Es ist.

Dieser Poetry Slam-Text ist für einen Vortrag der Südtiroler Landesrätin für Chancengleichheit entstanden.


Ihr Name war Marie und sie war eine Frohnatur,

herzensgut, optimistisch, motiviert. Sie wollte nur

und man kanns ihr schließlich nicht verdenken

ihr Leben in die gewollt/gewünschte Richtung lenken.

Sie hatte `nen Traum, wollt dafür alles geben.

Doch wie es so oft passiert, ging einiges daneben.

Ein neuer Job, neue Kollegen,

und sie, die talentierte Neue wollte hier endlich was bewegen.

Aber da war er. Ein Irgendwie-Normalo, wie man ihn sich vorstellt und doch einer der sich verstellt, und sich niemals hinten anstellt. Er bestellt, was er will und bekommt was er will,

in ganz großem Macho-Stil.

Sie merkte schnell, er peilte sie an mit seinen Pfeilen aus Worten, unpassend gemeine.

„Das ist nichts für dich Schätzchen, das verstehen nur Große.“ „Na Kleine,

du Süße, du Dummchen,“ – das war nur der Anfang.  

Irgendwann fing es dann an

Der Druck, den er machte, war ein geübter. Die Macht, die er ausübte routiniert. Und ungeniert machte er sie kleiner als sie war,

und ihr war klar,

dass sie nichts mehr richtig machen konnte

und während er sich in seiner Position sonnte,

wurde sie kleiner und kleiner.

Und ein jeder seiner 

„Ich-schaue-dich-nicht-an-Gesichter“ machten sie wütend, und am liebsten hätte sie sein Gesicht hergedreht zu ihrem und ihn gebeten, dass er sie ansähe. Aber Sehen hätte ihn verstehen lassen

und er wollte sie nicht gehen lassen.

Weil er sie brauchte um sich abzureagieren

und über jemanden zu triumphieren.

Ein böses Wort hier, eine Stichelei dort, und mit der Zeit war ein jedes Wort wie ein Dolch

und machte ihren neuen Job zu einem unerträglichen Ort.

Jeder Tag war für sie eine Qual,

das lockere „Ist mir so egal

und die Wut irgendwann leise fortgeschwemmt.

Ihre ungehemmte Art wich der Angst zu versagen und ihr Gedanke war nur:

Was nützt es jetzt noch, etwas zu wagen?

Wochen vergingen, die Tränen vergingen, die Freude verging, ihr Selbstvertrauen ging – und sie ging … nicht.

Sie sagte nichts, bat nicht um Hilfe. Sie schwand dahin, verschwand in ihm, in seinem großen, mächtigen Schatten.

In ihrem Bauch knoteten sich Angst und Verzagen zu einem Knäuel,

und sie fühlte auch, wie sie sich immer mehr geschlagen gab.

Ihren Traum? Den gab es nicht mehr.

Sie setzte sich nicht mehr zur Wehr, es fiel ihr zu schwer, eine Träne zu weinen

oder das was er sagte, auch nur einmal zu verneinen.

Ein jedes Wort schluckte sie runter, hat ihren eigenen Namen längst vergessen.

„Schätzchen“ hat am Tisch mit den anderen – seit Monaten nicht gegessen. Sie zog sich zurück, es ging ihr nicht gut. Bei dem was sie tat, war sie plötzlich nicht mehr gut,

denn er sagte, sie mache Fehler und für alles andre fehlte der Mut. Er nahm ihr alles, was sie war.

Ihr Kopf pochte wild, ihr Magen war flau und sie wusste genau:

Wie kann ein Mensch das sein, was er ist,

wenn er plötzlich all die Sätze frisst,

die ihm vorgekaut werden, wenn er das verbaut bekommt,

wenn ihm all das um ihn nicht mehr bekommt?

Und wie kann ein Mensch das werden, was er werden will,

wenn still sein als Einziges übrig bleibt?

Wie eine jede Geschichte, könnte auch diese mit einem „Vor langer, langer Zeit“ beginnen, aber wisst ihr was? Nichts davon ist so weit weg, wie es sollte. Denn es ist das Heute, das Jetzt und hier.

Und es kann jedem passieren, auch dir und mir.

Ich beobachte die Menschen, ihre Mäuler sind aufgerissen.

Ich sehe die Menschen, sie sind innerlich zerrissen.

Weil Respekt ein Fremdwort ist, weil  die einen die anderen nicht mehr sehen und nur ihren eigenen Kram sehen

und sie verstehen nichts vom anderen.

Und es scherte sie schon damals nicht,

und heute hat das alles noch weniger Gewicht.

Weil sich unsere Werte verändert haben und was uns heute mehr wert ist, als der Selbstwert unseres Gegenübers ist das eigene Ich.

Als Menschen geboren,

haben wir die Menschlichkeit schon bald verloren.

Die Säulen der Gesellschaft wanken und wir danken uns auch noch selbst dafür.

Wir stehen uns nur noch selbst gegenüber

und sind überdrüber und stellen unsere eigenen Ziele über alles und zielen die falsche Zielscheibe an:

Es soll uns immer besser gehen,

Anstand aus.

der Job muss über allem stehen, und wir müssen immer besser sein und besser werden.

Und mit diesem Messer am Hals, steigt in uns der Druck. Wir müssen uns durchboxen, Ellebogen raus,

Moral? Egal.

Drum kann und soll diese Geschichte nicht beginnen mit einem „Es war einmal“.

Sie beginnt mit einem „Es ist.“


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