sich nun endlich beruhigte und sich auf einen der abgesägten Baumstämme hinhockte und den Fremden mit dem eigenartigen Fortbewegungsmittel neugierig observierte.

„Ich weiß zwar nicht, was das für ein Ding da ist, aber es scheint Schrott zu sein, würde ich sagen. Definitiv“, kicherte der Affe und kratzte sich dabei am Arm. „Ich bin ein Spinnenaffe und wohne da hinten mit den anderen, wo die Bäume noch ganz sind. Wir arbeiten für die Menschen, die unseren Wald roden, damit sie uns ein paar Quadratmeter Wald übrig lassen, das haben sie uns versprochen. Wir arbeiten an ihren Maschinen, mit denen sie die Bäume abholzen. Verrückt oder? Aber sind nicht mehr so viele. Von den Spinnenaffen, meine ich. Und von den Bäumen. Alles wird weniger und weniger.“ Der Spinnenaffe machte ein betrübtes Gesicht. „Aber du bist jetzt ja dazugekommen“, lachte er nach einer kurzen Pause. Der Sternenzähler war etwas verwirrt von dem widersprüchlichen Tier, das offensichtlich sehr erfreut war, ihn zu sehen. Naja, war wohl nicht verwunderlich. Wenn die Welt um einen herum verschwindet, ist es hoffnungsgebend, wenn jemand Neues ins Leben tritt. Also versuchte der Sternenzähler freundlich zu sein, auch wenn er gerade nicht in der Stimmung dazu war. „Nun, womöglich bräuchte ich deine Hilfe. Weißt du, ich bin der Sternenzähler und mein Raumschiff hat die Landung auf deinem Planeten nicht gut überstanden. Vielleicht kannst du mir helfen, es zu reparieren. Ich bin nämlich hier, um die Sterne zu zählen und beides gleichzeitig schaffe ich wohl nicht.“ „Zählen kannst du?“, fragte der Spinnenaffe erstaunt. „Und auch noch so weit wie es Sterne gibt? Das kann ich nicht glauben! Ich kann nicht mal bis… ähm bis…“ Das Tier hielt drei seiner Finger hoch.„…drei zählen?“, führte der Sternenzähler den Satz des Spinnenaffen zu Ende. Das Tier lächelte und bestaunte den merkwürdigen kleinen Mann mit dem ungewöhnlichen Aussehen, der irgendwann vorschlug: „Weißt du was, ich helfe dir dabei, zählen zu lernen und du hilfst mir dabei, das Ding hier wieder zum Fliegen zu bringen. So profitiert ein jeder vom Können des anderen!“ Der Spinnenaffe war so aufgeregt und begeistert von besagter Idee, dass er erst mal seinen schlaksigen Affenkörper eine Runde auf den noch vorhandenen Bäumen schwingen lassen musste und wie wild herumschrie. Prompt zweifelte der Sternenzähler an der Abmachung, die er dem Tier gegeben hatte, aber es war vermutlich die einzige Möglichkeit, von diesem schrecklichen Planeten mit seinen verrückten Bewohnern wieder wegzukommen. Und er konnte sich aufs Sternenzählen konzentrieren, sofern der naive Affe nicht völlig seine Aufmerksamkeit einforderte.

Sie arbeiteten nachts. Der Sternenzähler setzte sich mit seinem dicken schwarzen Notizbuch und seinem goldenen Füller auf einen großen, fein säuberlich abgesägten Baumstumpf und ging endlich seiner eigentlichen Bestimmung nach, während der Spinnenaffe weiter hinten am Flugobjekt herumwerkelte, ohne seinen neuen Freund beim Zählen und Festhalten der glitzernden Himmelspunkte zu stören. Nichts desto trotz ließ er es sich nicht nehmen, immer wieder mal zu lauschen und fasziniert hinzusehen, wie der kleine Mann aus dem fernen All seine Arbeit verrichtete. Konzentriert und eifrig sprang dessen Zeigefinger in der Luft von einem Stern zum nächsten- so sah es zumindest aus der Perspektive des Affen aus. Der Sternenzähler wisperte dabei unverständlich vor sich her, nur zwischendurch konnte der Spinnenaffe seltsame Zahlen vernehmen, von denen er noch nie gehört hatte. Irgendwas mit „Quadrillionen“ und einmal erhaschte er gar das Wort „Septilliarde“ und gebannt vom meditativen Zählen vergaß das Tier immer wieder für einige Minuten das Raumschiff.  Sobald der Himmel sich erhellte und die Sterne in ihm verblassten, legten die zwei sich bis vor kurzem noch Fremden für einige Stunden zum Schlafen hin. Tagsüber erteilte der Sternenzähler dem Affen mathematische Lektionen und sie stärkten sich mit Früchten, welche dieser aus dem tiefen Dschungel besorgte. Fünf Tage und fünf Nächte lang zog sich ihre Übereinkunft hin und in der sechsten Nacht wurde der Spinnenaffe mit dem Raumschiff schließlich fertig. Der Sternenzähler, der noch völlig vertieft seine Arbeit zu Ende führte, merkte nicht, dass der Affe sich zu ihm setzte und ihn wieder einmal beim Sternenzählen beobachtete. Zutiefst beeindruckt war der Spinnenaffe vom Können seines neuen Freundes und er lächelte ihm zu, als dieser endlich den Blick von seinem schweren Notizbuch löste. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung war nun auch der Sternenfänger vom Spinnenaffen positiv angetan. Von seinen gutmütigen, huldigen und dankbaren Augen und ja, von der plötzlichen Ruhe, die er so von dem Tier noch nicht kannte. Die Aufgabe der letzten Tage schienen ihm gut zu tun und überraschenderweise spürte auch der Sternenfänger in sich selbst eine Veränderung. Eine Gelassenheit, die er- wie er nun bemerkte- schon lange nicht mehr in sich trug, legte sich wohlwollend wie ein Seidentuch über ihn. Wie konnte das nur geschehen? Wie konnten Dringlichkeit und Arbeit ihn dermaßen vom Wesentlichen ablenken?

„Es stimmt, was man sich erzählt“, sagte der Sternenzähler schließlich mit ruhiger Stimme. „Das Firmament ist von diesem Planeten aus tatsächlich am allerschönsten zu betrachten. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon viele Orte bereist in meinem langen, langen Leben.“ Der Spinnenaffe, überrascht und erfreut über diese Worte, entgegnete: „Vielleicht haben wir es uns verdient, ihn auch mal zu genießen. Komm, lass uns einfach die Beine hochlegen und lassen wir das Naturspektakel, das sich Sternenhimmel nennt, auf uns wirken.“ Der Sternenfänger hatte seine Lebensaufgabe beendet, alle Sterne waren gezählt. Warum also nicht? Die beiden ungleichen Freunde legten sich nebeneinander ins kühle Gras und schauten nach oben. Auf diese riesige schwarze Fläche mit den weiß leuchtenden Punkten. Keiner gleich wie der andere. Ein jeder für sich und doch einer von vielen. Der Spinnenaffe begann eine Melodie zu summen und der Sternenzähler merkte, wie dankbar das Tier für diesen Moment war, einen Augenblick, der ihn- wenn auch flüchtig- aus seiner ausweglosen Situation rausholte. Auch wenn die Welt um sie herum erloschen schien, der Anblick des gewaltigen Sternenzeltes ließ all ihr Sorgen schrumpfen. Auch der Sternenfänger spürte sie. Diese Zufriedenheit, von der alle immerzu sprachen und die der Himmel ihm nun schenkte. Oft schon war er ihn auf und ab geflogen, hatte in ihm gewohnt und so oft hatte er ihn schon betrachtet, und doch sah der Sternenfänger ihn nun zum ersten Mal wirklich. Fühlte ihn. Nach Abertausenden von Jahren.


Dir gefällt, was du liest? Ein „Gefällt mir“, ein Kommentar oder das Teilen meiner Beiträge auf den Social Media- Kanälen ist dein Geschenk an mich und meine Arbeit! ☺️

8 Gedanken zu „Der Sternenzähler

      1. Jakob

        Da hast du recht. Dennoch, auch gute Enden können traurig sein, wenn man bedenkt, wie wenig im wahren Leben wirklich so endet wie in der Geschichte. Man sollte das Leben an sich viel mehr schätzen, und auch Niederlagen als einen Sieg betrachten können.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s