Die Humbeck-Frage

Gedanken einer Egoistin

„Wenn Sie prozentuell ausdrücken müssten, wie authentisch Sie in ihrem Leben sind, welche Zahl wäre das?“

Die Frage ging mir nicht mehr aus dem Kopf, seit Frau Humbeck sie mir gestern gestellt hatte. Gestern war noch gestern und die alte Frau noch voll da. Aber der Körper zog über Nacht ruckartig an dem, was ihr Wesen ausmachte und heute lag sie da, in den letzten Stunden scheinbar zehn Jahre gealtert und kleiner als sie bisher wirkte. So war das immer mit den sterbenden Menschen. Am Ende liefen sie ein wie ein Wollpullover, der zu heiß gewaschen wurde. Ich wusste, dass dies kein besonders schöner Vergleich war, aber ich fand, ich durfte solche abstrusen Gedanken haben, immerhin hielt ich seit Jahren die Hände dieser schrumpfenden Menschen. Viele meiner Mitmenschen bewunderten mein Volontariat, verstanden gleichzeitig aber nicht – aus Angst vor dem Tod – wie ich dieses betreiben konnte. Wie das so war, wollten sie ständig wissen und was ich mit den Leuten redete. Nun, ich hörte ihnen zu, wenn sie ihr Leben beklagten oder darüber schwärmten, wenn sie das Großartige nochmal aufleben ließen oder auch das Bedrückende. Es gab Sterbende, die ständig über den Tod reden wollten, andere schoben ihn bis zuletzt beiseite. Manchmal erzählte ich ihnen von meinem Tag, meiner Arbeit in der Bank und dem unerfüllten Traum, mit Kunst mein Geld zu verdienen. Von meinem Verlobten Finn, den Kindern und dem Leben zu Hause. Auch sterbende Menschen waren neugierig, fast so, als ob sie Klatsch und Tratsch etwas länger vom großen Ganzen zehren ließen. Oft las ich ihnen Passagen aus meinen Lieblingsromanen vor, selten den ganzen Wälzer – meist bekamen wir es zeitlich einfach nicht mehr hin. Gedichte funktionierten daher ganz gut. Kurzgeschichten, lyrische Texte, so was eben.  Ich für meinen Teil mochte nicht irgendwann alleine sterben und wenn ich in den letzten Stunden auf dem Erdenball noch einmal den Jüngling in Schillers „Taucher“ untergehen hören wollte, dann sollte mir verdammt noch mal jemand die deprimierende Ballade vorlesen. Und wenn es eine fremde Frau war, die das machte,  na und? Am Ende zählte es doch nur, nicht alleine zu sein.

Wann immer eine Begleitung ihr Ende fand, breitete sich in mir ein eigenartiges Gefühl der Stille aus. Ich machte es mir zum Ritual bei einem Spaziergang eine Zigarette zu rauchen, um mich in Gedanken zu verabschieden. Beim Ausatmen des Rauches merkte ich stets, wie all meine Emotionen mit rausströmten. Das half mir üblicherweise dabei, den Anblick eingelaufener Wollpullis loszuwerden oder mich nach dem Sex mit Männern zu entspannen, die nicht mein Verlobter waren.

Am Geländer unten am Fluss löschte ich meine Frau Humbeck-Zigarette aus und merkte sofort, dass es damit dieses Mal nicht getan war. Ich musste gestehen, dass ich den alten kratzigen Wollpullover so gar nicht leiden konnte, aber irgendwie faszinierte mich die Frau, die darauf bestand, dass ich sie auf ihrem Sterbensweg begleitete, obwohl ich andachte, sie meiner Kollegin abzutreten. „Ich finde es für Ihren letzten Gang wichtig, dass Sie jemanden an ihrer Seite haben, mit dem Sie ganz auf einer Wellenlänge sind“, hatte ich der garstigen Lady, deren Sympathie umgekehrt auch nicht gerade groß war, nach dem dritten Treffen sachlich mitgeteilt. Nicht gerechnet hatte ich mit folgender Antwort: „Mein Leben lang hatte ich nur Leute um mich herum, die mir in den Hintern gekrochen sind. Nicht weil sie mich mochten, nein – ich weiß, ich bin keine Person, die man sonderlich mag – sondern weil ich vermögend war und Einfluss hatte. Scheiße, was? Geld wie Heu, eine Klappe wie zwanzig besoffene Männer in der Kneipe, aber am Ende klein wie ein Wurm und mutterseelenallein.“ Seit jenem Tag war ich auf seltsame Weise angetan von Frau Humbeck. Zwar konnte ich sie noch immer nicht leiden, aber ich fand sie authentisch. Sie machte keinen Hehl daraus, unsympathisch, unfreundlich und grob zu sein und das machte sie wiederum zu einer echt geilen Sterbenden.

„Wenn Sie prozentuell ausdrücken müssten, wie authentisch Sie in ihrem Leben sind, welche Zahl wäre das?“ Einer ihrer letzten Sätze war genau dieser. Ich wünschte, ich könnte behaupten, es sei ihr allerletzter gewesen, aber nein: „Diesen Scheiß Fraß würge ich nicht hinunter! Herrgott nochmal, muss man denn in der Todeszelle sitzen, um etwas Schmackhaftes zu bekommen?“ Ich war froh, dass sie keine weiteren philosophische Anflüge kurz vor der Ziellinie hatte, aber ganz ehrlich: Die Authentizitäts-Frage beschäftigte mich und ließ sich auch nicht mit der zweiten Zigarette ausräuchern. Also ja, das Ding mit dem Tod, das war ich zu 100%. Düster, aber sozial. Was war mit den anderen Teilen meines Lebens? Ich war irgendwie unruhig und wollte noch nicht nach Hause. Also rief ich Jakob an, um noch mit ihm zu schlafen, bevor ich heimging. Es war sowieso angedacht, dass Finn alleine mit den Kindern aß, da ich davon ausging, Frau Humbecks Ableben würde sich bis in die späten Nachtstunden hinziehen. Aber sie wollte wohl sichergehen, das menschenunwürdige Abendessen heute zu verpassen.

Jakob zog mich in seine Wohnung und warf mich aufs ungemachte Bett. Er arbeitete von zuhause aus, was praktisch war, wenn ich spontan vorbeikommen wollte. Ich konnte es mir einfach nicht abgewöhnen. Ich liebte es, Sex zu haben und meine Reize auszutesten. Ich brauchte es, um alles um mich herum zu vergessen, und nur zu spüren, was ich spüren wollte. Vielleicht war es schon fast krankhaft, vielleicht eine Art Kompensation für irgendetwas, aber das Warum war mir ehrlich gesagt egal. Es war allerdings nicht so, dass ich niemals mit meinen Affären gehadert hatte, ganz im Gegenteil: Wenn mir mein Verlobter morgens den Kaffee an den Tisch brachte, meine dreijährige Tochter mich umarmte oder wenn mein Großer strahlend mit einer Eins von der Schule nach Hause kam und ich vor Stolz fast platzte, ja, dann fraß mich mein Gewissen fast auf und meistens beendete ich meine Affären dann auch wieder. Aber ich verlor mich immer wieder im Rausch meines eigenen Körpers in der Fusion mit einem zweiten, genoss diesen und war alles und nichts zugleich, dachte an gar nichts und fühlte alles.

Das war definitiv besser als die Zigarette vorhin. Ich fühlte mich entspannt und zufrieden. Wie authentisch war das, was ich da gerade tat? War das ich? Die Fremdgeherin, Betrügerin, poetisch ausgedrückt eine Liebessklavin? Wenn mich andere Leute in diesem Falle beurteilen mussten, dann war ich wohl schlichtweg eine egoistische Hure, nichts anderes. Wieso war mir dieser Gedanke egal? Ich war eine Mutter, Herrgott noch mal! Ich war verlobt. Ich hatte Verpflichtungen, die ich spätestens dann eingegangen war, als ich mit meinem ersten Kind schwanger wurde. Und ja, ich lebte eine Zeit lang genau danach, wie es sich eben gehörte und ich musste zugeben, dass ich eine Weile ganz gut damit lebte. Eigentlich war alles so, wie es sein sollte, nach außen hin zumindest. Aber in mir drin, schrie und hämmerte ich gegen meine eigene Wand, die mich eigentlich schützen sollte vor all den schlechten Angewohnheiten von früher, den Gedanken, denen ich nicht mehr hinterherjagen und den Versuchungen, denen ich nicht mehr erliegen wollte. Der Mann an meiner Seite war fantastisch, die Kinder waren wunderschön, klug und das Beste, was ich je zustande gebracht hatte. Wir waren alle gesund. Aber vielleicht, und mir fiel Frau Humbecks Frage wieder ein, war ich in diesem Moment, als ich nackt und befriedigt neben einem Mann lag, von dem ich nichts weiter wusste als seinen Namen, die Adresse und seine Vorlieben im Bett, vielleicht war ich in diesem Moment mehr ich selbst, als ich es mir einräumen wollte. Tja, wer wollte sich schon eingestehen, eine Hure zu sein? Aber ja, zu 69% wäre ich das wohl… passenderweise.

Auf dem Weg nach Hause schob ich jeglichen Gedanken des Tages beiseite. Die sterbende Humbeck, der mich von hinten vögelnde Jakob und mein Eingeständnis, eine Schlampe zu sein. Als ich die Tür hinter mir zusperrte, kam Emmi bereits angerannt, um ihre kleinen Arme um meine Jeans zu schlingen, die ich mir noch vor einer halben Stunde liebestrunken wieder angezogen hatte. „Komm her, meine Kleine! Na, habt ihr schon gegessen?“ „Ja, Papa hat Lasagne gekocht, ganz alleine“, erzählte sie mit schwärmenden Augen. Wie sie ihren Papa vergötterte! Nicht zu Unrecht, er war ein guter Vater, ein toller Mann und auch wenn man es mir kaum glauben mochte: Ich liebte ihn wirklich. Finn gab mir einen Kuss auf die Wange, als ich mich an den Tisch setzte. „Iss du ruhig, ich mache Emmi inzwischen fürs Bett fertig!“ Da war es wieder. Das kleine schlechte Gewissen, das mit seinen Ellbogen links und rechts in der Magengegend ausschlug, bevor es sich durch meine Speiseröhre seinen blutigen Weg nach oben bahnte. Warum setzten verrückte Menschen wie ich ihr Glück bloß aufs Spiel?

Später brachte ich zuerst Emmi, dann Jona ins Bett. „Mama? Wann werde ich denn einschlafen? Also für immer meine ich.“ Jonas Frage überraschte mich nicht, ich wusste, dass er sie irgendwann stellen würde. Es beschäftigte ihn, dass ich mit sterbenden Menschen arbeitete, aber ich fand es wichtig, mit meinen Kindern offen und ehrlich darüber zu sprechen. Das beste Vorbild für Ehrlichkeit war ich ganz allgemein gesehen wohl nicht, aber ich war keine schlechte Mutter. Bestimmt nicht perfekt, aber ich gab mir Mühe. Wie jede Mutter würde ich für meine Kinder sterben, keine Frage. Und ja, ich würde sogar darauf verzichten, dass mir dabei jemand den Schiller vorlas, wenn ich nur sichergehen konnte, dass es meinen beiden Schätzen gut ging. „Menschen, die sterben, schlafen anders ein als du und ich“, antwortete ich ruhig. „Sie sind nicht müde vom Tag, sondern müde vom Leben. Diese Menschen erzählen mir ständig, was sie alles erlebt und getan haben und wissen, dass sie alles soweit erledigt haben, bis vielleicht auf ein oder zwei Kleinigkeiten. Und dann helfe ich ihnen, diese noch zu Ende zu bringen. Hast du denn alles schon erledigt?“ Jona überlegte. „Nein Mama, ich muss morgen noch den Vortrag beenden, den wir heute angefangen haben.“ „Na siehst du. Und du hast noch ganz viel zu Ende zu bringen. Die Schule zum Beispiel. Und das Beste ist ja, dass immer wieder neue, schöne Aufgaben zu bewältigen sind – du hast also noch ganz schön viel vor in deinem Leben. Du redest ja auch davon, Architekt zu werden und richtige Häuser zu bauen. Dann verdienst du dein eigenes Geld und kannst dir ein Haus kaufen. Und vielleicht möchtest du ja mal heiraten und Kinder bekommen…“ Ich hielt kurz inne. Bin das ich? Sage ich gerade diese Dinge zu meinem Sohn? Ist das der Weg für alle Menschen? Wann habe ich diese Floskeln, die ich nicht mal selbst vertrete, verinnerlicht? Wenn Sie prozentuell ausdrücken müssten, wie authentisch Sie in Ihrem Leben sind, welche Zahl wäre das? 37% gerade. Höchstens. Ich versuchte, ehrlicher fortzufahren: „Oder vielleicht überlegst du dir alles ganz anders und alles was du erlebst, wird eine Überraschung. Stell dir vor, das Leben ist irgendetwas Essbares. Aber es gibt weder ein Rezept dafür noch ein Verfallsdatum. Wir sollten es einfach genießen. Wenn du irgendwann merkst, dass man das Leben nicht planen kann und du das Gefühl hast, wirklich glücklich zu sein, dann kannst du für immer einschlafen und du wirst keine Angst mehr davor haben. Das heißt aber eben auch, es passiert, wenn es passieren soll. Keiner kann uns da eine genaue Zeit sagen. Und das ist auch gut so, denn nur so bleibt das Leben genießbar.“ „Das Leben ist ein Essen, Mama?“, lachte Jona. „Du spinnst!“ Unwillkürlich musste auch ich lachen. „Ja ich weiß… Aber ja, das Leben ist ein Essen. Lass es dir also schmecken! Schlaf gut mein Großer.“

Als ich Jonas Zimmer verließ, spürte ich das Handy in meiner Gesäßtasche vibrieren. „War geil heute, kommst du morgen wieder?“, las ich draußen im Flur und merkte, dass mein Gewissen mit dem Kribbeln zwischen meinen Schenkeln konkurrierte. Eine zweite SMS bekam ich von meiner Mama, die sich danach erkundigte, wann wir denn endlich mal wieder vorbeikämen. Und mir fiel ein, dass ich meiner besten Freundin versprochen hatte, sie heute noch anzurufen, damit sie mir vom neuen Job erzählen konnte. Tochter, Geliebte, Freundin, Mutter, Fast- Ehefrau, Sterbebegleiterin, Bankkauffrau. Welches war meine Reihenfolge? Ich steckte das Handy in meine Gesäßtasche, ging ins Wohnzimmer und legte mich neben meinen Verlobten aufs Sofa. Mit dem Gefühl, von all den Anforderungen erdrückt zu werden, schloss ich die Augen. „Willst du noch reden oder fernsehen?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf und Finn stellte keine weiteren Fragen. Vielleicht war das der Grund dafür, warum wir schon so lange zusammen waren. Ich war mir nie ganz sicher, ob er nicht doch ahnte, was ich abseits des „normalen“ Lebens so trieb. War „normal“ mit „authentisch sein“ gleichzusetzen? Wohl kaum. Normal war das, was allgemein galt. Was gesellschaftstauglich war, vorzeigbar. Worüber man sprach, ohne rot anzulaufen oder sich rechtfertigen zu müssen. Meine Affären fielen eindeutig durch dieses vernünftige Raster, aber es war verrückt, dass dies zum Beispiel auch meine ehrenhafte Arbeit als Sterbebegleiterin tat. Fast so, als wäre ich der Tod persönlich. Wie würden die Leute mich wohl ansehen, wenn sie wussten, dass ich mich anschließend noch auf fremden Küchentischen vögeln ließ, während zuhause meine Familie an unserem auf mich wartete, mit Lasagne, die ich morgens noch eigenhändig zubereitet hatte? Wie das alles zusammenpasste, würden sie sich fragen und ganz ehrlich: Eine Antwort hätte ich genauso wenig parat, wie sie.

Finn streichelte mich am Arm und nach einigen Sekunden hörte ich, wie er tiefer und gleichmäßiger atmete. Seit nunmehr elf Jahren schlief er immer vor mir ein. Sprang für mich von der Klippe, um mir den goldenen Becher aus dem Ozean zu holen. Ich fragte mich im Stillen, warum er noch nie ein Wort über all das verloren hatte, was außerhalb dieser vier Wände geschah. Nach dem wievielten Sprung würde er nicht mehr zurückkehren von seinem Tauchgang? An diesem Abend lag ich noch lange wach, denn ich musste erst mit dem Gedanken fertig werden, dass auch ich womöglich zu den Menschen gehörte, die man nicht sonderlich leiden mochte. Ich war eine Humbeck. Ich war eine, die nach anderem Essen schrie, weil sie mit dem, das sie aufgetischt bekam, nicht zufrieden war. Ich war die, die zwar auch Gutes in ihrem Leben tat, sich damit aber für alles rechtfertigte. Die Tatsache, dass ich eine genauso auf sich bezogene Frau war wie die Alte, die heute Nachmittag mit wütend zusammengepressten Augenbrauen verstorben war, ließ mich nicht einschlafen. Als mir dann irgendwann doch die Augen zufielen, träumte ich, dass ich einer jungen Frau letzten Beistand leistete. Als ich ihr die Stirn abtupfte, war es mein eigenes Gesicht, das ich unter mir auf dem Sterbebett liegen sah. Ich fragte: „Tut dir das gut?“ und ich hörte mein sterbendes Ich sagen: „Naja, lieber würde ich noch einmal mit deinem Mann vögeln, als von einem Früchtchen wie dir abgetupft zu werden.“ Mit dem Schlaf war`s das also.

Es war der nächste Tag und ein Mittwochmorgen, an dem ich im Büro an meinem Schreibtisch saß und durch die Glastür all die Leute beobachtete, die ihre Bankgeschäfte zu verrichten hatten und hoffte insgeheim, dass niemand von ihnen meine Dienste in Anspruch nehmen würde. Ich konnte wirklich behaupten, dass ich an diesem Tag Menschen hasste. Aber vielleicht waren es auch nicht die Menschen, sondern nur diese Mist-Frage der Humbeck. Wer war ich? Wer war ich wirklich? War das die Sinneskrise, die alle Frauen um die vierzig herum bekamen? Ich war erst 34 und eigentlich fühlte ich mich in mancher Hinsicht nur halb so alt. Reife war nicht meine Stärke, obwohl ich das mit der Arbeit und dem Mama-Sein und den ganzen Rest doch irgendwie ganz gut auf die Reihe brachte. Aber war ich nur das? War ich nur diese Mama Schrägstrich Bankkauffrau mit engem Rock und Seidenbluse hinter einer Glaswand? Machten mich die Menschen vor der Glastür und überall da draußen genau dazu? Eigentlich hasste ich diesen Rock – jeden Morgen, wenn ich mich zurechtmachte, hatte ich das Gefühl, mich zu verkleiden. Was ich lieber angezogen hätte? Jeans und ein schulterfreies Top. Bauchfrei wollte ich auch manchmal gern sein und mir Blumen ins Haar flechten. Schlechte Wahl für eine Bürokauffrau. Eine noch schlechtere Wahl für eine Mutter Schrägstrich Bürokauffrau über dreißig. Aber die Leute da draußen verlangten, dass ich in meinem Bürorock und meiner Bürobluse und meinem Bürolächeln hier drin saß und ihnen die Beratung gewährte, die sie brauchten. Ich glaubte, diesen Teil von mir mochte ich gar nicht. Diese Berufsmaskerade. Schlechte 8% würde ich also sagen. Vielleicht hätte ich doch meinem irrationalen Traum vom Malen nachgehen sollen. Dann hätte ich sitzen können, wo immer und wie ich es wollte. Auf dem Boden, mit einem viel zu großen schwarzen Band-T-Shirt bekleidet und barfuß. Mit Farbklecksen auf den Fußsohlen und im natürlich nicht perfekt frisierten Haar. Ich hätte singen können, während ich meinen Pinsel eintauchte, ein neues Grün erfand, ich mit meinen Fingern über die riesige Leinwand strich und den sorgfältig aufgetragenen Farben neue Symbiosen schenkte.

Im Büro und im Leben gab es keinen Platz für neue Farbnuancen. Ich realisierte, dass ich meinen Affären wohl deshalb so große Bedeutung schenkte, weil ich durch sie im übertragenen Sinne die Malerin war, die ich immer hatte sein wollen. Nie hatte ich den Wunsch, in einer Bank zu arbeiten. Aber einen vernünftigen Beruf erlernte man nun mal. Und wenn ich ehrlich war, hatte ich es mir auch nie vorstellen können, Kinder zu bekommen. Aber es gehörte zum Leben einer Frau dazu. Ich liebte meine Kinder, aber ich liebte es nicht immer, Mama zu sein. Man würde mich auspeitschen, würde ich so etwas jemals laut aussprechen. Und doch stellte ich mir einen Moment lang vor, wie es wäre, ich wäre eine weiße Leinwand. Gewissermaßen eine „Authentizitätsleinwand“ und ich könnte sie genauso gestalten, wie ich es mochte. Wie würde sie am Ende aussehen? Ich blickte auf die Zettel auf meinem Bürotisch mit den vielen Ziffern und Beträgen, Kunden und Kontokorrentnummern, die mich im Grunde Null interessierten, und wusste um mein metaphorisch tosendes Meer. Wie es schien, schien der Schlund der Charybde weiter aufgerissen zu sein als gedacht, aber war ich die, die sich hineinstürzen würde? Hatte ich mich nicht längst schon reingeworfen in diese verrückte Frage? Oh, dieser Wollpullover! Dieser verdammte Wollpullover.

Der Taucher (Friedrich Schiller)
»Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, 
Zu tauchen in diesen Schlund? 
Einen goldnen Becher werf ich hinab, 
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund. 
Wer mir den Becher kann wieder zeigen, 
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.«
Der König spricht es und wirft von der Höh 
Der Klippe, die schroff und steil 
Hinaushängt in die unendliche See, 
Den Becher in der Charybde Geheul. 
»Wer ist der Beherzte, ich frage wieder, 
Zu tauchen in diese Tiefe nieder? […]
[…] Und es wallet und siedet und brauset und zischt, 
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt, 
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt, 
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt, 
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren, 
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.
Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt, 
Und schwarz aus dem weissen Schaum 
Klafft hinunter ein gähnender Spalt, 
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum, 
Und reissend sieht man die brandenden Wogen 
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.
Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt, 
Der Jüngling sich Gott befiehlt, 
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört, 
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült, 
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer 
Schliesst sich der Rachen, er zeigt sich nimmer. […]
[…] Und sieh! aus dem finster flutenden Schoss, 
Da hebet sich’s schwanenweiss, 
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloss, 
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiss, 
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken 
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken. […]
[…] Drauf der König greift nach dem Becher schnell, 
In den Strudel ihn schleudert hinein: 
»Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell, 
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein 
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen, 
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.«
Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt, 
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn, 
Und er siehet erröten die schöne Gestalt 
Und sieht sie erbleichen und sinken hin – 
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben, 
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.
Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück, 
Sie verkündigt der donnernde Schall – 
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick: 
Es kommen, es kommen die Wasser all, 
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder, 
Den Jüngling bringt keines wieder.
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3 Gedanken zu „Die Humbeck-Frage

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