Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich meinen zweiten Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich wollte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und  stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und  die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen.  Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich wollte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rauh und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über- die-Worte-Gleiten, war es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich wollte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht. Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich wollte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werd‘  ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber fröhlich weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich wollte wirklich gern verstehen,

doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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3 Gedanken zu „Kompliment an Mr. Oldman

  1. Schreibrausch

    Ja, das ist ein toller Text. Und weil ich auch nicht mehr der Jüngste bin, kann ich dir sagen, dass das Leben im Alter, trotz aller Schwierigkeiten schöner werden kann. Loslassen, meditieren, Herzensfreunde haben.
    Du schreibst von den Momenten, in denen „er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, “ Wer sagt Dir, dass er die jetzt nicht mehr hat?

    Gefällt mir

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