Alma

Schriftstellerin Alma Becker wusste nicht, ob es an dem nordischen Aussehen lag oder an der Tatsache, dass die fremde Frau am großen Gartentisch ganz alleine hier war, aber irgendetwas Eigenartiges hatte diese an sich. Etwas Faszinierendes, Anziehendes.

Es war bereits der dritte Nachmittag, den die 39-jährige Alma auf der Hütte mitten im Nirgendwo der Berge verbrachte und sie musste über sich schmunzeln – denn eigentlich war sie selbst ja auch alleine hier, genauso wie die Frau mit dem blassen, ungeschminkten Gesicht und dem kinnlangen Haar, dass so blond war, dass es fast schon weiß schimmerte. Und trotzdem … Im Gegensatz zu Alma und den wenigen anderen Hausgästen – fast allesamt eigenbrötlerische Alleinreisende bis auf zwei Pärchen – stach die Fremde, die vermutlich aus einem der skandinavischen Länder stammte und deren Alter man absolut nicht einschätzen konnte, besonders hervor. Man hörte sie nie mit einem der Gastgeber oder der Kellner reden, nie brach sie zu einem Spaziergang oder gar zu einer Wanderung auf. Sie lehnte sich nie zurück, streckte nicht ein einziges Mal ihr Gesicht in die Sonne. Alma Becker konnte die Frau immer nur dabei beobachten, wie sie las. Sie las und las und las, und das eine Buch, in das sie sich da Tag für Tag vertiefte, schien nie zu enden.

Während Alma auf der Bank vor der Hütte die Sonnenstrahlen in sich aufsog und einige Notizen zu ihrem neuen Roman niederschrieb, überlegte sie gleichzeitig, wer die fremde Frau wohl war, wie sie hieß, woher sie kam und was sie hierher verschlug. Nach einiger Zeit hatte die Fremde aber offensichtlich doch genug gelesen und sie ging in ihrem blau-weiß gepunkteten Rock und ihrem dunkelblauen Pulli wort- und blicklos an Alma vorbei ins Haus. Die Autorin bemerkte erst jetzt, dass sie fast zwei Stunden damit zugebracht hatte, über eine ihr völlig unbekannten Frau nachzudenken. In ihrem Notizheft: nicht mehr als angebrochene Sätze und einige Wörter. Der Rest war Gekritzel, Geschnörkel und der klägliche Versuch, die Silhouette eines Laubbaumes zu malen. Alma, die – wie ihr klar war – vermutlich selbst verwunderlich auf den einen oder anderen Betrachter wirkte, tadelte sich in Gedanken selbst. Aber sie kannte diese plötzlichen Abwesenheiten von sich schon. Dieses mit-dem-Kopf-nicht-mehr-in-der-Situation-Sein, sondern schon in einer ihrer tausend Ideen. Kreative Köpfe haben es nun mal an sich, „anders“ zu wirken. Etwas aus der Norm gerückt. Verrückter gar. Sie sind empfindsamer als andere, nehmen die Welt intensiver und in all ihren Details wahr und verlieren sich in Orte, in anderen Menschen, in Ereignissen und Geschichten. Alma Becker hatte sich daran gewöhnt, eine Außenseiterin zu sein und fand es eigentlich gar nicht schlimm. Erstaunlich allerdings war, dass es unter Außenseitern auch noch Außenseiter gab. Alma beschloss sich mit der fremden Frau anzufreunden, denn vielleicht – so hatte die Autorin das Gefühl – könnte genau diese fremde Frau die entscheidende „Zutat“ ihrer neuen Geschichte sein.
Darum schloss Alma Becker ihr Notizbuch und folgte der Fremden ins Haus.

Dieses Haus, eigentlich eine Art Berghütte, die in ihrer Art so ungewöhnlich wie die Gäste, die zeitweise darin wohnten, war einer jener Orte, an denen Almas Gedanken sich festsaugen konnten – daher kam sie mindestens einmal im Jahr hierher. Ihre letzten Romane hatten schließlich erst hier ihre gewünschte Form bekommen – und es hatte allen Anschein, als würde es wohl auch dieses Mal so sein.

Es war der knirschende Holzboden, es waren die beinah‘ verblühten Wiesenblumen in den verstaubten Vasen und das weiße Porzellangeschirr in den Kommoden. Es waren die Schlüssel an den Zimmertüren und die kleinen Drehknöpfe der Lichter. Es war das umliegende Nichts an Gräsern, Bergen und Grillenzirpen. Die Ruhe. Die inspirierende und gleichzeitig verstörende Einsamkeit des Hauses. Die knarzenden Treppen, die nach oben zu den spartanisch eingerichteten Zimmern führten.

Im ersten Stock angekommen erblickte Alma eine angelehnte Zimmertür. Es war die ihre. Hatte sie vorhin vergessen sie abzuschließen? „Das kann eigentlich gar nicht sein“, dachte sie verwundert. Immerhin kontrollierte Alma Becker Türen und Fenster immer sechs Mal, bevor sie ihre Wohnung zuhause oder hier ihr Zimmer verließ. Sechs Mal. Nicht öfter, aber garantiert nicht einmal weniger.
Sobald sie zur Tür trat und sie öffnete, wurde es noch stiller in dem Haus. Die Fremde saß auf Almas Bett, ihr Buch lag geöffnet neben ihr auf dem Kopfkissen. Sie sah Alma direkt an, wortlos und zeigte mit dem Finger darauf. Alma fühlte sich wie in einem Tunnel, durch den sie nur in eine Richtung gehen konnte. Stumm machte sie die Tür hinter sich zu, ging zum Bett, nahm das Buch in die Hand und erkannte, dass es ein Notizbuch war. Darin: angebrochene Sätze, einzelne Wörter, Kritzeleien, Geschnörkel und der klägliche Versuch die Silhouette eines Laubbaumes zu malen. Verständnislos blickte Alma zu der Fremden, die aufstand und sich nackt auszog. Ihr Gesicht veränderte sich nicht dabei, ihre Bewegungen waren unaufdringlich und natürlich. Sie stand da, mit ihrer porzellanfarbenen Haut, den hellblonden Haaren und einem kurvigen Körper, der einer unter Tausenden war, doch in diesem Moment war er der eine. Und sie nahm Almas Hände. Sie führte deren Finger über ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Scham. Der Tunnel, durch den Alma immer weiter voranschritt, wurde plötzlich ein Rauschen voller Haut, Küsse und sanfter Bewegungen, voller gehauchter Wörter, Gefühle und Gedanken, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ihre Gestalt annehmen würden.


Etwas später schlief die Fremde, von der die Schriftstellerin noch immer nicht wusste wer sie war oder woher sie kam und die sie noch immer nicht hatte auch nur ein Wort sprechen hören, neben Alma Becker im Bett. Sie schlief so friedlich, als hätte sie schon immer hier geschlafen. Alma erhob sich leise und ging ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen und ihr Gesicht von der verwischten Wimperntusche zu befreien. Als sie ihr blasses, ungeschminktes Gesicht im Spiegel sah und das Wasser ihr von Nasenspitze und Kinn tropfte, atmete sie tief durch. Dann rückte sie ihr hellblondes, fast schon weiß schimmerndes Haar wieder zurecht, zog sich ihren blau-weiß gepunkteten Rock und ihren dunkelblauen Pulli über und ging ins Schlafzimmer zurück. Das Bett war leer und ungemacht. Almas Buch war vorhin auf den Boden gefallen. Der Boden knirschte, als sie es aufhob. Draußen war es noch hell und sie beschloss wieder hinunter zu gehen, an den großen Tisch im Garten. Vielleicht würde sie heute mit einem der Kellner ein Gespräch beginnen, oder vielleicht würde sie mal einen kleinen Spaziergang an den Weiher machen, bevor sie an ihrem Roman weitertüftelte. Sie war die letzten Tage ja nur im oder vor dem Haus gewesen.

Ein inspirierendes Haus, ein sehr ungewöhnliches. Es war der knirschende Holzboden, es waren die beinah‘ verblühten Wiesenblumen in den verstaubten Vasen und das weiße Porzellangeschirr in den Kommoden. Es waren die Schlüssel an den Zimmertüren und die Drehknöpfe der Lichter. Es war das umliegende Nichts an Gräsern, Bergen und Grillenzirpen. Die Ruhe. Die inspirierende und gleichzeitig verstörende Einsamkeit des Hauses.


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